Entlastung für pflegende Angehörige

Ratschlag im Herzen von Bern

Mit einer Anlaufstelle für Menschen in Not öffnet das SRK Bern-Mittelland seine Türen mitten in Bern beim Hauptbahnhof einem breiten Publikum. Wer sich im Alltag überfordert fühlt und nicht weiss, an wen er sich wenden kann, erhält Hilfe in einem Gespräch von Mensch zu Mensch.

Anlaufstellen des SRK schweizweit
Das SRK bietet in der ganzen Schweiz neue Anlaufstellen für betagte Menschen und ihre Angehörige auf, damit diese möglichst lange eine Lösung finden im vertrauten Zuhause zu wohnen. Zurzeit sind es vierzehn Beratungsstellen, die vor allem pflegenden Angehörigen Hilfe anbieten. Ratsuchende erhalten jedoch einen Überblick über alle Angebote des SRK.
www.pflege-entlastung.ch

In den langen, hohen Gängen im GenerationenHaus neben dem Hauptbahnhof Bern geht es hektisch zu und her: Eine junge Mutter schiebt eilig einen roten Kinderwagen vor sich hin. Ein kleines Mädchen schaut neugierig aus dem Wagen hervor, die raschen Schritte der Frau hallen auf dem Steinboden. Weiter vorne steht ein gebeugter Mann mit weissem Haar und stützt sich auf einen Stock. Das neue Berner GenerationenHaus – ehemals Burgerspital – ist ein Begegnungsort für Jung und Alt. Genau deshalb ist es der ideale Standort für das Helpdesk des SRK Bern-Mittelland.

Für betagte Menschen und ihre Angehörigen

In der Beratungsstelle des SRK begrüsst Sozialberaterin Aline Kaufmann einen grossgewachsenen, älteren Mann. Rudolf Koch* pflegt seit über zwei Jahren seinen an Alzheimer erkrankten Bruder. Die Pflege und Krankheit seines Bruders belasten ihn sehr. Er stösst an seine Grenzen. Die Beraterin des SRK hört aufmerksam zu und informiert über die Entlastungsangebote des SRK. «Für unsere Kundinnen und Kunden haben wir immer ein offenes Ohr. Zeit zum Zuhören ist für die Betroffenen fast das Wichtigste», sagt die 25-jährige Fachfrau.

Sie weiss aus ihrer beruflichen Erfahrung, dass pflegende Angehörige meist überlastet sind und oft zu lange warten, bis sie Unterstützung suchen. Wie das Ehepaar Senn*, das dank der Anlaufstelle endlich eine Lösung fand. Es waren die Kinder des Ehepaars, welche der Beraterin am Helpdesk schilderten, wie die 80-jährige Mutter den krebskranken Vater Tag und Nacht umsorgte und dabei selber nicht mehr zur Ruhe kam. «Als wir vor Ort waren und unsere Unterstützung anboten, musste Frau Senn vor Erleichterung weinen», erinnert sich Aline Kaufmann. SRK-Freiwillige übernehmen jetzt die Betreuung des Schwerkranken drei Nächte die Woche. Dank dieser Entlastung geht es Frau Senn sichtlich besser. Sie kann trotz der schwierigen Situation weiterhin ihren Mann im geliebten Zuhause pflegen.

«Jemand hat Zeit und hört zu - das kann für Betroffene bereits eine Erleichterung sein.»

Für junge Menschen und ihre Pläne

Nicht nur ältere Menschen suchen die Anlaufstelle auf, das zeigt sich an der jungen Frau, die jetzt etwas schüchtern den Raum betritt und den prächtigen Stuck an der Decke betrachtet. Sie möchte gerne kleine Kinder hüten und will wissen, was sie tun muss. Aline Kaufmann informiert sie über den SRK-Babysitterkurs und gibt ihr die Informationsbroschüre. «Was mir an meiner Arbeit so gefällt, ist, dass jeder Tag anders aussieht.» Sie sei gerne da für die Menschen, die zu dieser Tür hereinkommen und Hilfe brauchen.

Kaum hat sich die junge Frau dankbar verabschiedet, taucht ein Mann auf, den Aline Kaufmann bereits zu kennen scheint. «Das ist unser Stammgast», erklärt sie lächelnd. Tafari Woldai* stand eines Tages total durchgefroren mit einem kleinen Koffer bei ihr am Schalter. Auf Englisch erklärte er ihr, dass er ohne Vorwarnung seine Unterkunft verlassen musste und nun seit zwei Tagen auf der Strasse lebe und nicht mehr weiter wisse. «Aufgrund meines guten Netzwerks, konnte ich ihm kurzfristig eine befristete Unterkunft besorgen», erzählt die junge Bernerin. Tafari Woldai hat inzwischen eine Wohnung gefunden. «Die Institution Benevol nebenan bietet einen kostenlosen Schreibdienst an. Ich habe ihm geraten, dort Unterstützung zu holen, damit er weiss wie die Formulare richtig ausgefüllt werden und wie ein korrektes Begleitschreiben für die Wohnungsbewerbung verfasst wird.» Nebst der Anlaufstelle des SRK befinden sich weitere Institutionen im GenerationenHaus, die gezielt zu einem Thema Beratung anbieten oder Hilfe im sozialen Bereich. Ein Grund mehr, warum Aline Kaufmann hier gerne arbeitet, wie sie erklärt: «Diese Vernetzung hier vor Ort ist für unsere Arbeit sehr kostbar und wahrscheinlich auch einzigartig in der Schweiz.»

*Die Namen der Ratsuchenden wurden aus Datenschutzgründen geändert. Die abgebildeten Personen stehen in keinem Zusammenhang mit dem Bericht.