Fragen zur Entwicklungszusammenarbeit SRK

Solidarität hat Vorrang

Sinn und Zweck der Entwicklungszusammenarbeit werden immer wieder öffentlich diskutiert. Aktuell weil der Bund seine Entwicklungszusammenarbeit neu ausrichtet. Beat von Däniken, Leiter der Internationalen Zusammenarbeit des SRK, beantwortet kritische Fragen zur Wirksamkeit, zu Erfolgen und Rückschlägen.

Auch in der Schweiz gibt es Leid und Armut. Warum sollen wir uns für Menschen weit weg engagieren?

Was früher weit weg war, ist heute nahe gerückt. Durch Menschen aus Krisengebieten, die hier leben. Durch Flugverbindungen, die uns innert Stunden in völlig andere Lebenswelten bringen. Und durch den Konsum. Wir tragen Kleider, die in Bangladesch genäht werden oder konsumieren Nahrungsmittel von fast überall. Dadurch sind wir in der Verantwortung. Es geht uns in der Schweiz mehrheitlich so gut, dass der Überfluss uns zeitweise fast überfordert. Es geht uns noch besser, wenn wir etwas davon teilen und uns dafür einsetzen, dass alle Menschen in Würde leben können. Das schliesst die Bauernfamilien und Textilarbeiterinnen mit ein, die weit weg für uns produzieren. Solidarität ist heute wichtiger denn je. Das gilt global, aber natürlich auch für weniger privilegierte und marginalisierte Menschen in der Schweiz.

Die Arbeit der Hilfswerke wird häufig kritisiert. Sogar Personen aus den unterstützten Ländern bemängeln, sie lasse die Bevölkerung träge werden oder bevormunde. Was entgegnen Sie?

Diese Kritik geht von einem veralteten Bild der früheren «Entwicklungshilfe» aus. Die zeitgemässe Entwicklungszusammenarbeit belehrt nicht von oben herab, sondern stärkt immer den lokalen Partner. Das gilt für das SRK wie auch für die andern anerkannten Schweizer Hilfswerke. Das SRK arbeitet mit der jeweiligen nationalen Rotkreuz- oder Rothalbmondgesellschaft auf Augenhöhe zusammen und unterstützt diese dabei, ihre Kapazitäten zu verbessern. Wir stellen nicht einfach die finanziellen Mittel zur Verfügung. Wir schulen beispielsweise Freiwillige, vermitteln Knowhow bei der Programmumsetzung und wo möglich auch bei der Mittelbeschaffung. Oft werden wir konkret angefragt, ob wir in einem Bereich Unterstützung leisten können, wie in Kirgistan für eine Verbesserung der Katastrophenvorsorge in einer entlegenen Region.

Wie können Sie sicherstellen, dass die Arbeit erfolgreich ist?

Das Rote Kreuz verfolgt einen Ansatz, bei dem Nothilfe, Wiederaufbau, Katastrophenvorsorge und langfristige Programme sich gegenseitig ergänzen. Dies stärkt die Widerstandskraft der Gemeinschaften und macht sie unabhängiger. Bei der Katastrophenbewältigung zeigt sich, dass in Gebieten, wo längerfristig Entwicklungszusammenarbeit geleistet wurde, die Menschen besser vorbereitet sind im Katastrophenfall. Beim Erdbeben letztes Jahr auf Sulawesi war das Indonesische Rote Kreuz mit seinen lokalen Freiwilligen so gut vorbereitet, dass es nur noch punktuell externe Hilfe brauchte. Zudem gilt als Richtschnur für unsere Arbeit nebst den Rotkreuz-Grundsätzen die Agenda 2030 mit den Nachhaltigkeitszielen der UNO zu denen sich die Schweiz bekennt. Das SRK leistet einen speziellen Beitrag zu sechs Zielen, die im Kompetenzbereich liegen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Beim Nachhaltigkeitsziel 3 «Gesundheit für alle» geht es unter anderem um die Senkung der Kindersterblichkeit, die in armutsbetroffenen Ländern immer noch viel zu hoch ist. Hier engagiert sich das SRK in entlegenen Gebieten von Afrika, Asien oder Südamerika mit seinen Mutter-Kinder-Projekten. Ein Puzzlestein im grossen Ganzen, es gibt viele Beispiele. Übrigens auch unsere Arbeit in Togo, die wir in unserem Magazin «Humanité» beschreiben.

Wie messen Sie, ob ihre Projekte erfolgreich sind?

Da es in vernachlässigten Regionen kaum Statistiken gibt, machen wir unsere eigenen Erhebungen. Zuerst bevor wir ein Projekt starten und nachher regelmässig. Wir schulen lokale Freiwillige, die von Haus zu Haus gehen mit Fragebogen. Zunehmend setzen wir dafür auch Tablets und Smartphones ein, wodurch die Erfassung der Daten effizienter wird. Diese Zahlen ermöglichen uns, die Wirkung zu messen, die unsere Projekte erzielen. Beim Anteil der Frauen, die in Gesundheitszentren statt zuhause gebären, gibt es grosse Fortschritte. Aber auch bei der Nutzung von sanitären Anlagen und beim Zugang zu sauberem Wasser.

Gibt es auch Rückschläge?

Ja, das kommt leider vor. Gewisse Entwicklungen können wir nicht voraussehen. Etwa wenn sich in einem Gebiet die Rahmenbedingungen verschlechtern, beispielsweise wenn ein Konflikt ausbricht. Aktuell bereitet uns die Situation im Sudan Sorgen. Durch die anhaltende Instabilität haben wir kaum mehr Zugang zu unseren Projektgebieten, die sehr abgelegen sind. Wenn dies lange so bleibt besteht die Gefahr, dass die erzielten Fortschritte verloren gehen.

Resigniert man manchmal?

Es ist der humanitäre Auftrag des Roten Kreuzes, sich dort zu engagieren, wo die Rahmenbedingungen besonders schwierig sind. Oft sind die politischen Systeme eher schwach und die Ansprechpartner bei den Behörden wechseln immer wieder. Dadurch verlangsamt sich der Fortschritt natürlich. Ermutigend ist indes, wie viel man auf Ebene der Gemeinschaften erreichen kann, indem man direkt mit den Menschen zusammenarbeitet. Da ist so viel Engagement und Wille zur Veränderung! Alle wollen, dass es ihren Kindern besser geht, überall auf der Welt. Und wenn die Menschen eine Chance sehen, ihr Schicksal zu beeinflussen, wenn sie ihre Rechte kennen, dann werden sie aktiv und engagieren sich. Solche Chancen ermöglichen wir mit unserer Arbeit. Gegenüber den Behörden steht das Rote Kreuz anwaltschaftlich für die Verletzlichsten ein und unterstützt beispielsweise den Katastrophenschutz dabei, die Frühwarnung und den Schutz von entlegenen Gemeinschaften zu verbessern. So werden nachhaltige Veränderungen erzielt und vom Roten Kreuz sowie seinen humanitären Werten mitgeprägt. Das alles ist ermutigend.

Inwiefern kann der Fortschritt die Migration eindämmen?

Es ist erwiesen, dass Fortschritte bei Bildung, Gesundheit und ländlicher Entwicklung dazu beitragen, dass Menschen sesshafter bleiben. Wenn eine Kleinbauernfamilie in Nepal ein angemessenes Einkommen erzielt, die Kinder zur Schule können und Zugang zu medizinischer Hilfe haben, wird sie kaum in die Stadt abwandern oder gar ins Ausland. Ziel der Entwicklungszusammenarbeit ist es aber nicht, die Migration einzudämmen. Sondern die Armut zu bekämpfen und den Menschen lokale Perspektiven zu ermöglichen. Kurzfristig kann zwar ein bescheidener Wohlstand bewirken, dass mehr Menschen migrieren. Langfristig führt weniger Armut aber dazu, dass Menschen sesshaft bleiben und ihre Energie in die Entwicklung des eigenen Landes stecken. Generell gilt es zu betonen, dass Migration vor allem zwischen Nachbarländern stattfindet – also regional. Das SRK unterstützt daher Länder, die stark von Migration betroffen sind, bei der Bewältigung dieser Herausforderung. Wie seit mehreren Jahren den Libanon. Im Nachbarland von Syrien leben geschätzt 1,5 Millionen Flüchtlinge, was ein Viertel der Bevölkerung ausmacht. Oder Ecuador, wo aktuell viele Menschen aus Venezuela eintreffen und vom Roten Kreuz mit dem Nötigsten versorgt werden.

Was spricht konkret dagegen, dass der Bundesrat in der Entwicklungszusammenarbeit künftig vermehrt Schweizer Interessen berücksichtigen möchte?

Eine stabile Welt, in der es möglichst vielen Menschen gut geht, ist im Interesse der Schweiz. Das ist sogar in der Bundesverfassung verankert: «Art. 2.4. Die Schweizerische Eidgenossenschaft (…) setzt sich ein für die dauerhafte Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und für eine friedliche und gerechte internationale Ordnung.» Die Bekämpfung der Armut muss daher oberste Priorität sein, denn Armut blockiert alle und alles. Entwicklungszusammenarbeit soll sich aber nicht an konkreten Eigeninteressen der Schweiz orientieren. Denn es ist der Bereich, in dem es um internationale Solidarität geht. Das SRK fordert, dass unser Land mindestens 0,5 % seiner Wirtschaftsleitung für Internationale Zusammenarbeit einsetzt. Ginge es nach den Richtlinien der UNO für die Umsetzung der Ziele der Agenda 2030, sollte die Schweiz sogar 0.7% ihres Bruttonationaleinkommens (BNE) einsetzen. Das tun einige Staaten bereits. Warum könnte da die Schweiz nicht ein starkes internationales Zeichen setzen? Die reiche Schweiz, die von Kriegen und Naturkatastrophen in der Vergangenheit so oft verschont blieb, soll solidarisch ihren Beitrag leisten für eine gerechtere Welt mit mehr Chancengleichheit.