Weltflüchtlingstag 2019

Zugang zu internationalem Schutz – ein Menschenrecht

Am 20. Juni jährt sich der Weltflüchtlingstag zum 18. Mal. Rund um die Welt zeigen Gemeinden, Schulen, Organisationen und Menschen von jung bis älter ihre Solidarität mit Geflüchteten. Die Solidarität ist dringend nötig. Dies zeigt auch die folgende Geschichte einer jungen Frau aus Syrien.

Europa schottet sich ab. Immer mehr Flüchtende werden an ihrer Flucht gehindert. Die Wege werden schwieriger, gefährlicher. In den letzten Jahren sind einerseits weniger Flüchtende über das Mittelmeer und andere Routen nach Europa geflohen (oder an ihrer Flucht gehindert worden), andererseits ist das Risiko auf der Flucht zu sterben erheblich gestiegen. Insbesondere den Weg über das Mittelmeer bezahlen viele mit ihrem Leben. 509 Personen ertranken dieses Jahr laut offiziellen Angaben, die Dunkelziffer wird um einiges höher vermutet. Laut SOS Mediteranee und Ärzte ohne Grenzen, sei das Risiko zu Sterben heute viermal höher als im vergangenen Jahr.

Marija al-Bari* hatte grosses Glück. Sie konnte mit einem humanitären Visum in die Schweiz einreisen. Der Weg dahin war jedoch nicht einfach und erstreckte sich über Jahre.

Langer Weg in die Schweiz

Marija al-Bari kommt aus Syrien. Ihre Schwester, Lanika* al-Bari, lebt seit acht Jahren in der Schweiz. Aufgrund des Syrienkonflikts hatten die beiden Schwestern jedoch seit mehreren Jahren keinen Kontakt. Lanika al-Bari suchte via Suchdienst SRK jahrelang nach ihrer Familie, leider ohne Erfolg. Im März 2018 erhielt Lanika al-Bari überraschenderweise einen Anruf aus dem Libanon, es war ihre Schwester. Was sie ihr zu erzählen hatte, war nicht einfach – schon gar nicht per Telefon. Sie musste ihrer Schwester mitteilen, dass beide Eltern bei einem Angriff ums Leben kamen. Sie selbst wurde von islamistischen Gruppen verschleppt und während ihrer Gefangenschaft mehrmals vergewaltigt und gezwungen nach strengen islamistischen Regeln zu leben. Nur durch Zufall konnte sie fliehen, als die islamistische Gruppe angegriffen wurde. Als sie im Libanon ankam meldete sie sich beim UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) für ein mögliches Resettlement-Programm.

Humanitäre Visa
Ein humanitäres Visum kann erteilt werden, wenn eine Person im Heimat- oder Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet ist. Der Beratungsdienst Humanitäre Visa stellt Informationen für das Beantragen eines humanitären Visums zur Verfügung und berät beim Antragsprozess. In besonders vulnerablen Fällen holt er beim Staatssekretariat für Migration eine Voreinschätzung ein. Der Beratungsdienst hat im Jahr 2018 über 2'000 Personen erreicht.

Flüchtling? Kein Flüchtling?

Marija al-Bari wird nicht von einem Resettlement-Programm profitieren können. Seit 2015 darf das UNHCR im Libanon keine Flüchtlinge mehr registrieren. Das Land im mittleren Osten ist bekannt dafür, dass es im Verhältnis zu seiner Bevölkerung die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Offiziell sind knapp eine Million syrische Flüchtlinge registriert, inoffiziell geht die Regierung von 1.5 Millionen aus. Dies entspricht 25% der Bevölkerung. Somit ist jede vierte Person im Libanon syrischer Abstammung. Werden Geflüchtete nicht als Flüchtlinge registriert, verlieren sie damit nicht nur die Möglichkeit an einem Resettlement-Programm teilzunehmen, sie verlieren auch den Anspruch auf staatliche Unterstützung. Marija al-Bari war also komplett auf sich alleine gestellt.

Beratungsdienst Humanitäre Visa

Die in der Schweiz lebende Schwester hatte bereits durch ihre Suche mit dem Schweizerischen Roten Kreuz Kontakt. Beim Beratungsdienst Humanitäre Visa konnte sie sich über die Möglichkeiten einer legalen und sicheren Einreise in die Schweiz informieren.

«Humanitäre Visa sind ein wichtiges Instrument für einen legalen Zugang zu internationalem Schutz, sie müssen gestärkt und intensiver genutzt werden. Dabei ist unbedingt auf die Schutzbedürftigkeit der Menschen zu achten, unabhängig davon ob die Gefährdung im Herkunftsland oder in einem Drittland stattfindet.»

Carolin Krauss, Leiterin Fachbereich Migration des SRK

Ein Familiennachzug kam nicht in Frage. Dieser gilt in der Schweiz ausschliesslich für Ehepartner oder minderjährige Kinder. Auch das Resettlement-Programm war aussichtslos, da Marija al-Bari im Libanon nicht als Flüchtling registriert wird. Die dritte und letzte Möglichkeit, ein humanitäres Visum, ist ihre letzte Chance. Dieses kann erteilt werden, wenn eine Person im Heimat- oder Herkunftsland unmittelbar an Leib und Leben gefährdet ist. Da Marija al-Bari aber nicht mehr in ihrem Herkunftsland war, war auch hier die Chance klein. Durch eine Vorabklärung beim Staatssekretariat für Migration konnte der Beratungsdienst jedoch auf die vulnerable Situation hinweisen und aufzeigen, dass die junge Frau auch im Libanon gefährdet ist. Nach dem positiven Entscheid des Staatssekretariats für Migration hat der Beratungsdienst auch das Einreiseverfahren von Marija al-Bari eng begleitet. Sie lebt nun seit einem halben Jahr in der Schweiz.

*Name geändert

Resettlement-Programme  
Besonders verletzliche Flüchtlinge (wie zum Beispiel Frauen, Kinder und Kranke) werden mittels UN-Resettlement-Programmen in ein Drittland geflogen und dort dauerhaft angesiedelt. Resettlement ermöglicht die Einreise mit Zustimmung des Zielstaats und schützt dadurch vor den Risiken der gefährlichen, irregulären Fluchtwege . Einzelne Rotkreuz-Kantonalverbände beteiligen sich an diesen Programmen indem sie die Geflüchteten unterbringen und bei der Integration unterstützen.