Wenn Regen fehlt

Kampf gegen die Dürre in Äthiopien

Ein Wasserfilter des SRK macht ungeniessbares Wasser trinkbar. Das ist jedoch nur der letzte Schritt nach harter Vorarbeit, um in der ausgetrockneten Region rund um Moyale überhaupt noch an Wasser zu gelangen. Dank Auffangbecken für Regenwasser gibt es auch gegen Ende der Trockenzeit noch eine Wasserreserve, die aber in mühsamer Arbeit aus dem tiefen Boden gewonnen werden muss.

Von Isabel Rutschmann, Dezember 2015

In Äthiopien ticken die Uhren anders. Das ist nicht nur im übertragenen Sinn so, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes: Bei Sonnenaufgang ist es null Uhr, bei Sonnenuntergang zwölf Uhr. Der äthiopische Kalender hat dreizehn Monate. Die Jahreszählung läuft unserem Kalender sieben Jahre und neun Monate hinterher. 

In Äthiopien ist kaum etwas so, wie wir es uns gewohnt sind.

Auch sonst ist in Äthiopien nichts so, wie wir es uns gewohnt sind: Die Wolken hängen so tief am stahlblauen Himmel, dass man glaubt, sie wie Wattebausche berühren zu können. Die vulkanartigen Berge erheben sich nach unendlich weiten, kargen Ebenen wie in einer Filmkulisse am dunstigen Horizont. Die Strassen – falls denn vorhanden – sind so holprig und schlecht befahrbar, dass man für 80 Kilometer mit dem Auto bis zu drei Stunden benötigt. Es scheint kaum Verkehrsregeln zu geben: ob Fussgänger, spielende Kinder, Fahrzeuge aller Art oder Tierherden – jeder nutzt die Strasse in seinem Tempo und in seiner Richtung. Mal gibt es Stromversorgung, mal nicht, das ist Glückssache. Bei Sonnenschein kann es bis zu 45 Grad heiss werden, wenn es regnet, stürzt das Wasser von einer Minute auf die andere wie ein Wasserfall vom Himmel. 

Wasser bewahren

Regen ist im Süden des Landes nur ein sehr seltener Gast. An der Grenze zu Kenia ist eine der Regionen, in denen sich das SRK in Äthiopien engagiert. Wasser ist rund um die Grenzstadt Moyale permanent Mangelware. Darum freuen sich die Kinder nicht wie anderorts auf der Welt über Spielwaren oder Süssigkeiten, sondern auch über Wasserflaschen. «Highland, Highland», rufen die Mädchen und Buben, wenn sich das Rotkreuz-Fahrzeug nähert. «Highland», ist der Name eines Mineralwassers, das im Hochland im Norden von Äthiopien abgefüllt wird. Die Kinder strahlen freudig, wenn sie eine Flasche erhalten.

Dürreperioden bedrohen hier Menschen und ihre Nutztiere im Jahresrhythmus. Gegen Ende der Trockenzeit sind die Wasservorräte aufgebraucht. Infolge ist auch die Nahrungsversorgung chronisch knapp. Um die Menschen vor Ort besser auf Katastrophen vorzubereiten, engagiert sich das SRK gemeinsam mit der lokalen Rotkreuzgesellschaft und mit Unterstützung der Glückskette in der nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in dieser Region. Insgesamt erhalten so rund 25 000 Menschen besseren Zugang zu Wasser. Aber auch Gesundheits- und Hygienemassnahmen gehören in dieses Paket: Speziell geschulte Freiwillige gehen in die Dörfer und klären die Bevölkerung auf, wie sie gesund bleiben können. So motivierten sie unter anderem Familien zum Bau von Latrinen. 

Latrinen für Sicherheit

Mawo Eya, die mit ihren Kindern in einem abgelegenen Dorf nördlich von Moyale lebt, liess sich von den Rotkreuz-Freiwilligen davon überzeugen, neben ihrem Haus eine Latrine zu bauen. Das hat nicht nur positive Auswirkungen auf die Hygiene: Konnte sie früher nur bei Dunkelheit einen stillen Ort irgendwo im Freien aufsuchen, kann sie nun zu jeder Tageszeit ihre Notdurft verrichten. 

«Dank der Latrine fühle ich mich allgemein besser und auch sicherer.»

Auch das Händewaschen mit Seife setzt sie seit der Beratung durch die Freiwilligen bei sich und ihren Kindern konsequent durch. «Seither sind wir alle viel seltener krank. Und dank der Latrine fühle ich mich allgemein besser und auch sicherer», sagt die 35-Jährige. Mawo Eya ist nicht die einzige, die so denkt. Frauen haben weniger Angst vor Vergewaltigungen, Demütigungen und wilden Tieren, wenn sie eine Latrine nahem beim Haus haben.

Hart erarbeitetes Wasser

Schäden nach heftigem Regen
Heftige Regenfälle haben 2015 dazu geführt, dass der Damm in Boji schwer beschädigt wurde. Auch andere Dämme und Wassersammelstellen, die das SRK in der Region Moyale gebaut hatte, nahmen Schaden. In Boji hat das SRK entschieden, den Damm nicht wieder aufzubauen. Noch immer ist der Boden aufgrund des vorher gestauten Wassers gesättigt und die Menschen konnten während der langen Trockenzeit 2016 Löcher graben, um Wasser zu beziehen. Zudem werden in der Region jetzt weitere Regenauffangbecken gegraben, mit denen die Wasserversorgung sichergestellt werden soll.

Die grösste Entlastung in der Bewältigung ihres Alltags stellt aber der neue Damm dar, der in zwei Kilometern Entfernung von ihrem Haus nun ihre Wasserversorgung sichert. Bevor es diesen gab, musste sie täglich noch viel weiter gehen, um Wasser für die Familie, die Tiere und den Gemüseanbau nach Hause zu transportieren. Das Becken beim Damm in ihrer Nähe speichert in normalen Trockenzeiten genügend Wasser, um die Bevölkerung und die Tiere in den Dörfern der Umgebung durchgehend zu versorgen. «Das ist ein gutes Gefühl. Ich brauche mir nicht mehr ständig Sorgen zu machen, woher ich in Dürrezeiten Wasser bekommen kann. Das Leben ist dadurch für mich einfacher geworden», sagt die Mutter der drei Kinder Aroba (8), Bato (6) und Shoba (6 Monate). «Kommt mit, ich will euch mein Kamel zeigen», drängt Mawo Eya. Nicht weit entfernt vom Haus steht das mächtige Tier, das nun, gegen Ende der Trockenzeit, etwas abgemagert ist. Die Tiere finden jetzt kaum noch Futter, der Boden ist staubtrocken, alle Pflanzen sind verdorrt. Dieses Kamel habe sie 2011, nach der Dürrekatastrophe, vom SRK erhalten, sagt sie. «Ich möchte, dass ihr ein Foto macht, denn dieses Kamel verhilft den Kindern und mir bis heute zu einem besseren Leben und dafür bin ich sehr dankbar.» Mawo Eya kann mit dem Verkauf eines Teils der Milch ein wenig Geld verdienen, um Lebensmittel zu kaufen. 

Gut 80 Kilometer östlich von Moyale liegt das Dorf Boji. Der Ort ist mit Fahrzeugen nur in der Trockenzeit erreichbar. Hier hat das SRK die Sanierung des defekten Staudamms übernommen. Nach einer guten, ausgiebigen Regenzeit stauen sich in der Ebene um die 300 Millionen Liter Wasser. Das entspricht etwa der Menge, die in rund 140 50-Meter-Schwimmbecken Platz hat. Diese Reserve sichert die Wasserversorgung für Mensch und Tier in der Umgebung für ein ganzes Jahr. Bei unserem Besuch zum Ende der Trockenzeit, neigt sich das Wasser dem Ende zu. 

Zuhause muss das Wasser vor dem Kochen mit Filtern gereinigt werden.

Die Männer des Dorfes haben tiefe Löcher in den Boden gegraben, um zum Restwasser zu gelangen. Sie befördern die braune Brühe von Hand kübelweise an die Oberfläche. Kamele, Ziegen, Rinder und Esel in Herden warten durstig an den Tränken. Frauen ziehen das Wasser, in Kanistern nach Hause. Dort reinigen sie die braune Brühe mit Filtern des SRK, bevor sie damit kochen oder es trinken können. Für uns, die zuhause alle endlos viel frisches, klares, sauberes Trinkwasser aus dem Wasserhahn beziehen können, ist der Umgang mit dem kostbaren Gut sehr eindrücklich. Und es zeigt sich einmal mehr: In Äthiopien ticken die Uhren anders als bei uns.