Menschen auf der Flucht

Kleiner Lichtblick in der Not

Anna Wolf war im Februar mit der Organisation «Help Now!» als freiwillige Helferin auf der «Balkanroute» unterwegs und ist dort auch auf das Rote Kreuz getroffen. Für das SRK Jugendmagazin «Ready for Red Cross» berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Der Februarmorgen ist klar, sonnig und eiskalt. Ein hartnäckiger Wind beisst sich durch unsere Kleider, als wir in Dobova, an der slowenisch-kroatischen Grenze aus den Transportautos steigen. Und Kleider haben wir auch dabei: Säcke voller Mäntel, Handschuhe, Mützen, Pullover, Babystrampler, die wir ins Lager tragen, vorbei an vermummten und bewaffneten Polizisten. Wir sind zu zwölft, und haben uns Stefan Dietrich angeschlossen, der mit seinem Verein «Help Now!» Flüchtlinge auf der Balkanroute vor Ort mit Hilfsgütern unterstützt. In Kroatien und Slowenien hat er Kontakte zu Mitarbeitenden von lokalen Hilfsorganisationen geknüpft, darunter auch die Rotkreuzorganisationen. In Spielfeld, Slavonski Brod, Dobova und Triest übergeben wir die gesammelten Kleider an Hilfsorganisationen in Transitlagern und an privat organisierte Hilfsprojekte. Stationen der Flüchtlinge auf ihrem beschwerlichen Weg durch den Balkan. Natalja, eine Freiwillige des Slowenischen Roten Kreuzes begleitet uns vor Ort. Sie ist Lehrerin und engagiert sich in Dobova. Sie arbeitet in 12-Stunden Schichten, immer wieder kommen Züge voller Menschen an. Nach der Registrierung werden sie im Lager mit Essen – Brot, Käse, Fisch und Fleisch aus der Dose, Äpfel und Wasser – und Kleidern versorgt. Nur wenige Stunden halten sie sich im Transitlager auf, dann geht die Reise mit Bussen weiter nach Österreich.

Nasse Jacken und löchrige Schuhe

Es sind Bilder, die bleiben. Dass die sogenannten «Flüchtlingsströme» in Wirklichkeit Menschen sind, merkt man spätestens dann, wenn man ein Zelt betritt. Hunderte Menschen sitzen hier auf dem Boden, zwischen Wolldecken, Schlafsäcken und Abfall. Es riecht schrecklich. Und überall sind Kinder. Wir verteilen warme Milchflaschen für die Kleinsten, bringen ihnen Mützen und lassen die Flüchtlinge auf einer Liste mit Piktogrammen zeigen, was für Kleider sie benötigen. Nasse Jacken und löchrige Schuhe werden ausgetauscht. Sie bedanken sich lächelnd. Alles geschieht sehr schnell.

Die Solidarität mit den Flüchtlingen ist gross: Einheimische und auch Freiwillige aus anderen Ländern Europas, mehrheitlich Frauen, engagieren sich hier Tag und Nacht. Sie passen sich der sich ständig ändernden Situation an und empfangen die Menschen so gut wie es möglich ist. Das Rote Kreuz und die anderen Hilfsorganisationen versorgen sie mit Kleidern und Essen. Sie bieten den Müttern ein Zelt zum Stillen und Wickeln, versorgen Kranke, verarzten Wunden und Erfrierungen und helfen denjenigen, die auf er Flucht Familienmitglieder aus den Augen verloren haben mit dem Projekt «Trace the face». In den Zelten werden Blätter mit Fotos von Vermissten aufgehängt. Auch ÜbersetzerInnen sind vor Ort und helfen, die Verständigung zu erleichtern.

Ein flüchtiger Augenblick

Natalja will mehr. Sie drückt uns eine Tüte in die Hand, für die Kinder. Seifenblasen und Ballone. Als alle Milchflaschen verteilt sind und die Menschen auf den Weitertransport nach Österreich warten, blasen wir zögerlich einige der Ballone auf. Die Kinder sind begeistert. Alle wollen einen Ballon, werfen sie um sich, spielen Fussball auf dem schmutzigen Boden. Seifenblasen fliegen durch die stickige Luft im Zelt. Wir nehmen den Mundschutz ab. Normalität. Ein Freiwilliger spielt auf seinem Handy afghanische Musik ab, durch ein Megafon schallt es durch das ganze Zelt. Ein Mann steht auf und beginnt zu tanzen. Er dreht sich zu den rhythmischen Klängen, die anderen klatschen begeistert mit. Ein kurzer glücklicher Augenblick der Leichtigkeit. Als das Gepäck verstaut ist und die Busse langsam abfahren, winken uns Kinder zu, so lange, bis sie das Lager aus den Augen verlieren. Und wir winken zurück.