Im Auftrag der Menschlichkeit

Porträt: Freiwillige Suchdienst SRK

Mirta Del Frari engagiert sich seit sechs Jahren freiwillig für den Suchdienst SRK. Als ehemalige IKRK-Delegierte hat sie die nötige Erfahrung, um das Vertrauen von Menschen verschiedenster Herkunft zu gewinnen. Ohne Freiwillige könnte das SRK die aufwändige Sucharbeit nicht kostenlos anbieten.

Text: Katrin Schöni

Mirta Del Frari hat in ihrem Leben schon viel von der Welt gesehen. Im luzernischen Schötz als Tochter von italienischen Gastarbeitenden aufgewachsen, bereist sie schon in jungen Jahren verschiedene Länder. So erwacht früh der Wunsch, im Ausland zu arbeiten. Ihre  kaufmännische Ausbildung bei einer Bank und die guten Sprachkenntnisse öffnen ihr die Tür zum IKRK, wo sie acht Jahre lang als Delegierte für den Schutz- und Suchdienst arbeitet. Danach arbeitet sie in zwei Unternehmungsberatungsfirmen, bevor sie sich 2014  selbstständig macht. Heute berät Mirta del Frari Schweizer KMU, die Mitarbeitende im Ausland stationieren wollen, in organisatorischen Fragen. Doch die Arbeit als Unternehmensberaterin ist ihr nicht genug. Ihre Kenntnisse über die verschiedenen Länder und deren  Menschen nutzt die 45-Jährige auch für ihre freiwillige Arbeit. Monatlich engagiert sie sich rund einen halben Tag als Senior Expert für den Suchdienst SRK.

Sie wolle wieder ein Teil der Rotkreuz-Familie sein. «Wir vom Roten Kreuz haben alle die gleiche DNA. Das Engagement gibt mir einen persönlichen Sinn, dabei rückt das Profitdenken in den Hintergrund.» Bei dieser Art von freiwilligem Engagement könne sie ihr ganzes Wissen und Können einsetzen. «Es bringt nichts, einen Somalier anhand einer Adresse zu suchen, ich muss wissen, welchem Familienclan er angehört», nennt sie als Beispiel. Dank viel Erfahrung und Empathie schafft es Mirta Del Frari, dass verzweifelte, misstrauische Menschen ihr vertrauen und somit auch heikle, aber wichtige Details für die Suche preisgeben.

«Es bringt nichts, einen Somalier anhand einer Adresse zu suchen, ich muss wissen, welchem Familienclan er angehört.»

Obschon sie Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch und Spanisch fliessend spricht, zählen sprachliche Probleme zu den grössten Herausforderungen. «Wir könnten unsere Arbeit noch effizienter erledigen, wenn mehr Geld für die Übersetzung da wäre.» Wenn jemand in  gebrochenem Englisch «Australia» sagt, aber «Austria» meint, werde es mit der Suche schwierig. Doch irgendwie, mit Händen, Füssen, viel Fantasie und manchmal auch durch eine kostenlose Übersetzung durch eine Internetplattform, schaffe man es meistens doch.

Der verlängerte Arm vom Suchdienst SRK

Aufgrund der stetig ansteigenden Suchanfragen – pro Jahr sind es über 1000 Anfragen – startet der Suchdienst SRK 2011 die Verstärkung durch Freiwillige als Pilotprojekt. Unterdessen sind es rund 20 Senior Experts – mehrheitllich ehemalige IKRK-Delegierte – die sich freiwillig engagieren, um vermisste Personen zu finden. Die Freiwilligen führen Beratungsgespräche mit Menschen, die durch Krieg, Migration, Katastrophen oder aus sozialen Gründen den Kontakt zu Angehörigen verloren haben. Nicole Windlin, Leiterin des Suchdienstes SRK, bestätigt, dass der Suchdienst ohne die Freiwilligen nicht allen Suchenden gerecht werden könnte. Dank fundiertem Wissen kennen Senior Experts verschiedene Möglichkeiten, wie der Kontakt zu vermissten Personen in abgelegenen Gebieten hergestellt werden kann. Der Suchdienst SRK in Bern mit seinen sechs Mitarbeitenden ist die Zentrale. Alle Suchanfragen von Personen mit Wohnsitz in der Schweiz werden vom Team in Bern erfasst und nach einer ersten Analyse der Situation und der Suchmöglichkeiten an die regional zuständigen Senior Experts weitergeleitet. Ohne die Freiwilligen könnte der Suchdienst SRK nicht allen Suchenden kostenlos helfen. Und Mirta Del Frari wiederum könnte ihr Engagement nicht ohne die Zentrale in Bern ausüben. «Ich bin dankbar, dass die Zusammenarbeit mit Bern so gut ist und die Mitarbeitenden für uns wertvolle Vorarbeit leisten.»

Ohne die Freiwilligen könnte der Suchdienst nicht alle Suchanträge kostenlos durchführen.

Einige Geschichten berühren die dynamische Fraubesonders. Beispielsweise,wenn Kinder involviert sind, wie das 10-jährige Mädchen, welches die Nachricht auf dem Foto an seine Mutter schreibt. Es ist allein mit seinem Vater in die Schweiz geflüchtet, die Mutter muss in Eritrea zurückbleiben, flüchtet jedoch später in den Sudan. Als der Kontakt über die üblichen Kommunikationsmittel abbricht, wendet sich die Mutter in ihrer Verzweiflung an das IKRK im Sudan. Ehemann und Tochter können über den Suchdienst in der Schweiz ausfindig gemacht werden. Mirta Del Frari überbringt die Rotkreuz-Nachricht aus Afrika. Nun hat die Familie wieder Kontakt. Das Mädchen schreibt in einem rührenden Sprachenmix von seinem Alltag in der Schweiz.

Eine Rotkreuz-Nachricht kommt zum Einsatz, wenn der Kontakt zur gesuchten Person abgebrochen ist und Kommunikationsmittel wie Post, Telefon oder Internet nicht mehr funktionieren. Die Botschaft wird persönlich überbracht und darf keinen heiklen Inhalt haben, nur private, persönliche Korrespondenz. «Es ist oft unbeschreiblich schön, zu sehen, was eine erste solche Nachricht bei den Familienangehörigen auslöst.»

Das Schlimmste ist Ungewissheit

Mirta Del Frari bestätigt aus Erfahrung, dass für Menschen die Ungewissheit über den Verbleib von vermissten Angehörigen meist schlimmer ist als alles andere. Traurig sei es aber auch, wenn eine Person keinen Kontakt mehr mit der Familie wünsche. So wie der Bruder eines 80-Jährigen, der nach Thailand auswandert, ohne seinen Aufenthaltsort der Familie mitzuteilen. Der unheilbar erkrankte Bruder, der in der Schweiz lebt, wünscht ihn vor seinem Tod noch einmal zu sehen. Obschon der Suchdienst SRK den Mann in Thailand ausfindig machen kann, will dieser keinen Kontakt zu seiner Familie. «Das kommt nicht oft vor. Doch solche Entscheidungenmüssen wir respektieren, denn selbstverständlich halten wir uns an die Rotkreuzgrundsätze», so Del Frari.

Den Weltschmerz aushalten, positiv denken und auch das Gute in der Welt sehen – so schafft es Mirta Del Frari weiterhin mit viel Energie, sich auf die Suche nach Vermissten zu machen. Denn es wartet noch viel Arbeit auf den Suchdienst SRK und seine Freiwilligen.