Entlastung für pflegende Angehörige

Lebensfreude erhalten

Die 86-Jährige Marlyse Vonlanthen ist schwer an Parkinson erkrankt und fast rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Ihre zwei Töchter tun alles dafür, dass sie weiterhin zu Hause leben kann. Wie Marlyse Vonlanthen werden in der Schweiz 250 000 Menschen von ihren Angehörigen gepflegt. Ihnen bietet das Rote Kreuz mit seinen Kantonalverbänden Entlastungsangebote. Diese unterstützen die Angehörigen im anstrengenden Pflegealltag und geben ihnen die nötige Sicherheit.

DREI FRAGEN

Valérie Ugolini

Die 50-Jährige leitet den Entlastungsdienst für Familien des Freiburgischen Roten Kreuzes.

Können Pflegehelferinnen SRK auch Pflegeleistungen übernehmen?
Im Lehrgang wurden sie dafür ausgebildet. Doch für die Grundpflege - wie zum Beispiel Verbände, Hilfe beim Duschen, Essen usw.- die von der Krankenversicherung übernommen wird, sind die Spitexorganisationen im Kanton zuständig. Aber Pflegehelferinnen SRK wissen, wie sie bei einem Problem reagieren müssen. Sie betreuen die ältere oder kranke Person während mehreren Stunden und helfen ihr bei der Fortbewegung und beim Essen. Entsprechend dem Gesundheitszustand der betreuten Person unternehmen sie verschiedene Aktivitäten mit ihr.

Welcher Tarif wird für diese Leistungen verlangt?
In Freiburg hängt der Preis vom Einkommen und Vermögen der betreuten Person ab. Er bewegt sich zwischen 25 und 42 Franken pro Stunde. Bei sehr schweren Fällen wie bei einer Demenz wenden wir momentan ein Spezialtarif von 15 Franken an. Jeder Kantonalverband legt die Tarife selbst fest. Pflegenden Angehörigen mit bescheidenem Einkommen gewährt der Kanton Freiburg eine Pauschalentschädigung von höchstens 25 Franken pro Tag. Denn letztlich bedeutet es für den Kanton eine erhebliche Einsparung, wenn die pflegebedürftige Person zu Hause betreut wird.

Was raten Sie pflegenden Angehörigen?
Zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen beim SRK Ihres Wohnkantons. Entlastungsangebote für pflegende Angehörige bietet jeder SRK-Kantonalverband an. Sie sind aber von Kanton zu Kanton verschieden, auch die Tarife varieren. Man findet aber immer eine bezahlbare Lösung. Die Angaben zu Ihrem Kantonalverband und eine Übersicht der Angebote in Ihrem Kanton finden Sie im Internet auf der aufgeführten Website. Die SRK-Kantonalverbände sind kompetent und beraten pflegende Angehörige individuell.

Die 47-jährige Isabelle Pratillo macht sich Sorgen um ihre Mutter. Sie würde ihr so sehr wünschen, dass es ihr besser ginge und sie wieder alleine laufen könnte. Doch sie muss den Tatsachen ins Auge sehen: Ihre Mutter ist 86 Jahre alt und wird auch mit der besten Pflege nie mehr ganz gesund werden.

Denn sie leidet an der heimtückischen Parkinson-Krankheit, die das Nervensystem angreift und manchmal sogar ihre Atmung behindert. Isabelle Pratillo und ihre 52-jährige Schwester Anne-Claude Vonlanthen haben sich entschieden, ihre Mutter so lange als möglich zu Hause zu betreuen. Das liegt für sie auf der Hand und entspricht auch dem Wunsch ihrer Mutter.

Marlyse Vonlanthen hat zwar Schwierigkeiten beim Sprechen und braucht etwas Zeit, um sich zu äussern. Doch sie ist geistig völlig präsent und immer noch sehr schlagfertig. Sie liest jeden Tag die Zeitung und gönnt sich ab und zu einen Blick in die Regenbogenpresse.

Der einzige Wunsch

Zusammen mit ihrem Sohn lebt Marlyse Vonlanthen in einer kleinen Wohnung im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses im Juraquartier in Freiburg. Sie hat nur einen Wunsch: weiterhin hier wohnen können, umgeben von ihrer Familie und den vertrauten Sachen. Ihr Sohn lebt schon seit Langem mit ihr zusammen. Es ist wichtig für sie, dass er da ist, obwohl er selbst gesundheitlich schwer angeschlagen ist.

Vor etwa acht Jahren hatte Marlyse Vonlanthen erstmals Schwierigkeiten beim Kochen und Haushalten. Seither greifen ihr die Töchter ganz selbstverständlich unter die Arme. Unterdessen wurde der Alltag für die Mutter immer beschwerlicher.

Ihre Töchter, die beide berufstätig sind, helfen ihr nun abwechselnd beim Aufstehen, bei der Fortbewegung, bei der Körperpflege, beim Gang zur Toilette und beim Einnehmen der Medikamente. Die beiden stehen rund um die Uhr auf Abruf bereit.

«Falls nötig stehe ich auch nachts um zwei auf, um Mama zur Toilette zu begleiten», erklärt Anne-Claude Vonlanthen. Zum Glück wohnt sie im gleichen Quartier. Sicherheitshalber hat sie dennoch dafür gesorgt, dass ihre Mutter den Rotkreuz-Notruf am Handgelenk trägt.

Bei der gemeinsamen Arbeit in der winzigen Wohnung lachen die Töchter viel und ziehen auch ihre Mutter auf. Diese scheint ihnen nicht nur ihre Charakterstärke, sondern auch ihren Sinn für Humor und ihre Offenheit vererbt zu haben. Ihre gute Laune wirkt ansteckend, obwohl die Töchter zugeben, dass es auch Tage gibt, die nicht so einfach sind.

«Seit neun Jahren war ich nicht mehr in den Ferien. Da trifft es sich gut, dass ich mir nichts aus Ferien mache», witzelt Anne-Claude Vonlanthen, die 80 Prozent als Pflegehelferin arbeitet.

Zwischen Sorgen und Humor

Als Yvette Dousse vom Entlastungsdienst für Angehörige des Freiburgischen Roten Kreuzes eintrifft, steigt die Stimmung weiter. Zwischen den Frauen fliegen die Frotzeleien hin und her. Die Pflegehelferin löst die beiden Schwestern an zwei Nachmittagen pro Woche bei der Betreuung von Marlyse Vonlanthen ab.

Sie gehen zusammen spazieren, lesen die Zeitung und machen Einkäufe im Supermarkt um die Ecke. Frau Vonlanthen ist im ganzen Quartier bekannt und wird liebevoll «Mémé» (Oma) genannt. Sie hat so viele Kinder heranwachsen sehen. Ihre eigenen musste sie weitgehend alleine grossziehen, denn ihr Mann starb, als Isabelle, die Jüngste, erst neun Jahre alt war.

Marlyse Vonlanthen und ihre drei Kinder stehen sich sehr nah. «Meine Mama hat immer alles für uns getan. Sie hat Enormes geleistet. Nun ist sie es, die auf uns angewiesen ist», erklärt Anne-Claude Vonlanthen.

Die einzige externe Person, der sie vertrauen, ist die Pflegehelferin des Roten Kreuzes.

Den Töchtern ist es wichtig, ihre Mutter selbst zu betreuen. Die einzige externe Person, der sie vertrauen, ist die Pflegehelferin des Roten Kreuzes. Sie wissen nur zu gut, dass ihre Mutter nicht ins Pflegeheim möchte. Vor drei Jahren wurde ihnen das drastisch vor Augen geführt.

Damals hatte sich Marlyse Vonlanthens Gesundheit plötzlich stark verschlechtert. Sie musste in ein Spital eingewiesen werden, wo die Diagnose Parkinson gestellt wurde. Danach wurde sie in ein Pflegeheim verlegt. Überzeugt, sie würde in diesem Heim bleiben und dort sterben, weigerte sich Marlyse Vonlanthen, zu essen. Innerhalb von drei Monaten nahm sie 17 Kilo ab. Ihre Familie musste machtlos mitansehen, wie sie immer schwächer wurde.

Schliesslich setzte Anne-Claude Vonlanthen alles auf eine Karte und stellte ihre Mutter vor ein Ultimatum: «Du hast die Wahl: Entweder du isst wieder, damit wir dich nach Hause nehmen können. Oder du machst so weiter. Dann kann ich nichts mehr für dich tun.» Einige Wochen darauf konnte sie sie nach Hause nehmen. Anne-Claude Vonlanthen fiel es sehr schwer, so mit ihrer geschwächten Mutter zu sprechen. Beim Gedanken an dieses Gespräch hat sie noch heute Tränen in den Augen.

dienstleistungen.redcross.ch

APROPOS

Letztes Jahr haben die Rotkreuz-Kantonalverbände während insgesamt 243 550 Stunden pflegende Angehörige entlastet: 190 730 Stunden wurden durch Pflegehelferinnen SRK geleistet, der Rest durch Freiwillige. 25 Prozent dieser Stunden wurden zur Entlastung von Familien eingesetzt, die eine an Demenz erkrankte Person betreuen.