Flüchtlingskinder im Ambulatorium SRK

Vertrauen wiederfinden

Sorgfältig verarztet Fatima* den Teddybär und nimmt ihn in den Arm. Das Mädchen fühlt sich zunehmend wohl in der Kindertherapie am Ambulatorium SRK. Kinderpsychotherapeut Silvan Holzer freut sich, dass Fatima ihm von ihrer Vergangenheit erzählt. Auf der Flucht und im Krieg wurde der Glaube des syrischen Mädchens an das Gute in der Welt zerstört.

Ausgerechnet das grosse Kindertherapiezimmer voller Spielsachen ist der Raum im Gebäude des SRK in Wabern bei Bern, in welchem immer alles am gleichen Ort stehen soll. Sanfte orange-gelbe Töne lassen die Wände behaglich warm wirken. Der Therapieraum im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer soll traumatisierten Kindern das geben, was sie am meisten brauchen: einen sicheren, geschützten und verlässlichen Ort der vertrauensbildend ist. Silvan Holzer, Kinderpsychologe am SRK Ambulatorium, ist deshalb sehr bedacht, dass die Spielmaterialien immer am gleichen Ort wiederzufinden sind. Er kennt die Reaktionen der Kinder, wenn ein Spielzeug nicht auffindbar ist oder gar verschwindet. Besonders eindrücklich war dies, als Lightning McQueen, das rote Auto aus dem Trickfilm Cars scheinbar spurlos verschwindet.

Kleine Fenster zur Seele

*Louay, ein 7-jähriger Knabe aus Syrien mag das kleine Spielzeugauto nicht mehr aus der Hand legen. Eine Woche später merkt Louay sofort, dass sein Lieblingsspielzeug nicht mehr im Korb ist. Nachdenklich sagt er aber nur: «Schon komisch, alles was wichtig ist für mich verschwindet.» Silvan Holzer kennt die Geschichte des Knaben und deshalb auch den Zusammenhang. Louay musste schon zu oft abrupt Abschied nehmen. Im Alter von zwei Jahren von seinem Vater, als dieser flüchten musste. Der Grossvater wurde für Louay zur wichtigsten Bezugsperson nebst der Mutter. Auch von ihm musste er sich nach vier Jahren trennen, als es der Mutter gelang Syrien zu verlassen und zum Vater in die Schweiz zu ziehen. Für Silvan Holzer ist die Aussage wie ein «Fenster zur verletzten Seele», durch das er nur kurz blicken kann, um zu erfahren wie die Welt von Louay aussieht, was er denkt und fühlt. Empathie und Wertschätzung sei dann gefordert: «Ja, gell, das tut weh, wenn etwas weggeht. Das verstehe ich.»

Silvan Holzer erklärt, was dieses scheinbare Detail mit dem verlorenen Auto auf sich hat. Gerade bei traumatisierten Kindern ist Verlässlichkeit wichtig. Unerwartete Veränderungen verunsichern und ängstigen. Als Therapeut vermittle er den Kindern, dass sie in diesem Raum an einem sicheren Ort sind und er selber so verlässlich wie möglich für sie da sei, damit sie ausprobieren können, was sie sich zutrauen. «Die Kinder testen das. Sie wollen sich überzeugen, ob das, was ich ihnen erzähle dann auch einhalte. Sie müssen wiederholt erfahren, dass sie mir vertrauen können, damit sie sich ihren Geschichten zuwenden können. Als Kinderpsychologe müsse man zudem wachsam und empathisch sein, um auf die oftmals feinen Hinweise reagieren zu können. Denn Kinder, die Schlimmes erlebt haben, würden zum eigenen Schutz ihr «Fenster zur Seele» zu Beginn nur für Augenblicke zeigen. Das kann durch Spielhandlungen geschehen, oder eben - wie bei Louay - auch in einer kurzen, beiläufigen Aussage.

Verständnisvoller Wegbegleiter

Die Therapie mit Kindern basiert nicht in erster Linie auf einem Gespräch. Die Sprache des Kindes ist das Spiel. «In der Therapie begebe ich mich in die Welt des Kindes und versuche diese mit seinen Augen zu sehen. Ich sehe mich als sein Wegbegleiter wie auf einer Wanderung, auf der ich neben ihm gehe. Ich übernehme nicht die Führung und schreite voraus, denn das kann das Kind überfordern und frustrieren, weil es nicht seine Wanderroute wäre, sondern meine. Würde ich ihm hinterher hinken, wird es sich unverstanden und mit der Zeit gelangweilt fühlen», erläutert Silvan Holzer.

Die Arbeit mit Kindern braucht Kraft, Geduld und ein klares Rollenverständnis. Man muss aushalten können, abgelehnt zu werden und mit Gefühlen wie Wut, Ohnmacht, Trauer und Hoffnungslosigkeit umgehen können. Die Motivation und Freude an der herausfordernden Arbeit sieht der 39-Jährige in den kurzen Momenten in denen die Kinder unbeschwert und frei von der Leber weg handeln. Dies widerspiegelt sich in einem kurzen Blickkontakt, einem Lächeln, einer kurzen Geste, einem gemalten Bild oder einer vorwitzigen Aussage. Momente, in welchen die Mädchen und Buben im SRK Ambulatorium trotz ihrer belastenden Lebensgeschichte wieder altersgemäss Kind sein können.

Niemanden lassen diese Lebensgeschichten kalt

Silvan Holzer

Man kann sich gut vorstellen, dass sich Silvan Holzer selbstverständlich zu den Jüngsten auf den Boden setzt. Er wirkt humorvoll, locker, aber aufmerksam und strahlt dennoch Ruhe aus. Sein Interesse für junge Menschen hat dazu geführt, dass er Lehrer geworden ist. Aber im Alter von 28 war das Bedürfnis gewachsen, noch besser auf das einzelne Kind eingehen zu können und er entschied sich für eine Hochschulausbildung zum Psychologen mit anschliessender Weiterbildung zum Psychotherapeuten SBAP. Privat habe er keine Mühe abzuschalten, aber klar, man sei sensibilisiert, auch ausserhalb der Arbeitszeit. «Niemanden lassen diese ergreifenden und berührenden Lebensgeschichten kalt. Ich habe den Eindruck, dass ich durch meine Arbeit in den letzten Jahren wachsamer und empfindsamer geworden bin.» Und trotzdem sei es wichtig immer wieder loslassen können, um bereit zu sein für einen neuen, jungen Menschen mit seiner Lebensgeschichte.

Strategien gegen die Angst

Derzeit sind es besonders die Schicksale der syrischen Flüchtlinge, die ihn beschäftigen. Als ihm die Eltern von Fatima* und Amir* im ersten Abklärungsgespräch schildern, wie sie im Kriegsgebiet überlebt haben und nichts retten konnten als ihr Leben, entscheidet er im Einverständnis der Eltern den beiden Kindern Plüschtiere mit nach Hause zu geben. Als Silvan Holzer die Geschwister kennenlernt, streckt ihm Fatima den Stofftiger entgegen und sagt selbstbewusst: «Den möchte ich tauschen.» Ihr Bruder hingegen wirkt sehr ängstlich und misstrauisch. Amir willigt nur ein wiederzukommen, wenn ihn seine Schwester begleiten darf. Ein Kompromiss, den Silvan Holzer in diesem Fall eingeht. Die Familie war lange im Bunker eingeschlossen, musste Todesangst aushalten. Die ältere Schwester der Kinder und die Grossmutter wurden tödlich getroffen. Auf der lebensgefährlichen Flucht haben die Kinder tote Menschen gesehen. Später spricht die scheinbar fröhliche Fatima beim Schlafwandeln von «Gesichtern mit Löchern.»

Gesichter mit Löchern

Fatima

In der Therapie zeigt sich, dass die Rolle des starken Mädchens, das sich schützend vor den Bruder stellt, Fatimas Art ist, mit dem Erlebten fertig zu werden. Amir hingegen ist übervorsichtig, äusserst misstrauisch und braucht Kontrolle. Er versteckt sich hinter der Schwester, die so stark wirkt. Silvan Holzer weiss, dass dies kein unübliches Verhalten ist für ein traumatisiertes Kind und dass der Weg lang sein wird, den er mit Amir gehen wird. Dennoch beobachtet er nach einigen Monaten, dass sich das Verhalten der beiden Geschwister deutlich verändert hat.

Die Schwester kann ihre schützende Rolle ihrem Bruder gegenüber immer besser ablegen. Amir zeigt sich zunehmend selbstsicherer und traut sich seine Wünsche zu formulieren. Es ist auch keine Übersetzung mehr nötig, da die Geschwister schnell die neue Sprache lernen. Selbstverständlich ist das alles nicht, denn am Anfang spielte Amir nur mit der Holzeisenbahn, auf welcher der Zug vorhersehbar und verlässlich seine Runden dreht.

Zartes Vertrauen pflegen

Silvan Holzer vergleicht seine Arbeit mit einem Seelengärtner, der einen Samen einpflanzt, der zu einem kleinen Keim namens Vertrauen gedeiht. Vergessen machen kann man die schrecklichen Erfahrungen jedoch nicht, aber erklären, was die Folgen davon sein können. Denn alles was nicht verständlich ist, macht umso mehr Angst. Wenn zum Beispiel ein Flugzeug vorbeifliegt und ein Kind weiss für ein paar Minuten nicht, wie ihm geschieht, reagiert wie ferngesteuert unter grosser Angst. Auch einem Kind kann man zum richtigen Zeitpunkt in der Therapie erklären, warum dies passiert.

Prägende Lebensereignisse, gute wie schlechte, sind wie ein Rucksack voller Steine, den jeder Mensch mit sich trägt. Aber mit Hilfe der Therapie können einige Steine an Gewicht verlieren und im Idealfall können die Erfahrungen in die Lebensgeschichte eingewoben werden. Wie jede Herausforderung bieten sie auch die Chance für einen positiven Einfluss auf die persönliche Entwicklung. Als Therapeut sucht Silvan Holzer zudem immer auch nach den Edelsteinen im Rucksack: «Auf diese positiven, schönen Steine versuchen wir den Fokus zu richten. Diese Ressourcen, also die Stärken und positiven Erlebnisse gilt es zu fördern.» Bis ihm das Kind die Botschaft vermittelt, die er als Therapeut mit einer inneren Freude zur Kenntnis nimmt: «Ich glaube, ich brauche dich jetzt nicht mehr.»

Zum Schutz der Kinder wurden die Namen geändert und die Szenen für die Fotos nachgestellt. Die abgebildeten Kinder sind nicht am Ambulatorium in Behandlung.