Für Flüchtlinge

Bis Menschen wieder Fuss fassen

Das Schweizerische Rote Kreuz hat sich in den vergangenen 150 Jahren immer wieder für Vertriebene eingesetzt. Für diese Hilfe sind nicht nur die Flüchtlinge dankbar. Auch Länder, die mit der Betreuung von Menschen auf der Flucht stark gefordert sind, schätzen das Engagement des SRK.

Seit über vier Jahren harren syrische Flüchtlinge im libanesischen Bekaa-Tal aus. Den Schlüssel des eigenen Heimes haben sie noch immer sorgfältig verwahrt. Jeden Tag hoffen sie, dass sie in ihre geliebte Heimat zurück können. Doch der Krieg in Syrien dauert an. Und viele müssen schlimme Nachrichten hilflos hinnehmen. Zum Beispiel die 10-köpfige Familie, die vor vier Jahren aus dem Norden Aleppos hierher geflohen ist. «Wir hatten immer noch Hoffnung, dass wir heim können. Bis vor zwei Wochen. Dann erfuhren wir, dass unser Dorf und mit ihm unser Haus endgültig von Bomben zerstört wurde. Nichts steht mehr», sagt Mutter Fatima leise und sichtlich müde.

Der bewaffnete Konflikt in Syrien dauert seit 2011. Er hat über vier Millionen Syrer zur Flucht ins Ausland getrieben. Im Nachbarland Libanon fanden etwa 1,1 Millionen Menschen Zuflucht. Hier unterstützt das SRK Flüchtlinge, die unter schwierigsten Bedingungen in improvisierten Camps ausharren müssen. Die Menschen haben sich aus Holz und Blachen mehr schlecht als recht notdürftige Unterkünfte errichtet. Es ist ein andauerndes Provisorium. Im Sommer ist es zu heiss unter den Zeltblachen, im Winter eiskalt. Ein kleiner Eisenofen wärmt die bescheidenen Hütten ein bisschen, doch Diesel ist zu teuer für Flüchtlingsfamilien. Diese helfen sich gegenseitig, wo sie können. Oft kennen sich die Familien in den Camps aus ihrer Heimat, wie uns Abdel Karim aus Aleppo im Camp Old River erzählt. Dieser Zusammenhalt gibt den Menschen Kraft, denn die Familie ist die letzte Heimat, die ihnen geblieben ist.

Im Libanon verteilt das SRK Nahrungsmittelpakete sowie warme Decken. Besonders bedürftige Familien erhalten vom SRK Bargeldbeiträge, damit sie sich das für sie Nötigste kaufen können. Die Hilfe des SRK erreicht jedoch auch die ärmsten libanesische Familien. Denn bereits 1,5 Millionen Libanesen sind auf Unterstützung durch den Staat angewiesen, der sich selber noch von einem langjährigen Bürgerkrieg erholt. Der Libanon, ein Land gerade mal ein Viertel so gross wie die Schweiz, zählt gut vier Millionen Einwohner und beherbergt seit Jahren zusätzlich 1,1 Millionen syrische und 500 000 palästinensische Flüchtlinge. Den Druck auf die Bevölkerung aufgrund der grossen Zahl der Flüchtlinge versucht das Rote Kreuz mit der Verteilung an alle Betroffenen zu mildern.

«Wir müssen alle berücksichtigen, die auf Unterstützung angewiesen sind. So kommt weniger Unmut in der Bevölkerung auf oder das Gefühl, jemand werde bevorzugt. Sie alle brauchen unsere Hilfe.»

Annemarie Huber-Hotz, Präsidentin SRK vor Ort im Libanon

Aufgrund der verzweifelten Situation ziehen viele Flüchtlinge weiter. 2015 sind rund eine Million Menschen nach Europa geflohen. Das SRK engagiert sich zusammen mit den lokalen Rotkreuz-Organisationen auch für Flüchtlinge entlang der Transitrouten.

Ein Engagement über Jahrzehnte

Der Konflikt in Syrien und die Migration nach Europa sind täglich in den Medien. Aber viele Brennpunkte, die Menschen zur Flucht bewegen, zählen zu den vergessenen Konflikten. Aus dem Südsudan mussten wegen dem wieder ausgebrochenen Bürgerkrieg erneut Hunderttausende flüchten. Das SRK ist vor Ort, denn es engagiert sich immer wieder auch fernab des Medieninteresses für Flüchtlinge. Die Flüchtlingshilfe ist beim SRK eine humanitäre Tradition.

1956 und 1968 – politische Flüchtlinge in Europa

Als während dem Kalten Krieg im Oktober 1956 der Aufstand in Ungarn von sowjetischen Truppen niedergeschlagen wurde, flüchteten viele Ungaren in den Westen. Nebst Hilfsgütern und Fachleuten, die das SRK nach Ungarn und Österreich schickte, unterstützte es bei Wien und Linz die Betreuung in drei Flüchtlingslagern. Zudem brachte es im Auftrag des Bundes 10 000 ungarische Flüchtlinge von Österreich aus in die Schweiz und organisierte deren Erstbetreuung und Unterbringung.

Ähnlich beim Prager Frühling 1968. Sowjetische Truppen marschierten in Prag ein und zerstörten die Utopie der Liberalisierungs- und Demokratiebestrebungen. Die Schweiz zeigte sich auch dieses Mal offen und nahm ein Kontingent von rund 12 000 Flüchtlingen auf. In den SRK-Flüchtlingszentren in Buchs und St. Margrethen betreute das SRK Flüchtlinge, bis sie auf die Kantone verteilt wurden. Rotkreuz-Freiwillige reisten ins Nachbarland und unterstützten das Österreichische Rote Kreuz bei der Betreuung der vielen tschechoslowakischen Flüchtlinge.

1961 – tibetische Flüchtlinge

Die blutige Niederschlagung des tibetischen Volksaufstandes gegen die fremde Besetzung und die Flucht des Dalai-Lama nach Indien markierten 1959 den Anfang des tibetischen Exodus, der bis heute anhält. Rund 80 000 Tibeterinnen und Tibeter sahen sich damals gezwungen ihre Heimat zu verlassen. 1961 unterstützte das SRK das IKRK in Nepal mit medizinischem Pflegepersonal. Im gleichen Jahr erreichten die ersten 4000 tibetischen Flüchtlinge die Schweiz. Der Verein Tibeter Heimstätten betreute gemeinsam mit dem SRK 1000 Personen – so gross war 1963 das Kontingent des Bundes für tibetische Flüchtlinge. «Das war das Beste, was passieren konnte. Das SRK hatte Erfahrung und war damals schon international vernetzt», so Sigrid Joss, pensionierte SRK-Mitarbeiterin. «Und es stand – und steht – für Neutralität und Unparteilichkeit – gerade auch in der Hilfe für Flüchtlinge.» Diese wurden in Gruppen untergebracht, mit dabei je eine SRK-Betreuungsperson. Viele Freiwillige unterstützten zudem das SRK im Streben, den Menschen ein neues Zuhause zu geben und die Integration zu fördern. Die Hilfe in der Schweiz bewirkte, dass sich das SRK ab 1988 in Tibet während 26 Jahren im Gesundheitsbereich engagierte.

Balkankriege der 1990er-Jahre

Während des Krieges in der Balkanregion in den 1990er-Jahren unterstützte das SRK in Bosnien-Herzegowina sowie im Kosovo die im eigenen Land Vertriebenen. Im grössten bosnischen Lager für Binnenflüchtlinge in der Nähe der Stadt Tuzla war das SRK für die psychosoziale Unterstützung der Menschen zuständig. Es unterstützte die Vertriebenen aber auch, wenn es darum ging, nach dem Krieg in der alten Heimat wieder Fuss zu fassen. Bleibt zu hoffen, dass sich das SRK bald wieder für Menschen in den Ländern engagieren kann, in denen Friede einkehrt und ein Leben in Sicherheit möglich ist.