Rotes Kreuz Tessin

Entlastung Angehörige - Lehrreiche Jahre bei der neuen Nonna

Das SRK in Lugano vermittelt jungen Studentinnen und Studenten Wohnraum bei älteren Personen. In den Generationen-WGs wird viel voneinander gelernt und gerne gelacht – und oft entstehen langjährige Freundschaften. Vor allem ist diese Form des Zusammenlebens eine grosse Entlastung für die Angehörigen der Seniorinnen und Senioren.

Herzliches, warmes Lachen dringt aus der Küche. Zwei ausdrucksstarke Frauen stehen am Herd, die Pasta dampft, beide lachen Tränen. So sei es immer, wenn sie zusammen sind, wenn sie kochen, spazieren gehen oder auf der Terrasse im sechsten Stock sitzen und den Blick auf den Lago di Lugano geniessen, sagt Meriam Benhamza, die deutlich jüngere von beiden. «Wir sind mediterrane Typen», erklärt sie. «Wir lachen gerne, reden viel, sind sehr offen und erzählen uns alles.» Zweieinhalb Jahre wohnte sie bei der Rentnerin Maria Migliarese. Das Projekt SolidariETÀ des Roten Kreuzes in Lugano hat sie zusammengebracht. SolidariETÀ – Solidarität zwischen Generationen – vermittelt alleinlebenden Seniorinnen und Senioren, die Gesellschaft wollen, junge Studentinnen und Studenten, die günstigen Wohnraum suchen. Was auf den ersten Blick rein pragmatisch tönt, ist eine grosse Entlastung und Freude für alle Beteiligten.

Fragt man die 77-jährige Maria Migliarese, was für sie die schönste Erfahrung durch SolidariETÀ sei, erhellt sich ihr Gesicht. «Alles», sagt die Witwe lachend. «Zusammen mit Meriam, bin ich viel zufriedener. Ich fühle mich sicher und meine vier Kinder haben auch weniger Sorgen wegen mir. Meriam fragt mich, wie es mir geht, ich fühle mich nicht mehr einsam.» Vor 50 Jahren kam die gebürtige Italienerin in die Deutschschweiz. Nach der Pensionierung ihres Mannes zogen sie nach Lugano, kauften eine Wohnung am See. Er nutzte das Ergotherapie-Angebot des SRK. Nach seinem Tod interessierte sich Maria Migliarese für den Besuchsdienst. So kam sie in Kontakt mit SolidariETÀ.

Eine zweite Familie

Meriam Benhamza, die im Oktober ihr Studium in Financial Communication an der Universität Lugano abgeschlossen hat, war von Anfang an offen für diese Art des Zusammenlebens. Als sie in die Schweiz kam, war ihr klar, dass sie in einer WG wohnen möchte. Warum nicht gleich mit einer Frau, die sie vielleicht an ihre Grossmutter erinnert? 300 Franken bezahlen die Studentinnen und Studenten für ein Zimmer. «Das war natürlich auch ein Grund, wenn auch nicht das Hauptargument, warum ich mich beworben habe.» Für die junge Marokkanerin war Maria Migliarese in der Studienzeit wie eine zweite Familie. «Wir gingen zusammen in die Ferien, ich besuchte ihre Familie in Kalabrien und lernte italienisch kochen.» Und sagt mit einem Augenzwinkern über ihre Freundin: «Nur Maria mag meine Küche nicht, besonders die Gewürze sind ihr zu stark und scharf. Sie ist nicht so experimentierfreudig. Aber ich verstehe das, sie ist Italienerin.» Ende Mai kehrte die 28-Jährige zu ihrer Familie nach Casablanca zurück. Ein halbes Jahr lang suchte sie eine Stelle in der Schweiz, fand aber aufgrund ihrer Bewilligung keine Arbeit. Maria Migliarese fällt der Abschied schwer – auch weil erst im Herbst neue Studentinnen und Studenten nach Lugano kommen. Bis dahin muss sie alleine in ihrer heimelig eingerichteten Wohnung leben. Die Zeit überbrückt sie mit einer Reise zu ihrer Familie in Kalabrien. «Und bald werde ich Meriam in Marokko besuchen», versichert sie.

Seit Beginn dabei

Seit vier Jahren existiert SolidariETÀ in Lugano. Als Inspiration dienten Generationenwohngemeinschaften in Grossstädten wie Paris oder Barcelona. SolidariETÀ basiert auf dem Modell von Mailand. Doch im Gegensatz zu Mailand hat das SRK in Lugano Schwierigkeiten, Seniorinnen und Senioren für das Projekt zu begeistern. Zu gross ist die Angst der Familien, dass es Schwierigkeiten mit der jungen Person geben könnte. Doch wenn sie sich entschlossen haben mitzumachen, sind sie überzeugt. So wie Caterina Wennubst. Seit dem Beginn von SolidariETÀ vermietet sie in Lugaggia oberhalb von Lugano mehrere Zimmer an Studentinnen und Studenten. Auf die Möglichkeit hingewiesen wurde Caterina Wennubst durch ihre älteste Tochter, die als Freiwillige beim SRK arbeitet. Nun leben zwei Studenten bei der 84-Jährigen: Darya Basova und Salvatore Buttitta. Die gebürtige Holländerin freut sich über die Gesellschaft der jungen Menschen. «Doch dass die Studenten ihr eigenes Leben haben und nicht den ganzen Tag zu Hause sind, passt mir auch gut. Gerade eben hat Darya den Bus nach Lugano genommen, sie gibt in der Stadt Klavierstunden», erklärt sie die Abwesenheit der Moskauerin. Die 23-Jährige studiert am Konservatorium.

Im Wohnzimmer des grossen Hauses steht ein Klavier, auf welchem die Musikstudentin täglich übt. Bilder aus fernen Ländern schmücken die Wände, asiatische Statuen stehen auf Kommoden. Caterina Wennubst spricht neben Holländisch und Italienisch auch Deutsch, Englisch, Französisch und etwas Malaiisch. Ihre Augen funkeln, wenn sie von ihrer bewegten Vergangenheit erzählt: Ihren Mann, ebenfalls aus Amsterdam, heiratete sie in London. «Von da zogen wir direkt nach Indonesien. Mein Mann kam aus einer Kolonialfamilie.» Sieben Kinder hat sie mit ihm grossgezogen. Als sich zu Beginn der 1950er Jahre Indonesien endgültig von der Kolonialmacht Niederlande befreien konnte, verliess Familie Wennubst das Land und zogen in die Schweiz.

Frage der Sicherheit

Der grosse Garten ist Caterina Wennubsts Leidenschaft. «Am Abend grasen hier manchmal Rehe, auch Hasen habe ich schon gesehen.» Leider besuchen nicht nur angenehme Fremde das abgelegene Haus. Auch Diebe waren schon da. «Doch mein Enkel Fabrizio schlug sie in die Flucht.» Dass die alte Dame mit Studenten wohnt, ist auch eine Frage der Sicherheit, denn sie ist selber viel unterwegs. «Ich glaube, Darya ist auch froh, wenn ich manchmal weg bin. Dann kann sie ungestört Klavier üben», schmunzelt sie. Mit der russischen Studentin verbindet sie schon nach kurzer Zeit eine schöne Freundschaft. Sie sitzen in der Küche, schlendern durch den Garten oder Caterina Wennubst lauscht den Klavierklängen. Die junge Studentin möchte noch ein, zwei Jahre länger bei Caterina Wennubst wohnen. Und das bestimmt nicht deshalb, weil die elegante Seniorin ein Klavier im Wohnzimmer stehen hat.