Explosionskatastrophe von Beirut

Plötzlich ging alles im Rauch unter

Am 4. August 2020 verwüstete eine verheerende Explosion weite Teile von Beirut. Mitarbeitende des Libanesischen Roten Kreuzes und Betroffene schildern uns, wie sie in die schlimmsten ersten Stunden erlebt haben.

In Beirut neigt sich der Tag dem Ende zu. Die Büros beginnen sich zu leeren, in den Strassen staut sich der Verkehr. Familien treffen Vorbereitungen für das Abendessen und in den Läden wird noch rasch eingekauft. In den beliebten Vierteln Gemmayzé, Mar Mikhael und Karantina in der Nähe des Hafens ist der Tag hingegen noch lange nicht zu Ende. Trotz Wirtschafts- und Corona-Krise, die das Land seit Monaten lähmen, geniessen hier viele Beiruterinnen und Beiruter den schönen Sommerabend. Über dem Mittelmeer geht langsam die Sonne unter.

Dann bringt eine gewaltige Detonation das Leben in der libanesischen Hauptstadt auf einen Schlag zum Stillstand. Eine heftige Druckwelle breitet sich vom Hafen in die umliegenden Quartiere aus. Innerhalb von Sekunden geht fast die Hälfte der Stadt im Rauch unter. Fensterscheiben bersten, Häuser stürzen ein, Autos brennen aus: Um 18.08 Uhr erlebt Beirut die schwerste Explosion seiner Geschichte.

Ein apokalyptischer Anblick

Die Notfallteams des Libanesischen Roten Kreuzes (LRK) gehören zu den ersten, die am Ort der Explosion am Hafen eintreffen. Auch die Sanitäterinnen und Sanitäter sind wie betäubt. Doch ihnen bleibt keine Zeit, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen: Sie müssen handeln und zwar sofort. Nach den beiden verheerenden Explosionen, die kurz nacheinander den Hafen erschüttert haben, bietet sich ein apokalyptischer Anblick. «Als wir eintrafen, war alles verwüstet», erzählt eine Sanitäterin des LRK. «Überall Scherben und Blut, Menschen lagen am Boden, andere irrten verstört durch die Trümmer. Wir begriffen nicht, was geschehen war.»

Dank der Professionalität der nationalen Rotkreuzgesellschaft lief die Erstversorgung effizient an. Innerhalb weniger Stunden bot das LRK sein gesamtes medizinisches Personal auf, um den Opfern dieser Katastrophe beizustehen. In den ersten zwölf Stunden wurden 2600 Verletzte geborgen und behandelt. An verschiedenen Standorten in der Stadt wurden Erste-Hilfe-Posten eingerichtet, um die Verletzten möglichst rasch zu versorgen. Für betroffene Familien wurden innert kürzester Zeit provisorische Unterkünfte bereitgestellt, in denen sie Lebensmittel und Hygienesets erhielten. Die Bilanz der Katastrophe ist verheerend: 200 Menschen starben, 6000 wurden verletzt und fast 300 000 obdachlos.

Effiziente Hilfe in der Not

Ein Beiruter berichtet: «Ich beruhigte meine verängstigte Frau. Zum Zeitpunkt der Explosion befanden wir uns im Wohnzimmer nahe der Türe. Als ich mich umsah, konnte ich sie nicht mehr sehen. Die ganze Fassade war über ihr eingestürzt. Überall war Schutt. Sie lag unter den herabgestürzten Vorhängen.» Andere Familien verloren Angehörige. Verletzte finden nur schwer eine Möglichkeit, ihre Wunden medizinisch versorgen zu lassen.

Denn die Explosion hatte mehrere Spitäler in der Stadt zerstört. Der Blutbedarf war immens. Zum Glück unterstützt das SRK seit einigen Jahren den Ausbau des Blutspendedienstes im Libanon. Dank dieser Vorbereitung konnte das LRK rasch reagieren und in den ersten 12 Stunden nach der Katastrophe über 1200 Blutprodukte an Spitäler liefern. 

Unterstützung mit Bargeld

«In der ersten Phase ging es darum, mit medizinischer Nothilfe Leben zu retten. Anschliessend klärten wir ab, was die Menschen brauchen und was ihnen am besten hilft», erzählt Mazen Yachoui, Koordinator des Bereichs Katastrophenhilfe. «Dabei hat sich gezeigt, dass die Familien vor allem Bargeld benötigen.» Nabih Jabr, Untersekretär des LRK, bestätigt: «Mit Geld können sich die Betroffenen selbst kaufen, was sie wirklich brauchen: Lebensmittel, Medikamente oder Material, um ihr Haus zu reparieren. Die Bargeldhilfe gibt ihnen etwas Würde zurück.» Das SRK unterstützt das Bargeldprogramm des LRK mit 500 000 Franken. Dieses plant, 10 000 Familien in den nächsten sechs Monaten monatlich 300 Dollar abzugeben.

Neben den materiellen Schäden hat die Katastrophe auch tiefe seelische Wunden hinterlassen. Das LRK hat darauf ebenfalls sehr rasch reagiert und traumatisierte Menschen schon in den ersten Stunden nach der Explosion psychologisch betreut. Es hofft, den Menschen in Beirut auch längerfristig beistehen zu können – insbesondere, da die Coronakrise noch nicht ausgestanden ist.