Dürrekatastrophen in Äthiopien verhindern

Äthiopien lernt frühzeitig zu reagieren

Werden drohende Dürren frühzeitig erkannt, können verschiedene Massnahmen die schlimmsten Folgen vermeiden. Auch für eine nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit braucht es Weitsicht und Ideen aus der Bevölkerung. Fabio Molinari ist Programmverantwortlicher für Äthiopien beim SRK und kennt die heiklen Punkte.

Von Isabel Rutschmann, Dezember 2015

In Äthiopien droht wieder eine Hungerkatastrophe – was tut das SRK?

Das SRK hat zur Unterstützung erster Nothilfe-Massnahmen des Äthiopischen Roten Kreuzes vorerst 100 000 Franken gesprochen. Falls sich die Situation weiter zuspitzt, werden wir die Hilfe auf stocken. Derzeit sind 8 Millionen Menschen akut durch die Dürre gefährdet. Wenn nichts getan wird, könnten es rasch doppelt so viele sein. In Moyale haben die Wasserkomitees die Rationierung des Wassers auf 10 Liter pro Tag und Haushalt angeordnet.

Was tut das SRK zur Katastrophenvorsorge?

Das Rote Kreuz stärkt die Vernetzung der Dorfgemeinschaften mit der Regierung. Es bildet die Dorfbevölkerung darin aus, die Zeichen einer drohenden Dürrekatastrophe zu erkennen und frühzeitig Massnahmen zu ergreifen, wie zum Beispiel die erwähnte Rationierung des Wassers. Je früher die Betroffenen reagieren, desto besser können gravierende Folgen verhindert werden. 

In Äthiopien haben verschiedene Volksgruppen unterschiedliche Bedürfnisse. Was heisst das für die Arbeit?

Wir müssen die Projekte anpassen, wenn wir etwas erreichen wollen. Sesshafte Bauern haben andere Bedürfnisse als Nomaden. Die Gruppen sprechen unterschiedliche Sprachen, was nicht selten zu Verständigungsproblemen führt. Für uns heisst das, dass wir im Team vor Ort Vertreter beider Gruppierungen haben, damit die verschiedenen Bedürfnisse angebracht werden können und durch Übersetzer die Verständigung gewährleistet ist. Das Konfliktpotential in diesem Gebiet ist hoch und es kommt immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen. 

Trägt das SRK dazu bei, Konflikte zu vermeiden? 

Transparenz und ein stetiges Aushandeln sind wichtig. Das Rote Kreuz in Moyale hat beispielsweise für jede der beiden beide ansässigen Volksgruppen eine Ambulanz, damit gewährleistet ist, dass im Notfall auf beiden Seiten gleichzeitig Menschen gerettet werden können. Wir achten auch darauf, dass die Wasserversorgung ausgeglichen verbessert wird. Dieses so genannt «konfliktsensitive Management» ist sehr anspruchsvoll. Das Rote Kreuz hat den grossen Vorteil, neutral zu sein und auch so wahrgenommen zu werden. Die vielen jungen Freiwilligen, die auch in gemischten Gruppen miteinander für das Rote Kreuz arbeiten, haben einen positiven Einfluss auf das friedliche Zusammenleben. 

Wie stark bindet das SRK die Bevölkerung ein?

Im Vordergrund steht der Ansatz, dass die Betroffenen mit ihrem Wissen und ihren Traditionen selber Lösungen finden. Wir unterstützen sie dabei. Ziel ist es, dass die Menschen selber auf drohende Katastrophen reagieren und die Auswirkungen darum weniger schlimm werden. In Gambella werden beispielsweise mit der Bevölkerung Gefahrenzonen definiert. Auch wenn wir zu etwas Neuem motivieren, sollen die Lösungen von der Bevölkerung selber kommen. Veränderungen werden umgesetzt, wenn es den Menschen spürbar besser geht, und nicht weil jemand von aussen diese Idee eingebracht hat. Die Menschen sollen keine passiven Objekte der Hilfe sein, sondern aktive Subjekte in der Entwicklungszusammenarbeit.