21. Juni 2021

Warum Bargeld am meisten hilft

Nothilfe-Einsatz in Äthiopien: «Zu wenig Wasser und Essen»

Dürren, Heuschrecken und Konflikte plagen Äthiopien immer wieder. Neu kommt die Corona-Krise hinzu. Zur Bewältigung dieser Krisen bittet das Äthiopische Rote Kreuz, Partner des SRK, um Unterstützung und Fachwissen. Andrea Schmid, Nothilfe-Expertin des SRK, leistet einen achtwöchigen Einsatz im afrikanischen Land.

Andrea Schmid
Die 50-Jährige hat sich ab 2007 auf dem zweiten Bildungsweg im Bereich der Katastrophenhilfe, Entwicklung und Zusammenarbeit spezialisiert. Ihr erster Einsatz führte sie 2010 nach Haiti.

Mitte Januar fliege ich für meinen bisher längsten Nothilfe-Einsatz nach Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Zum ersten Mal bin ich nicht Teil eines Katastrophenhilfe-Teams. Ich bin also sozusagen als Generalistin acht Wochen auf mich gestellt und habe mehrere Aufträge zu erfüllen. Mein Fachwissen ist gefragt, um das Äthiopische Rote Kreuz bei der Bewältigung von mehreren Katastrophen zu unterstützen. Das Land mit der zweithöchsten Bevölkerungszahl Afrikas – aktuell rund 112 Millionen – wird immer wieder von Krisen heimgesucht. Derzeit kämpfen die Menschen gegen die grösste Heuschreckenplage der letzten 25 Jahre und leiden unter einer extremen Trockenheit. Die Dürreperioden werden aufgrund des Klimawandels immer länger und die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie belasten die Menschen zusätzlich. Zudem haben seit letztem Sommer mehrere Konflikte tausende Familien zur Flucht gezwungen.

Zuerst im Quarantänehotel

Die erste Woche verbringe ich in einem Quarantänehotel, wo ich dank meinem Laptop fast wie zu Hause weiterarbeiten kann. Ich freue mich darauf, mit der eigentlichen Arbeit zu beginnen und auch auf ein Wiedersehen mit Ursula Schmid, der SRK-Länderkoordinatorin in Äthiopien. Sie hat zuvor mehrere Jahre am Hauptsitz des SRK in Bern gearbeitet. Gemeinsam mit Fachleuten vom Äthiopischen Roten Kreuz entscheiden wir, dass die Nothilfe sich auf den Süden konzentrieren soll. Die meisten Hilfswerke und UN Organisationen sind bereits im Norden in der Region Tigray tätig. Zudem unterstützt das SRK im Süden bereits seit vielen Jahren das Äthiopischen Rote Kreuz bei der Katastrophenvorsorge. Eskalierende Konflikte und Dürren werden zu den Katastrophen gezählt, die mit grosser Wahrscheinlichkeit eintreten.

Derzeit kämpfen die Menschen gegen die grösste Heuschreckenplage der letzten 25 Jahre und leiden unter einer extremen Trockenheit.

Reise in den gewaltbetroffenen Süden

Um die Nothilfe abzuklären und vorzubereiten reise ich zusammen mit unserem Projektkoordinator Aschalew Badege in den Süden. Ich bin froh, mit dem Mitarbeiter des lokalen Roten Kreuzes unterwegs zu sein denn mir fehlt nicht nur die Kenntnis der Sprache, sondern auch das Verständnis für die lokalen Dynamiken. Doch selbst für Aschalew Badege, der in Addis Abeba lebt, ist es schwierig zu verstehen, was sich zwischen den Menschen beider Distrikte abspielt. Der Auslöser des Konfliktes war eine administrative Umstrukturierung von Dörfern, welche auch ethnische Zugehörigkeiten und den Zugang zu Wasser und Wald tangierte. Es kam zu Gewalt und Vertreibungen. Noch immer gibt es Spannungen. Das Äthiopische Rote Kreuz verteilte als sofortige Nothilfe Blachen und Hilfsgüter des täglichen Bedarfs an die Geflüchteten.

Sie harren trotz der Trockenheit in improvisierten Camps aus oder sind vorübergehend bei Gastfamilien untergekommen.

Angst vor neuer Gewalt

Viele der Geflüchteten wollen nicht zurückkehren aus Angst, dass der Konflikt wieder aufflammt und sie erneut ihre Häuser verlassen müssen. Sie harren trotz der Trockenheit in improvisierten Camps aus oder sind vorübergehend bei Gastfamilien untergekommen. Ihre Situation wird zusätzlich verschärft, da die Heuschrecken sich rasant vermehren und die Felder kahlfressen, was zu immensem Ernteverlust führt.

Geflohen mit Kindern

Eine junge Frau erzählt mir, wie sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern fliehen musste. Bei einer Familie im Nachbarsdorf fanden sie Unterschlupf. Nun wohnen sie zu vierzehnt in einem Raum. Obwohl diese Frau fast nichts mehr hat, teilt sie das Wenige, was ihr geblieben ist. Um danke zu sagen, kocht sie für ihre Gastfamilie.

100 Dollar pro Familie und Corona-Hilfe

Unsere Abklärungen ergeben, dass die geplante direkte Bargeldhilfe den Familien am meisten helfen wird. So können sie vor Ort auf den lokalen Märkten Nahrungsmittel und Artikel des täglichen Bedarfs zu erschwinglichen Preisen kaufen. Da wir möglichst viele Familien unterstützen wollen, müssen rund 100 Dollar für jede Familie vorerst ausreichen. Man erhofft sich eine Entspannung der Lage nach den Wahlen im Juni. Wir evaluieren trotzdem, was wir tun können, um die Region im Süden nachhaltig zu stärken. Ein weiterer Auftrag hier im Süden ist die Überprüfung unserer Überbrückungshilfe für Familien, die aufgrund der Coronakrise ihr Einkommen weitgehend verloren haben.

Da wir möglichst viele Familien unterstützen wollen, müssen rund 100 Dollar für jede Familie vorerst ausreichen.

Wie Bargeld auch längerfristig helfen kann

Der letzte Auftrag meiner Mission führt mich nach Dire Dawa nahe der Grenze zu Djibouti. Dort berate ich unsere Schwestergesellschaft, wie Bargeld nicht nur in der Nothilfe, sondern auch in der längerfristigen Entwicklungszusammenarbeit und Stärkung der Resilienz sinnvoll eingesetzt werden kann. Trotz oder gerade wegen den grossen Herausforderungen, die das Äthiopische Rote Kreuz bewältigen muss: In Erinnerung bleiben mir besonders stark die Gespräche mit Menschen, die trotz schwierigster Lebensumstände positiv nach vorne blicken.