Bericht aus dem Ambulatorium – Gruppenangebot START

Unterstützung für traumatisierte Geflüchtete: Gespür für die eigenen Bedürfnisse und Ressourcen entwickeln

Sieben Kinder, Mädchen und Buben gemischt, sitzen um einen Tisch und zeichnen ihren persönlichen «Ort der Geborgenheit». Vorgaben gibt es keine. Trotzdem zeichnen die meisten Kinder denselben Ort: ihr Elternhaus. Jenes, das sie zurücklassen mussten. Mit ihm verbinden sie offensichtlich nicht nur Krieg, sondern auch Sicherheit und Ruhe – Geborgenheit.

Auch Yara* musste fliehen. Mitten in der Nacht hat ihr Vater sie geweckt. «Es ist soweit», flüsterte er. Damals war sie acht Jahre alt. Einzig ihr Lieblingsplüschtier konnte sie mitnehmen. Zurücklassen musste sie Freunde, Verwandte und beinahe alles, was sie bisher kannte. Heute ist Yara neun Jahre alt und seit knapp einem Jahr in der Schweiz. Auch sie zeichnet ihr Zuhause im Irak. Dabei fährt sie behutsam mit dem Stift über das Papier, sie zeichnet vorsichtig – ihr Gesicht bleibt dabei ernst. Das junge Mädchen fällt kaum auf, bleibt meistens im Hintergrund.

«Ich bin und werde nicht verrückt. Andere Kinder kämpfen mit denselben Ängsten und Problemen wie ich.»

Yara*

START sind die Anfangsbuchstaben eines Programms von Andrea Dixius und Eva Möhler: Stress-Traumasymptoms-Arousal-Regulation-Treatment. Kinder und Jugendliche lernen dabei, wie Körper und Psyche auf Stress reagieren. Zusätzlich erarbeiten sie sich mit spezifischen Übungen konkrete Techniken zur Stressregulation im Alltag. In insgesamt 12 Gruppensitzungen werden vor allem Übungen zur Entspannung und zur emotionalen Stimulierung vorgestellt, trainiert und besprochen. Das Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse steht dabei im Zentrum. Mit dem Austausch in der Gruppe erkennen die Kinder zudem, dass sie mit ihren Ängsten und Bedürfnissen nicht alleine sind.

START: Das ist der Name des neuen Gruppenangebots des → Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer SRK. Es hilft jungen Geflüchteten in der Schweiz, sich selbst zu helfen. Mit Achtsamkeits- und Selbstwahrnehmungsübungen können die Kinder und Jugendlichen ihren Stress selbstständig reduzieren und erfahren dadurch emotionale Stabilisierung. Die Kinder und Jugendlichen lernen, auf ihren Körper zu hören, sich zu entspannen und ihre Bedürfnisse sowie sich selbst besser wahrzunehmen.

Selbstwahrnehmungsübungen: Ich spüre und kenne meinen Körper

START bietet viele Vorteile. Das Gruppenangebot wird in einem möglichst frühen Aufenthaltsstadium direkt in den Unterkünften oder Schulklassen der betroffenen Kinder und Jugendlichen angewandt. So können Traumata früher erkannt und behandelt werden. START fokussiert sich auf achtsamkeitsbasierte und spielerische Übungen. Die jungen Geflüchteten lernen, die eigenen Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen besser wahrzunehmen und zu erkennen, was ihnen in stressigen Situationen hilft. Igelbälle werden enthusiastisch geknetet oder der Körper von oben bis unten ausgeschüttelt. Yara macht bei den Körperübungen immer gut mit, bleibt aber trotzdem zurückhaltend.

«Ich möchte den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln – ihnen zeigen, dass sie einen Platz in der Welt haben.»

Samuel Bieri, Psychotherapeut, Gruppenleiter START

Nach ein paar Gruppensitzungen zeichnen sich erste Veränderungen ab. Das Mädchen wird mutiger und wagt sich auch mal in den Vordergrund. Dabei wird klar: Yara hat Talent und bewegt sich gerne. Sie kann gut mit ihrem Körper umgehen und hat sichtlich Spass daran, ihn einzusetzen. Sie wird immer beweglicher und zeigt mit neu gewonnenem Selbstvertrauen stolz ihr Können.

In der Gruppe ist man weniger allein

Yara lernt aber noch mehr in dieser neuen Umgebung. Die Gruppe zeigt ihr, dass sie nicht alleine ist mit ihren Ängsten. Dass auch andere Kinder nachts von Albträumen heimgesucht werden oder sich in diversen alltäglichen Situationen an schreckliche Erlebnisse erinnern, als würden sie genau in dem Moment passieren. Dass auch sie durch starke Gefühle wie Angst und Wut die Kontrolle verlieren und sich hilflos und ohnmächtig fühlen. Yara erkennt: «Ich bin und werde nicht verrückt. Andere Kinder kämpfen mit denselben Ängsten und Problemen wie ich.»

Hintergrund
Kinder auf der Flucht sind in erster Linie Kinder. Wie alle jungen Menschen wünschen sie sich ein Gefühl von Sicherheit, wollen Freundschaften schliessen und sich weiterentwickeln. Für weltweit 30 Millionen Kinder und Jugendliche scheinen diese Wünsche aufgrund der Flucht unerfüllbar.
Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass in die Schweiz geflüchtete Kinder und Jugendliche durch das Projekt START eine erste emotionale Stabilisierung erfahren.

«Ich bin in Ordnung, so wie ich bin»

In einem ruhigen Moment geht Yara auf ihren START-Gruppenleiter Samuel Bieri zu. Sie bedankt sich bei ihm. Dafür, dass er ihr gezeigt hat, dass es in Ordnung ist, wenn sie mal wütend wird. Sie nimmt ihre Gefühle heute besser wahr und versucht, auf diese zu hören. Durch die erlernten Kompetenzen gelingt es ihr mal mehr und mal weniger, ihre Emotionen und Gedanken zu steuern.

Neu-START

START ist ein positiver Anfang im Umgang mit den eigenen Gefühlen und dem eigenen Körper. Doch ein Weg hört selten am Anfang auf. Nicht selten werden weiterführende therapeutische Massnahmen nötig. Yara hat ihren eigenen Weg gefunden. In der letzten Sitzung springt sie Samuel Bieri mit leuchtenden Augen entgegen. Sie habe sich überlegt, einmal beim Geräteturnen zu schnuppern oder regelmässig schwimmen zu gehen. Das zu Beginn so zurückhaltende Mädchen hat sich in ein Kind mit mehr Selbstbewusstsein und einem besseren Gespür für die eigenen Bedürfnisse gewandelt.

*Zum Schutz der Privatsphäre wurden Symbolfotos eingesetzt und der Name geändert.