Reportage

Mit Leib und Seele dabei

Die Bewohnerin der Pflegewohnung und Josephine Niyikiza, Pflegehelferin SRK, lachen miteinander. Fröhliche Momente wie diese gehören zum Alltag einer Pflegehelferin, aber auch die harte, körperliche Arbeit fast ohne Pausen während dem Einsatz. Von Ruanda bis zum Zertifikat als Pflegehelferin SRK liegt ein weiter Weg hinter Josephine Niyikiza. Heute ist sie eine unentbehrliche Mitarbeiterin in einem Team, das betagte Menschen betreut.

Die wortgewandte, entschlossen auftretende Josephine Niyikiza hätte eine hervorragende Anwältin abgegeben. Doch das Schicksal hat anders entschieden. «Ich wollte denen helfen, die unterdrückt werden, doch das konnte ich nicht – wegen dem Krieg», erzählt die 33-Jährige, die 1994 vor den Massakern in Ruanda geflohen ist. Der Wunsch, Menschen zu helfen, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Selbst auf der Flucht, die sie durch acht afrikanische Länder und mehrere Flüchtlingslager führte, setzte sich die junge Frau stets für andere ein. So engagierte sie sich in der Republik Kongo in einem Heim, das behinderten und betagten Menschen Zuflucht bot.

«Der Umgang mit kranken Menschen war mir vertraut, da meine Mutter Ärztin war.»

Josephines  Mutter war Ärztin. «Manchmal nahm sie mich mit, wenn sie im Dorf Patienten besuchte», erinnert sich Josephine Niyikiza. Ihre Mutter hat den Konflikt nicht überlebt, der ihr Land entzweiriss.

Bei Null angefangen

2004 landete die junge Frau an Bord eines Flugzeugs aus Kamerun in Zürich. Die geschwächte, traumatisierte Frau hatte ihren jüngsten Sohn dabei, der damals noch ganz klein war. Es dauerte einige Zeit, bis sich Josephine Niyikiza an ihrem neuen Wohnort in Jona am Zürichsee eingelebt hatte. Dank dem Suchdienst des Roten Kreuzes fand sie ihre anderen beiden Söhne und später auch ihren Mann wieder, die sie auf der Flucht aus den Augen verloren hatte. Und sie lernte Deutsch – in einem Kurs, den ihr ihre Therapeutin zu Weihnachten geschenkt hatte. Diese bot ihr auch Unterstützung beim Besuch des Lehrgangs Pflegehelferin SRK an. Denn die 120 Stunden Theorie und das zwölftägige Praktikum – all das überdies auf Deutsch – waren eine echte Herausforderung. Josephine Niyikiza zögerte keinen Moment. «Ich war überglücklich, dass ich etwas aus meinem Leben machen konnte», erzählt sie und strahlt. Noch heute ist sie stolz auf die guten Noten, die sie in der Ausbildung erhalten hat.

Andere glücklich machen

Seit drei Jahren arbeitet Josephine Niyikiza teilzeitlich als Pflegehelferin in der Pflegewohnung Spinnereistrasse in Rapperswil. «Alle Bewohner sind begeistert», betont ihre Vorgesetzte Pia Mariano. Anfänglich hatte die Wohngruppenleiterin etwas Bedenken wegen der Sprachbarriere. Doch schon nach kürzester Zeit lösten sich ihre Befürchtungen in Luft auf. Denn Josephine Niyikiza ist ein echtes Kommunikationstalent und geht sehr einfühlsam und geduldig auf die Seniorinnen und Senioren ein.

Die Pflegewohnung Spinnereistrasse der Stiftung RaJoVita bietet acht betagten, pflegebedürftigen Menschen ein Zuhause. Das Alter der Bewohnerinnen und Bewohner liegt zwischen 70 und 100 Jahren. «Ich liebe diese Arbeit, die mich körperlich und geistig fordert. Ich mache das so gerne und die Leute haben Freude», betont Josephine Niyikiza. Sie schätzt auch die gute, solidarische Zusammenarbeit im Team. Der Alltag an der Spinnereistrasse ist lebhaft, ständig läuft etwas. Das Team achtet darauf, die Selbstständigkeit der Bewohnerinnen und Bewohner zu fördern. Es pflegt und betreut sie, kocht und wäscht, verabreicht Medikamente, schreibt Berichte und greift bei Konflikten schlichtend ein. Josephine Niyikiza und fünf weitere Pflegehelferinnen begleiten die Bewohnerinnen und Bewohner im Alltag: Sie helfen ihnen beim Aufstehen, bei der Körperpflege und beim Essen und entlasten damit das Pflegefachpersonal. Die Wohngruppenleiterin achtet auch darauf, sie unter Aufsicht des Pflegepersonals mit einer höheren Ausbildung in weitere anspruchsvolle Aufgaben einzubeziehen. Zudem bietet die Stiftung RaJoVita den Pflegehelferinnen die Möglichkeit, Fortbildungen zu besuchen.

Erst ein Anfang

Der Lehrgang Pflegehelferin SRK ermöglichte Josephine Niyikiza den Einstieg in die Arbeitswelt. Zugleich steht er am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn im Gesundheitsbereich: Ab August wird die dreifache Mutter eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit absolvieren.

«Eine Mitarbeiterin wie Josephine ist ein echter Glücksfall.»

Pia Mariano

Ihre Lehrzeit ist um einen Drittel verkürzt, da sie zuvor ein Jahr lang Kurse besucht hat, um ihre Allgemeinbildung zu verbessern. Längerfristig hat sie noch ein anderes Ziel: Sie möchte Pflegefachfrau werden, wie sie hoffnungsvoll erklärt. Pia Mariano betont, wie wichtig es ist, Mitarbeitende zu fördern, die über die notwendigen Fähigkeiten für eine Gesundheitsausbildung verfügen. Nicht zuletzt angesichts des Mangels an Pflegepersonal, der in den kommenden Jahren noch zunehmen wird. «Eine Mitarbeiterin wie Josephine ist ein echter Glücksfall!».