Familienbegleitung SRK

Unterstützung für positive Veränderung

Seit 2015 begleitet das Schweizerische Rote Kreuz Kanton Bern Familien und Einzelpersonen mit Migrationshintergrund in schwierigen Lebenssituationen. Das können bestehende Kindeswohlgefährdungen oder Überforderung sein in einem schwierigen Integrationsprozess. Familienbegleiterin Hula Sultan, die aus Syrien stammt, und Projektleiterin Christiane Dilly erklären, worum es geht.

A PROPOS
Sozialpädagogische Familienbegleitung für nachhaltig positive Veränderung
Die Familienbegleitung SRK ergänzt bestehende Angebote und entlastet Sozialdienste sowie Betroffene. Das Ziel ist eine nachhaltige, positive Veränderung.

Die Familienbegleitung SRK:

  • stärkt Kompetenzen
  • fördert die Eigeninitiative
  • verbessert die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
  • beugt Kindeswohlgefährdungen vor oder hilft, diese zu beseitigen
  • entschärft Spannungen
  • unterstützt Eltern bei Erziehungsaufgaben
  • stabilisiert das Familiensystem
  • hilft bei der beruflichen Orientierung
  • bietet sozialpädagogische Familienbegleitung und Einzelcoachings

Hula Sultan, weshalb engagieren Sie sich als Begleiterin?

Hula Sultan (HS): Ich lebe seit 2001 in der Schweiz. In Syrien unterrichtete ich mehrere Jahre am Gymnasium. Meine Ausbildung, Erfahrungen aus Syrien und dem Integrationsprozess möchte ich an Familien in schwierigen Situationen weitergeben. Ich suche sie zu Hause auf und helfe ihnen, ihre Probleme zu lösen. An meiner Arbeit gefällt mir, dass ich nahe bei den Menschen bin. Das macht mir grosse Freude.

Wie funktioniert eine Familienbegleitung durch das SRK?
Christiane Dilly (CD): Alle Fälle werden uns von den Sozialdiensten oder den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB) zugewiesen, da die sozialpädagogische Familienbegleitung ein professionelles Angebot ist. Wir sind sind vertreten im entsprechenden Fachverband. Zuerst beobachten unsere Familienbegleiterinnen und -begleiter. Sie stützen sich dabei auf die Standardinstrumente aus der Methodik der kompetenzorientierten Familienarbeit (KOFA). Nur bei einer akuten Kindswohlgefährdung wird in der ersten Phase bereits interveniert. Wir geben unseren Bericht ab, er enthält oft auch Aspekte, die zuvor nicht berücksichtigt wurden, und unsere Empfehlungen. Die Auftraggebenden entscheiden darauf aufbauend, welche weiteren Schritte sinnvoll sind. Das kann eine sozialpädagogische Familienbegleitung durch das SRK sein. Hula Sultan ist eine von 22 Familienbegleiterinnen und -begleitern, die 31 verschiedene Einsatzsprachen abdecken. Sie alle kennen die Sprache und Kultur der Länder, aus denen die Familien stammen, und haben früher selber einen Integrationsprozess durchlaufen. Da wir es mit komplexen Fällen zu tun haben, müssen Familienbegleitende eine Grundausbildung im Pädagogik-, Gesundheits- oder Sozialbereich haben. Denn bei ihrer Tätigkeit haben sie es zu tun mit psychischen Erkrankungen, Suchtproblematiken oder häuslicher Gewalt.

Gibt es typische Probleme?
HS: Manchmal sind es Kleinigkeiten, die eine Situation vergiften. Zum Beispiel sind sich Menschen aus Syrien nicht gewohnt, im Voraus einen Termin zu vereinbaren. Wer in Syrien mit einer Lehrperson sprechen möchte, geht spontan in die Schule. Wer hier einen vereinbarten Termin nicht wahrnimmt oder einfach so vorbei kommt, erweckt einen negativen Eindruck. Vielen ist auch nicht klar, was ein Hausaufgaben- oder Lernheft ist und wozu es dient. Meine Aufgabe ist es, den Familien zu erklären, was in der Schweiz üblich ist. Ich sensibilisiere aber auch ihre Ansprechpersonen und bitte diese zum Beispiel, kürzere und leicht verständliche Briefe zu verfassen.
CD: Unsere Familienbegleitenden lösen konkrete Probleme, haben aber auch eine Vorbildrolle. Es kann sehr motivierend sein, einer Person aus der gleichen Kultur zu begegnen, der es gelungen ist, sich zu integrieren und zugleich ihre Identität zu bewahren.

Was bringen Sie zusätzlich ein?
HS: Dank meiner Erfahrung und der Kenntnis der Sprache und Kultur gelingt es mir, eine Vertrauensbeziehung aufzubauen. Diese wird auch gefördert, weil ich weiss, was diese Menschen hier in der Schweiz erleben. Deshalb sind sie mir gegenüber offener. Das gibt mir die Möglichkeit, andere Aspekte des Problems zu beobachten, was zur Lösung beitragen kann.

Worauf muss bei der Familienbegleitung geachtet werden?
HS: Wir müssen Grenzen setzen! Oft denken die Leute, ich sei so etwas wie Ali Babas Wunderlampe und könne alles für sie tun: ihnen Geld leihen oder für sie anrufen, um einen Termin zu vereinbaren. Ich muss konsequent sein und wissen, wofür ich zuständig bin.
CD: Häufig gibt es Missverständnisse, was «Unterstützung» bedeutet. Doch unser Ziel ist klar: Nicht wir erledigen die Dinge für die Menschen – sie sollen befähigt werden, sich selbst zu helfen. Deshalb sind alle unsere Familienbegleiterinnen und -begleiter in der KOFA ausgebildet und arbeiten danach. Damit erreichen wir trotz der unterschiedlichen Profile eine einheitliche, professionelle Arbeitsweise.

Wer bezahlt diese Einsätze?
CD: Kindesschutzmassnahmen müssen nach dem ZGB die Familien selbst bezahlen. Falls sie dazu nicht in der Lage sind, die Sozialdienste oder die KESB. Familienbegleitende werden im Stundenlohn entschädigt. Das SRK unterstützt sie mit Einzelcoachings, Teamsitzungen und Supervisionen.
HS: Diese Coaching-Stunden sind sehr wertvoll, das gibt mir Sicherheit. Ich erhalte Unterstützung, damit ich meine Gefühle verarbeiten und mich besser abgrenzen kann. Auch der Austausch ist wichtig. Christiane Dilly kann mir beispielsweise ein Bilderbuch empfehlen, dass sich eignet, um mit einem Kind über die Suchterkrankung der Mutter zu sprechen. Ich erhalte hier den nötigen Rückhalt.