Normalität im fremden Alltag

Unbegleitete, minderjährige Asylsuchende

Das Rote Kreuz Tessin sorgt im Auftrag des Kantons für 65 asylsuchende Kinder und Jugendliche, die alleine eingereist sind. Eine Aufgabe, die nur mit fairen Regeln, Geduld und Herz zu meistern ist. Das Team vom Roten Kreuz zeigt, dass sie mit Menschlichkeit erfüllt werden kann.

Leuchtende Farben und bunte Dekorationen sorgen in jedem Raum für jugendliche Wohnlichkeit. Vieles ist selbst gebastelt, wie die handbemalten Teller, die feinsäuberlich im Essraum an der Wand hängen. Dennoch, das reine Paradies ist es nicht, das Foyer Insieme, ein Asylzentrum in Paradiso bei Lugano. Das Gebäude ist nüchtern, das Mobiliar in allen drei Stockwerken meist abgenutzt. Josiane Ricci, die Geschäftsleiterin vom Roten Kreuz Tessin, musste in kurzer Zeit improvisieren, damit hier Kinder und Jugendliche ein Zuhause finden, die allein in die Schweiz eingereist sind. Asylsuchende haben Türen und Wänden im Rahmen eines Beschäftigungsprogamms einen farbigen Anstrich verpasst. Jetzt betreut das Rote Kreuz Tessin 65 Mädchen und Knaben im Alter von 12 bis 18 Jahren aus sechs Herkunftsländern. Jeder junge Mensch mit einer eigenen Geschichte seiner Flucht, mit persönlichen Erinnerungen an ein Leben, das ihm wie aus einer anderen Zeit vorkommen muss.

Das Rote Kreuz Tessin betreut 65 Mädchen und Knaben im Alter von 12 und 18 Jahren aus sechs Herkunftsländern.

Die Kreativität und das schnelle Denken von Josiane Ricci und ihrem Team sind weiterhin gefordert. Denn Jugendliche in der Pubertät, die ihre Wurzeln verloren haben, loten die Grenzen täglich aus. Für die Betreuung verantwortlich ist Sozialarbeiter Federico Bettini . Ihm steht ein Team zur Seite, bestehend aus Sozialarbeitenden, zwei interkulturellen Mediatoren, die auch übersetzen können, einer Pflegefachfrau, Freiwilligen für Freizeitprogramme und einer Psychologin. Denn gerade wenn die Jugendlichen im Alltag angekommen sind, beginnen die schrecklichen Erlebnisse aus ihnen herauszubrechen.

Jugendliche lernen schnell

Federico Bettini betont: «Ich brauche Körper, Verstand und Herz. Alles muss zusammenarbeiten für diese Arbeit.» Die Sprache sei nur zu Beginn die grösste Herausforderung. «Junge Menschen lernen rasch. Nach einem halben Jahr sprechen alle gebrochenes Italienisch, und sie haben das Schuljahr mit guten Resultaten abgeschlossen.» Der obligatorische Schulunterricht gilt auch für junge Asylsuchende. Mit dem Unterschied, dass sie am Vormittag vorläufig noch Italienischlektionen erhalten und erst am Nachmittag den regulären Unterricht besuchen. Dadurch sind schon Freundschaften mit Tessiner Schulkindern entstanden.

Federico Bettini und Josiane Ricci sind sich einig, dass gegenseitiges Vertrauen das Wichtigste ist. Aber auch Regeln, die so vermittelt werden, dass alle sie verstehen und akzeptieren. «Weil ich es sage» sei deshalb als Begründung aus dem Vokabular gestrichen. Alle Teammitglieder erklären genau, warum etwas verlangt wird oder anders sein sollte. Besonders kulturelle Unterschiede sind nicht mit einem Satz erklärt. Zum Beispiel war für die jungen Männer klar, dass Frauen in die Küche gehören. Als sie jedoch feststellten, dass die Mädchen für ihre Mithilfe Taschengeld bekommen, liessen Reklamationen nicht lange auf sich warten. Bettini erklärte ihnen sachlich, dass alle gleich bezahlt werden, unabhängig vom Geschlecht. Seither hängt auch in der Küche ein Tagesplan, der festhält wer wann im Einsatz ist. Für Fairness sorgen zudem die Putz- und Waschpläne. Sie sind Teil der Tagesstruktur, fördern die Zuverlässigkeit und zeigen, dass die Mithilfe von jeder Bewohnerin und jedem Bewohner gebraucht wird. Josiane Ricci ist sich sicher: «Die Jugendlichen wollen vor allem eines: Normalität.»

Beschäftigung und Vertrauen

Im Atelierbereich ist ersichtlich, wie gerne die Jugendlichen mit Händen arbeiten und selber etwas herstellen. Das bestätigt auch die Erfahrung von Federico Bettini. Natürlich stehen bei den männlichen Bewohnern besonders sportliche Betätigungen hoch im Kurs. Aber wie bei den meisten Teenagern braucht es Motivation von den Erziehenden, wenn der Durchhaltewille beim ersten Fussballtraining im Regen deutlich nachlässt. Ganz normale Differenzen, die jede Familie kennt. Mit dem Unterschied, dass bei pubertierenden Asylsuchenden nicht nur der Körper im Umbruch ist, sondern alle Lebensbereiche. Oft ist das Asylverfahren ungewiss. Die Jugendlichen stehen auf einem wackeligen Boden, der ihnen jederzeit unter den Füssen weggerissen werden kann. Wem dürfen sie vertrauen und werden dabei nicht enttäuscht? Viele Probleme muss Federico Bettini meistern, doch sein Einsatz wird auch immer wieder belohnt. Kleine Ereignisse, die ihm zeigen, dass ein Kind angekommen ist. Wie damals im Museum, als der Jüngste müde wurde und wie selbstverständlich fragte: «Federico, quando torniamo a casa?» Wann gehen wir nach Hause?

APROPOS

Unbegleitete, minderjährige Asylsuchende in der Schweiz

Die Kantone sind zuständig für die Unterbringung und Betreuung aller Asylsuchenden. Das stellt die Kantone vor Herausforderungen, weil unbegleitete, minderjährige Asylsuchende (abgekürzt UMA) intensive, altersgerechte Betreuung brauchen. Im Jahr 2013 sind 346 Kinder und Jugendliche allein in die Schweiz eingereist, im letzten Jahr 2736. Das ist eine Zunahme von fast 700 Prozent. Anfang 2015 hat der Kanton Tessin das Rote Kreuz Tessin beauftragt, für 20 unbegleitete, minderjährige Asylsuchende zu sorgen. Mittlerweile sind es fast 70 Kinder und Jugendliche, die in den eigens für sie geschaffenen Foyers in Paradiso und Cadro bei Lugano leben. Ob, wie im Kanton Tessin, eine eigene Abteilung für die Minderjährigen eröffnet werden kann, hängt jeweils davon ab, wie viele Kinder und Jugendliche unbegleitet in einem Kanton Asyl suchen.