François Reinhard, Fahrdienst SRK

Der Lieblingschauffeur

François Reinhard ist jede Woche als freiwilliger Fahrer für das Schweizerische Rote Kreuz Berner Jura im Einsatz. Der ehemalige Polizist bereut, dass er dieses wichtige freiwillige Engagement nicht schon früher übernommen hat. Wir begleiten den Lieblingschauffeur von Fahrgast Arlette Racheter heute bis nach Bern.

Fahrdienst SRK mit Unterstützung
Der Rotkreuz-Fahrdienst ist für Menschen da, die nicht mobil sind: Freiwillige Fahrerinnen und Fahrer begleiten sie zum Arzt oder in die Therapie. Kontaktfreudigen Menschen, die gut und gerne Auto fahren, bietet der Fahrdienst eine spannende Aufgabe im Bereich der Freiwilligenarbeit.
Allianz Suisse unterstützt den SRK-Fahrdienst seit neun Jahren. Severin Moser, CEO Allianz Suisse würdigt den Fahrdienst als Geschenk an die Gesellschaft: «Einen sympathischen und zuverlässigen Fahrer wie François Reinhard wünsche ich mir für meine eigenen Angehörigen. Er und rund 7000 weitere freiwillige Fahrerinnen und Fahrer stellen ihre Zeit dem SRK zur Verfügung für eine Dienstleistung, die vielen Menschen einen grossen Nutzen bringt. Das unterstützen wir sehr gerne.» www.redcross.ch/fahrdienst

Bern, an einem sonnigen Morgen kurz vor neun Uhr. Auf dem Waisenhausplatz hilft ein Mann einer betagten Frau aus dem Auto in den Rollstuhl. Trotz der morgendlichen Kälte sind die beiden bester Laune. Sie lachen und necken sich, als ob sie sich schon ewig kennen würden. An sich hätte die 87-jährige Arlette Racheter allen Grund, traurig zu sein: Sie hat verschiedene gesundheitliche Beschwerden und ist deshalb nicht mehr gut zu Fuss. Zudem benötigt sie wegen einer Makuladegeneration regelmässig eine Spritze in beide Augen. Jeden Monat muss sie deshalb den langen Weg von Court im Berner Jura in die Bundeshauptstadt auf sich nehmen.

Doch mit seinem Humor und seiner Herzlichkeit gelingt es François Reinhard immer wieder, seine Passagierin aufzumuntern. Um nichts in der Welt würde sie ihren Fahrer wechseln: «Herr Reinhard ist mein Lieblingschauffeur!», sagt sie bestimmt. «Ich weiss gar nicht, was ich ohne den Rotkreuz-Fahrdienst machen würde.» Wie sie müssten Tausende von Menschen mit eingeschränkter Mobilität auf Arztbesuche oder Therapien verzichten. Für Arlette Racheter würde dies letztlich bedeuten, dass sie ihr Augenlicht verlieren würde.

Er erfüllt jeden Wunsch

Kurz vor neun Uhr hilft François Reinhard Arlette Racheter aus dem Rollstuhl. Mit dem Lift begleitet er sie zu ihrem ersten Arzttermin an diesem Vormittag. Der Freiwillige geht sehr aufmerksam auf die Patientin ein und achtet darauf, dass sie nicht stürzt. Während der Behandlung, die bis zu einer Stunde dauern kann, wartet er geduldig draussen. Als sich die Tür endlich öffnet, ist es höchste Zeit, einige Strassen weiter eine zweite Praxis aufzusuchen. Dabei leistet der Rollstuhl gute Dienste.

Neben seiner treuen Passagierin begleitet François Reinhard regelmässig weitere Personen mit eingeschränkter Mobilität. Manchmal ist er täglich für den Fahrdienst im Einsatz. Anfangs war er sich nicht sicher, ob er für die Begleitung von älteren Menschen gemacht sei. Doch als er 2009 eine Freundin zum Optiker fuhr, fand Gefallen an dieser Aufgabe. Seither steht er dem Schweizerischen Roten Kreuz Berner Jura als Freiwilliger zur Verfügung. «Ich bedaure nur, dass ich nicht schon früher damit angefangen habe. Nie hätte ich gedacht, dass so viele Menschen auf den Fahrdienst angewiesen sind», erklärt François Reinhard. Es ist ein wunderbares Gefühl, die Dankbarkeit der älteren Menschen zu spüren.» Eine Patientin hat ihm sogar anvertraut, die Fahrten mit ihm seien mindestens so hilfreich wie die ärztliche Behandlung.

Mit seinem Humor und seiner Herzlichkeit gelingt es François Reinhard immer wieder, seine Passagierin aufzumuntern.

Der ehemalige Polizist sitzt gerne hinter dem Steuer und lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Wenn er zum Beispiel jemanden fährt, die an Epilepsie leidet, informiert er sich zuvor, was bei einem Anfall zu tun wäre. Doch er gibt auch zu, dass gewisse Situationen belastend sind. So fährt er ab und zu ein siebenjähriges Mädchen, das an einer seltenen Krankheit leidet und weder gehen noch sprechen kann. «Sie ist gleich alt wie mein Enkel. Das macht mich schon traurig und gibt mir zu denken», sagt der dynamische Rentner.

Sicher und staufrei ans Ziel

Nach wenigen Schritten unter den Berner Lauben treffen die beiden bei der zweiten Arztpraxis ein. Diesmal bietet der Lift Platz für den Rollstuhl. Unterdessen kennt François Reinhard die Ärzte seiner Passagierin. Manchmal kann er erreichen, dass sie weniger lang warten muss. Er verfolgt auch genau, für welchen Zeitpunkt die nächsten Arztbesuche vereinbart werden. «Oft getrauen sich ältere Menschen nicht, einen Termin am frühen Morgen abzulehnen, obwohl dann Stossverkehr herrscht», bemerkt der Fahrer. Er ist stolz darauf, dass er noch nie zu spät gekommen ist: dank seinem Navigationsgerät – «einer genialen Erfindung» – und den vielen Schleichwegen, die er mittlerweile kennt.

Schon neigt sich der Vormittag seinem Ende zu. Arlette Racheter wird rechtzeitig für das Mittagessen zurück im Altersheim sein. Im Auto läuft eine CD: Pierre Bachelet singt von den Zeiten, als er noch 20 war. Passagierin und Fahrer, die sich bestens unterhalten, strahlen mit der Sonne um die Wette. Draussen zieht die Landschaft vorbei. Hinter behäbigen Berner Bauernhäusern öffnet sich der Blick auf die Berge und den herannahenden Berner Jura. François Reinhard fährt über malerische Nebenstrassen und Arlette Racheter geniesst es, dass dieser Arztbesuch mit einer Spazierfahrt über Land endet.