Lebensgeschichte von Gerhard Ulrich

Zug zum Zug

Gerhard Ulrich, 77, und seine Frau Monika Ulrich, 74, vermachen fast ihr gesamtes Hab und Gut dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Ein Zug aus Dankbarkeit, weil Gerhard Ulrichs Leben durch das SRK 1948 in eine neue, gute Bahn gelenkt wurde. Aus einem traumatisierten Kriegskind wurde ein Mann mit klaren Lebenszielen.

Zugfahrten stellten die Weichen im Leben von Gerhard Ulrich und brachten ihm Glück. Zuerst der Kinderzug des SRK, der ihn als Achtjähriger von Berlin nach Zürich brachte. Erstaunlich genau erinnert er sich nach rund 70 Jahren an Details aus dieser Zeit. Mitten im Zweiten Weltkrieg geboren, waren seine ersten Lebensjahre geprägt von Leid und Angst. «Zwei Tage nach meinem fünften Geburtstag, am 13. Februar 1945, fielen die Bomben der Alliierten auf meine Heimatstadt Dresden.» Nach 48 Stunden lag fast die ganze Stadt in Trümmern, die noch jahrelang liegen bleiben sollten. Mit dem Kriegsende begann für Gerhard Ulrich und seine Familie eine entbehrungsreiche Zeit. Drei Jahre später war der Knabe ausgemergelt und litt an Rachitis.

«Es war mir zuerst nicht bewusst, aber rückblickend wusste ich stets, dass mich diese Reise gerettet hat.»

Bei der Schuluntersuchung wurde sein Gesundheitszustand als kritisch eingestuft, weshalb er für einen dreimonatigen Erholungsaufenthalt in der Schweiz empfohlen wurde. Von 1940 bis 1956 wurden solche Aufenthalte durch das SRK organisiert. Die schwächsten, hilfsbedürftigsten Kinder aus den kriegsversehrten Gebieten Europas wurden ermittelt und mit Sonderzugfahrten in die Schweiz gefahren. Mitarbeiterinnen des SRK betreuten die Kinder während der Fahrt und suchten passende Pflegefamilien. Ein sinnvolles Konzept für die damalige Zeit, das bestens funktioniert hat, wie Gerhard Ulrich bestätigt: «Die Trennung von der Familie fiel mir nicht schwer. Ich war einfach neugierig. Es war mir zuerst nicht bewusst, aber rückblickend wusste ich stets, dass mich diese Reise gerettet hat.»

Grossherzige Pflegefamilie

Der Sommer 1948 in der Schweiz war denn auch heilsam für das traumatisierte Flüchtlingskind, sowohl physisch als auch psychisch. Hier waren die Städte intakt, keine Trümmer. Der Knabe schöpfte Zuversicht. Wie selbstverständlich integrierten ihn seine Pflegeeltern ins Familienleben. Sie gaben ihm reichlich zu essen, bezahlten Medikamente und versorgten ihn mit neuen Kleidern. Herr und Frau Feucht hatten zwei Töchter, sechs und acht Jahre älter als der «kleine Gerhard». Die freien Tage verbrachte Familie Feucht gerne im Wochenendhaus in Altendorf am See. «Wir fuhren immer mit dem Zug dahin und sassen auf weichen Polstern im Erstklassabteil. Vor der Abfahrt durfte ich jeweils ins Stellwerk schauen, weil Familie Feucht den Bahnhofvorstand kannte.» Noch heute scheinen die Augen von Gerhard Ulrich zu leuchten, wenn er davon erzählt. Oder von seiner ersten Modelleisenbahn, welche ihm die Pflegeeltern schenkten.

Nach dem glücklichen Schweizer Sommer kehrte Gerhard Ulrich verändert nach Dresden zurück. Gesünder, Schweizerdeutsch sprechend und mit dem Ziel, in die Schweiz zurückzukehren, wann immer sich die Gelegenheit bieten würde. Regelmässig schickte Familie Feucht Geschenke und bot an, dass er jederzeit für Ferien nach Zürich kommen dürfe. Nichts schwieriger als das. Schon der erste Schweizaufenthalt wäre ohne den Einfluss des SRK unmöglich gewesen. Nur unter besonderen Umständen wurde eine Ausreise aus Ostdeutschland bewilligt. Erst im Alter von 17 Jahren gelang es Gerhard Ulrich von Frankfurt aus, wo er seinen Grossvater ausnahmsweise besuchen durfte, per Fahrrad in die Schweiz zu gelangen. Nach neun Jahren lebte Gerhard Ulrich für drei Wochen wieder bei Familie Feucht und lernte als Jugendlicher die Schweiz noch besser kennen. 1966 wurde sein Traum wahr. Er zog nach Cham im Kanton Zug, weil es ihm gelang, eine Arbeitsstelle zu finden. Und wieder bringt ihm eine Zugfahrt Glück. 1970 lernte er im Zug zwischen Deutschland und der Schweiz seine Frau kennen.

In Dankbarkeit

Monika Ulrich kennt die Lebensgeschichte ihres Mannes so gut, dass sie bei den Erzählungen ergänzt. Sie weiss auch, wie prägend die schlimmen Erfahrungen seiner Kindheit waren. Erst als Gerhard Ulrich 1991 seine ostdeutsche Heimatstadt nach dem Fall der Mauer wieder besuchen konnte und mit eigenen Augen gesehen hatte, wie die Stadt wieder aufgebaut worden war, hörten die Albträume nach fast 50 Jahren plötzlich auf.

«Das ist unsere Art, unseren Dank auszudrücken. Auch gegenüber der Schweiz.»

 «Er hätte ein Buch schreiben sollen», meint sie. Ein Buch wurde es nicht, aber als Bernd Haunfelder, der Autor von «Kinderzüge in die Schweiz» ihn bat, seine persönliche Erfahrung niederzuschreiben, gelang ihm eine berührende Kurzfassung, die im zweiten Buch «Not und Hoffnung» publiziert wurde. Bei allen wichtigen Entscheidungen stimmt das Ehepaar Ulrich miteinander überein. Wann immer ein «Häufchen Fränkli» - beide sprechen nach all den Jahrzehnten kein Hochdeutsch mehr - übrig bleibt, spenden sie es dem Schweizerischen Roten Kreuz. «Das ist unsere Art, unseren Dank auszudrücken. Nicht nur gegenüber dem SRK, sondern auch gegenüber der Schweiz.» Deshalb ist sich das Ehepaar Ulrich sicher, dass sie ihren gesamten Nachlass dem SRK vermachen wollen. «Unser Vermögen soll das SRK für bedürftige Menschen in der Schweiz einsetzen, aber auch für die Ärmsten im Ausland,» erklärt Gerhard Ulrich, während seine Frau nickt. Sie glaubten beide nicht daran, dass wer Gutes tue, auch Gutes zurückbekomme. Viel mehr sei es ein logischer Schritt nach einem Leben, das ohne die Kinderzüge des SRK in eine andere Bahn gelenkt worden wäre.

Buchtipp: Bernd Haunfelder, «Not und Hoffnung», Aschendorff Verlag