Bangladesch

Wenn Not auf Armut trifft

Das enorm dicht besiedelte Bangladesch hat mit grossen sozialen Herausforderungen zu kämpfen. Seit über einem Jahr befindet sich im Land zudem das grösste Flüchtlingslager der Welt. Das SRK unterstützt auch die von Armut betroffenen Einheimischen in dieser Region und führt die bisherige Entwicklungszusammenarbeit weiter.

Knapp viermal so gross wie die Schweiz, zählt Bangladesch fast 20 Mal so viele Einwohnerinnen und Einwohner. Damit ist es eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt. Unterernährung, ansteckende Krankheiten und bittere Armut prägen den Alltag vieler Menschen. Aufgrund seiner geografischen Lage ist Bangladesch zudem besonders stark vom Klimawandel betroffen. Die Küstengebiete sind von Überschwemmungen und Zyklonen bedroht. Jährlich zur Monsunzeit steht rund ein Drittel des Landes unter Wasser. Die betroffenen Familien sehen oft keinen anderen Ausweg, als vom Land in die Stadt zu migrieren auf der Suche nach einem Einkommen. In der 20-Millionen-Metropole Dhaka stranden sie in einem der unzähligen Slums. Ohne Wasser, Sanitäranlagen oder irgendeine Form von Sicherheit sind die Lebensbedingungen dort meist noch härter als zuvor auf dem Land.

Lokale Bevölkerung in Not

Zusätzlich zu all diesen Herausforderungen, sieht sich Bangladesch mit einer der schwierigsten Flüchtlingskrisen der letzten Jahrzehnte konfrontiert. Fast eine Million Menschen aus Myanmar haben im Süden des Landes Zuflucht gesucht. Mehr als 700‘000 von ihnen seit Herbst 2017, die anderen waren bei früheren Krisen gekommen – und geblieben. Dass derzeit eine umfangreiche internationale Hilfsoperation zugunsten der Flüchtlinge aus Myanmar im Gang ist, entgeht den von Armut betroffenen Bangladeschern nicht. Vor allem jenen nicht, die ebenfalls im Süden des Landes leben. Zwar wurden die Flüchtlinge grosszügig aufgenommen und kaum jemand murrte, als die Regierung die Grenzen weit öffnete und den notleidenden Nachbarn Zuflucht gewährte. Doch je länger die Krise dauert, desto schwerer wiegen die negativen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung. In den Standortgemeinden des Camps kommen auf einen Einwohner mittlerweile drei Flüchtlinge.

Für die Länderverantwortliche des SRK, Eva Syfrig, ist daher klar: «Nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die Einheimischen brauchen unsere Unterstützung. Wir müssen verhindern, dass neue Ungerechtigkeiten entstehen, denn sonst kann es leicht zu gefährlichen Spannungen kommen.» Rund ein Fünftel der Hilfe, die das SRK in Cox’s Bazar umsetzt, kommt daher der lokalen Bevölkerung zugute, die mehrheitlich ebenfalls in grosser Armut lebt.

Konkurrenz um Land und Arbeit

Vor allem Kleinbauern und Taglöhner bekommen die negativen Auswirkungen zu spüren. Das Camp bedeckt eine Fläche von rund 10 km2, die vorher aus Weideland, Feldern und vor allem Wald bestand. Der massive Rückgang des Baumbestandes, weil in den Camps mit Holz gekocht wird, leistet der Erosion Vorschub. Zudem fehlt das Holz der lokalen Bevölkerung, die es ebenfalls zum Kochen braucht und teilweise von dessen Verkauf gelebt hat. Offensichtlich ist auch die Belastung für die Dörfer an den Zufahrtstrassen. Da sämtliche Hilfsgüter wie auch die vielen Helferinnen und Helfer über zwei schmale Verkehrswege ins Camp gebracht werden, sind die Dörfer permanent von Verkehr verstopft. Weiter beklagen die Einheimischen, dass sie keine Jobs mehr finden, weil die Flüchtlinge zu Dumpinglöhnen arbeiten. Und weil Hunderttausende Menschen auf so engem Raum auch unglaublich viel Wasser konsumieren und Abwasser produzieren, befürchten die Anwohner, dass das Grundwasser verschmutzt wird oder wegen Übernutzung sogar zurückgeht. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits.

Im Rahmen seiner Unterstützung für die lokale Bevölkerung baut das SRK denn auch in Cox’s Bazar 20 Tiefbrunnen an Schulen, mit denen Wasser aus tieferen Erdschichten heraufgepumpt werden kann. Zudem repariert es mithilfe lokaler Arbeiter übernutzte Verkehrswege. So werden nicht nur die Strassen ausgebessert, sondern auch Verdienstmöglichkeiten für lokale Taglöhner geschaffen. Schliesslich hilft das SRK in der Stadt Cox’s Bazar beim Bau einer Schule für körperlich und geistig behinderte Kinder sowie einer Gesundheitseinrichtung für Betagte. «Damit setzen wir ein Zeichen für die Verletzlichsten», so die SRK-Landesverantwortliche Eva Syfrig.

Langjähriges Engagement

Das SRK engagiert sich aber schon seit vielen Jahren für Gesundheit, Hygiene und Katastrophenvorsorge in verschiedenen Regionen Bangladeschs. Es verbessert gemeinsam mit den Behörden die medizinische Grundversorgung in entlegenen Gebieten, baut Latrinen und hilft bei der Umsetzung eines nachhaltigen Wassermanagements. Im jährlich von Monsunfluten stark betroffenen Distrikt Gaibandha hilft es mit dem Roten Halbmond beim Ausbau der Katastrophenvorsorge und fördert in einem Slum von Dhaka Initiativen zur Verbesserung der Lebensqualität. «Diese breite Erfahrung und unser gutes Netzwerk ermöglichen es uns, effizient und nachhaltig auf neue Herausforderungen zu reagieren – wie jetzt in Cox’s Bazar», betont Eva Syfrig.