Flüchtlingslager in Griechenland

An der Grenze der Belastbarkeit

SRK-Arzt Reto Eberhard Rast arbeitet in einer mobilen Rotkreuz-Klinik im Flüchtlingscamp Kordelio in Griechenland. Die prekären Lebensbedingungen der Flüchtlinge, das überlastete Gesundheitssystem sowie sprachliche Barrieren sind die grössten Herausforderungen.

Das SRK in Griechenland
Seit im vergangenen Jahr die Flüchtlingszahlen dramatisch angestiegen sind, unterstützt das SRK seine Schwestergesellschaft in Griechenland mit Hilfsgütern, finanziellen Mitteln sowie Fachpersonal. Mehrere Logistiker sind bereits seit vergangenem Herbst vor Ort, um die Abwicklung der Hilfsoperation zu unterstützen. Aktuell stehen zudem drei Gesundheitsfachleute des SRK in den Flüchtlingscamps im Norden Griechenlands im Einsatz. Sie unterstützen das medizinische Team in den vom Finnischen und des Deutschen Roten Kreuz geführten mobilen Kliniken.

Das Lager in Kordelio im Norden Griechenlands ist ein verlassenes, staubiges Fabrikgelände in der Grösse mehrerer Fussballfelder. Kein Grün, kein schattenspendender Baum. Der wasserführende Graben ist voller Abfall. Das graue Schotterfeld ist umgeben von einem hohen Zaun, dahinter liegt eine gigantische Raffinerie. Schätzungsweise 1500 bis 2500 Menschen leben hier. Die Flüchtlinge können sich frei bewegen. Wer es sich leisten kann oder wer eine andere Option findet, zieht weiter. Immer wieder treffen auch neue Flüchtlinge ein. Als ich nachts auf dem Weg zu meiner Unterkunft war, sah ich sie mit Kinderwagen und Gepäck dem Lager zustreben. Es sind beklemmende Szenen.

Zelte wie Treibhäuser

Die Mehrheit der Flüchtlinge lebt in kleinen Armeezelten von etwa 3x5 Metern dicht nebeneinander. Tagsüber werden die grünen Zelte zu Treibhäusern, in denen es mindestens 40°C heiss wird. Duschen gibt es keine, aber immerhin – im Unterschied zu Idomeni – Toi-Toi-Toiletten und Wasserstellen. Die Kinder haben mit dieser belastenden Umgebung noch am wenigsten Schwierigkeiten. Sie spielen zusammen und klettern auf dem kleinen, für sie hergerichteten Spielplatz herum. Für die Erwachsenen sind die Tage unendlich lang. Viele sind gestrandet und haben kein Geld mehr. Zwar ist in den Lagern eine Art Schattenwirtschaft entstanden. Es gibt Bäcker und Barbiere. Am erfolgreichsten sind aber die Übersetzer, denn die Verständigung ist ein grosses Problem. Gute Sprachkenntnisse sind in diesem Lager die beste Investition, die man aus der Vergangenheit mitnehmen konnte. Die verschiedenen Organisationen im Camp, auch wir vom Roten Kreuz, stellen Flüchtlinge für Übersetzungsdienste an.  

Stimmung ist angespannt

Die Stimmung in Kordelio ist sehr angespannt, immer wieder kommt es zu kleineren und grösseren Vorfällen. Um die Lage etwas zu verbessern, bräuchte es viel guten Willen und eine freiwillige Organisation der Bewohner. Etwa um den Bach zu reinigen und für die Kinder in ein Bad umzuwandeln, oder eine Schule einzurichten. Aber der öde Alltag, die brennende Sonne, die Suche nach einem Fortkommen verbrauchen zu viel Energie.

Die meisten Patienten, die wir in der mobilen Klinik des Roten Kreuzes behandeln, sind sehr dankbar dafür, dass sie wenigstens eine unentgeltliche medizinische Versorgung bekommen. Unser Team besteht aus einem Arzt sowie zwei Pflegefachfrauen und zwei Übersetzern. Wir behandeln viele Kinder mit Infektionskrankheiten. Meist sind es eigentlich harmlose Leiden wie Schnupfen, Husten oder Angina. Wenn aber kleine Kinder in dieser Hitze Fieber, Durchfall und Erbrechen auf einmal bekommen, sind sie durchaus gefährdet, an Austrocknung zu sterben. Dann müssen wir schnell reagieren und sie mit der Ambulanz nach Thessaloniki bringen. Wenn die Flüchtlinge registriert sind, werden sie dort gratis behandelt.

Erschütternde Schicksale

In Griechenland ist die medizinische Versorgung generell kostenlos. Aber gleichzeitig auch sehr rudimentär. Es ist enorm schwierig, einen Termin für eine Abklärung im Spital zu bekommen.  Dazu kommen Sprachprobleme. Seitdem wir aber die Hilfe einer griechischen Übersetzerin und vor allem einer sehr initiativen Pflegerin des Griechischen Roten Kreuzes haben, geht es etwas besser.

Direkte Kriegsopfer müssen wir in der Zeltklinik etwa ein- bis zweimal pro Tag versorgen.  Einige haben schon halb verheilte Verbrennungen oder Splitterverletzungen durch Bomben. Eine Frau berichtete, sie habe zu Hause auf ihre vier Kinder gewartet, als ihr Haus von einer Bombe getroffen und sie am Fuss schwer verletzt wurde. Nachdem sie in einem syrischen Spital versorgt worden war, machte sie sich hinkend auf die Flucht.

Vor ein paar Tagen untersuchte ich einen vierjährigen Knaben. Bei einem Bombenangriff war er unter einer Wand begraben worden und lag mehrere Tage im Koma. Auf der Flucht hatte er erstmals einen epileptischen Anfall, den die verzweifelten Eltern nicht zu deuten wussten. Erst jetzt, nach einem halben Jahr auf der Flucht, konnten sie ihn erstmals untersuchen lassen und er erhält nun auch die nötigen Medikamente. Ein Jugendlicher traf mit hohem Fieber und offenen Füssen in unserer Ambulanz ein. Drei Tage lang sei er ohne Essen und praktisch ohne Wasser zu Fuss von Thessaloniki ins Camp unterwegs gewesen, berichtete er. Vom Hitzeschlag erholte er sich schneller als von seinen wunden Füssen.

All diese Schicksale gehen einem nahe, man kann nur wenig tun, um den Menschen wirklich zu helfen. Ich werde das Lager schon bald wieder verlassen und würde gerne noch einmal zurückkommen, auch in der Hoffnung, dass sich bis dann die Verhältnisse gebessert haben. Die Regierung plant, die Flüchtlinge in Containern unterzubringen, in denen sie auch kochen können. So hätten sie wenigstens eine gewisse Privatsphäre, eine gewisse Selbstbestimmung und Sicherheit.