Katastrophenhilfe

Sexuelle Gewalt in Notlagen

Nach einer Katastrophe steigt das Risiko für sexuelle Gewalt. Das Rote Kreuz will sich deshalb verstärkt engagieren, um Mädchen, Frauen und weiteren Gefährdeten in Notsituationen Sicherheit zu geben.

Jede dritte Frau erlebt im Verlauf ihres Lebens sexuelle Gewalt oder Belästigung. Noch grösser ist dieses Risiko nach einer Katastrophe oder in einer humanitären Notlage, wie eine neue Studie belegt. Häusliche Gewalt und Übergriffe von Drittpersonen nehmen in einer solchen Extremsituation zu, ebenso die Wahrscheinlichkeit von Kinderheiraten, Missbrauch von minderjährigen Mädchen und Knaben, Menschenhandel und Übergriffe gegen homosexuelle oder transsexuelle Menschen.

Welche Folgen eine Katastrophe haben kann, zeigt exemplarisch eine neu veröffentlichte Studie der Internationalen Rotkreuzföderation (IFRC), in der Überlebende von Naturkatastrophen in Laos, den Philippinen und Indonesien befragt wurden. So kannten 43% der Befragten in Laos Personen, die nach einer Katastrophe wegen häuslicher Gewalt medizinisch betreut werden mussten. 27% kannten Fälle von Vergewaltigungen, die in der Zeit nach der Überschwemmung geschahen. Befragt wurden Betroffene in Gebieten in Laos, die regelmässig überflutet werden und die Bevölkerung zur temporären Umsiedlung zwingen. Finanzielle Probleme, auseinandergerissene Familien und prekäre Wohnverhältnisse sind die Folgen: «In den ersten Wochen nach einer Überschwemmung erleben wir mehr Gewalt, weil Sicherheit und Kontrolle fehlen», berichtet ein junger Mann aus Laos in der Befragung.

Diskretion wird garantiert

Der Schutz der Verletzlichsten ist deshalb eine besondere Herausforderung der Humanitären Hilfe in der Rotkreuzbewegung. Besondere Massnahmen sind nötig, um Frauen und Kinder und andere gefährdete Gruppen wie sexuelle Minderheiten im Katastrophenfall zu schützen, betont Tina Tinde, die bei der Internationalen Rotkreuzföderation IFRC für Gender and Diversity zuständig ist. Integrität der Opfer und Diskretion haben oberste Priorität, sagt Tinde und erläutert: «Wir zwingen keine Frau dazu, den Namen des Täters zu nennen. Wir massen uns kein Urteil an, sondern vermitteln den Betroffenen die notwendigen Informationen. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit lokalen Fachstellen für Opfer und die Sensibilisierung von Gesundheitspersonal.» Neben psychosozialer Unterstützung helfen praktische Standards für Notunterkünfte: Separate Bereiche für Frauen und Männer, abschliessbare Toiletten und genügend Beleuchtung können die Sicherheit in Notunterkünften verbessern. Schliesslich bewährt es sich laut der Studie, wenn Frauen gezielt in die Nothilfe-Organisation einbezogen werden.

Frauen in Flüchtlingscamps schützen

«Das SRK achtet darauf, dass in Komitees und Gremien in seinen Einsatzländern mindestens zur Hälfte Frauen vertreten sind. Dies macht einen spürbaren Unterschied und gibt Frauen eine Stimme», berichtet Eva Syfrig, Programmverantwortliche Bangladesch beim SRK. Die Gesundheitszentren des SRK in den Flüchtlingscamps in Bangladesch sind auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten. Die Patientinnen, die häufig wegen allgemeinen Gesundheitsproblemen die Zentren aufsuchen, erhalten auch Hilfe bei psychischen Beschwerden und Folgen von Vergewaltigungen. Damit Traumata erkannt und richtig behandelt werden, sind die Gesundheitsteams geschult und interdisziplinär zusammengesetzt. «Noch mehr Betroffene erreichen wir dank mobilen Mitarbeitenden, die in den Camps über Hygiene, Verhütung und Hilfe für Gewaltopfer informieren und Schutzbedürftige ins Gesundheitszentrum verweisen», betont Eva Syfrig.