Flüchtlinge aus Myanmar

Not im Zufluchtsland

Auf diesem Landstrich im Süden von Bangladesch, gab es bis Mitte 2017 praktisch nichts. Nun leben hier gegen eine Million Menschen – Flüchtlinge aus Myanmar, die vor brutalster Gewalt und Verfolgung geflohen sind. Dank koordinierter internationaler Hilfe sind sie mit dem Nötigsten versorgt. Doch die Herausforderungen bleiben enorm, wie die SRK-Präsidentin Annemarie Huber-Hotz bei einem Besuch vor Ort feststellen muss. Das SRK engagiert sich vor allem bei der Gesundheitsversorgung.

Vieles hat Annemarie Huber-Hotz schon vor ihrem Besuch über die Flüchtlingscamps in Bangladesch gewusst. Als SRK-Präsidentin ist sie informiert, was das Rote Kreuz gegen die Not der aus Myanmar geflüchteten Familien tut. Sie weiss von der immensen Herausforderung, in dieser schlecht erschlossenen Gegend hunderttausende Menschen zu versorgen. Auch über die Risiken, welche die prekäre Lage der Camps mitten im Zyklon-Gebiet mit sich bringt, ist sie sich im Klaren. Doch nichts von all dem hat die SRK-Präsidentin vorbereitet auf die Begegnung mit Hasina - einer der vielen Frauen, die in Bangladesch Zuflucht gesucht haben vor der brutalen Gewalt in ihrer Heimat Myanmar.

In ihrer einfachen Notunterkunft mitten im Camp empfängt uns Hasina. Eine Reismatte dient als Sitzunterlage. Mit leiser Stimme berichtet die 35-Jährige, wie sie fünf ihrer acht Kinder verloren hat. Drei starben, als ihr Haus in Myanmar niedergebrannt wurde. Zwei weitere haben die Strapazen der Flucht nicht überlebt. Sie selber wurde, wie viele Frauen in ihrem Dorf, von Bewaffneten vergewaltigt. Nun lebt sie mit den drei Kindern, die ihr geblieben sind, in dieser notdürftigen Unterkunft im grössten Flüchtlingscamp der Welt – und weiss nicht, was aus ihnen werden soll. «Die Begegnung mit Hasina und auch mit anderen Betroffenen hat mich zutiefst erschüttert. Soviel Brutalität macht einem sprachlos», sagt Annemarie Huber-Hotz später. «Diese Frauen und Kinder gehören zu den Verletzlichsten, die unsere Hilfe dringend brauchen. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen», so die SRK-Präsidentin.

Hilfe des Roten Kreuzes

Den Verletzlichsten beistehen in grosser Not, das ist die Kernaufgabe des Roten Kreuzes. In Bangladesch hat es damit alle Hände voll zu tun. Mehr als 700‘000 Menschen sind seit dem Spätsommer 2017 vor der Gewalt im Teilstaat Rakhine im Westen von Myanmar über die Grenze nach Bangladesch geflohen. Im Distrikt Cox’s Bazar, im südlichsten Zipfel von Bangladesch, entstand praktisch aus dem Nichts ein gigantisches Flüchtlingscamp. Dicht an dicht reihen sich die einfachen Unterkünfte aus Bambus und Plastikplanen. Drei auf fünf Meter gross, eine Kochnische inbegriffen. Ein riesiger Slum, so weit das Auge reicht.

«Es ist offensichtlich, dass auf lange Sicht viel zu tun bleibt. Jederzeit kann eine Epidemie ausbrechen oder ein Tropensturm alles verwüsten.»

Dank einer beispiellosen Hilfsoperation, an der sich das SRK von Anfang an beteiligte, haben unterdessen die meisten Flüchtlinge Zugang zu Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung. «Ich bin tief beeindruckt, wie viel hier geleistet wurde unter derart schwierigen Bedingungen und wie gut zusammengearbeitet wird – sowohl innerhalb der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung als auch mit den Behörden und anderen internationalen Organisationen», so Annemarie Huber-Hotz. «Doch es ist offensichtlich, dass auf lange Sicht viel zu tun bleibt. Jederzeit kann hier eine Epidemie ausbrechen. Oder ein Tropensturm kann alles verwüsten.»

Eine Art Alltäglichkeit

Das Überleben im Camp ist eine ständige Herausforderung und hält die Menschen beschäftigt. Bei unserem Besuch herrscht eine Art betriebsamer Alltag. Männer schleppen Reissäcke von den Verteilstellen nach Hause. Jugendliche balancieren lange Bambusrohre zum Verstärken der Häuser. Frauen füllen ihre Kessel an den Wasserstellen, die es dank dem Engagement vieler Hilfsorganisationen inzwischen in grosser Zahl gibt. Am Strassenrand bieten Händler ihre Ware feil.

Auf einem schmalen Pfad kommt uns Aisha Nerumbo entgegen. Sie kennt den lokalen SRK-Mitarbeiter von früheren Besuchen im Gesundheitszentrum. Und so kommt es zu einem kurzen Gespräch. Auch sie hat in Myanmar Schreckliches erlebt. Ihr Mann wurde erschossen, sie selber wurde Opfer sexueller Gewalt. Den Rest der Familie hat sie auf der Flucht verloren. Doch ihre ganze Sorge gehört den beiden Kindern Mustafa (2) und Asma (4). «Letzten Monat hat es viel geregnet, meine Unterkunft war tagelang überschwemmt. Seither husten die Kinder», berichtet sie. «Schon zum fünften Mal brauche ich jetzt medizinische Hilfe, ich bin froh, dass es ein Gesundheitszentrum ganz in der Nähe gibt.»

Viel Hilfe unter einem Dach

Unter solch prekären Bedingungen ist eine medizinische Grundversorgung für das Überleben der Menschen elementar. Unterstützt von der Glückskette hat das SRK in drei Zonen des Camps multifunktionale Gesundheitszentren aufgebaut, die es jetzt mit dem Roten Halbmond von Bangladesch und den Gesundheitsbehörden betreibt. Ein Dutzend Frauen mit Kindern sowie - räumlich etwas abgetrennt - ein paar Männer warten bereits, als Aisha Nerumbo mit den Kindern eintrifft. 170 bis 200 Patienten werden hier täglich behandelt, am häufigsten aufgrund von Schwangerschaft, Fieber, Husten oder Hautinfektionen. Doch dahinter verbergen sich oft andere Leiden, wie der behandelnde Arzt uns erzählt. Wenn er bei der Untersuchung feststellt, dass jemand psychologische Unterstützung braucht, wird der Patient oder die Patientin an eine Psychologin weitergeleitet, die unter dem gleichen Dach arbeitet. Unterernährte Kinder werden von den Spezialisten der Organisation «Action contre la Faim» behandelt, die ebenfalls im Zentrum ist. Auch der Suchdienst des Roten Kreuzes ist vor Ort und hilft bei der Suche nach vermissten Angehörigen. «Wir haben uns mit spezialisierten Organisationen zusammengetan, um an einem Ort eine möglichst umfassende Betreuung anzubieten», erklärt Amitab Sharma, der SRK-Länderkoordinator in Bangladesch.

Zugang zu traumatisierten Frauen

Ausgehend vom Gesundheitszentrum werden zudem Präventionskampagnen durchgeführt: Freiwillige des Roten Halbmondes gehen in die Gemeinschaften und informieren dort über wichtige Gesundheitsthemen, wie etwa Hygieneregeln zum Verhüten von Cholera. Aus der Gemeinschaft der Geflüchteten werden ebenfalls Freiwillige ausgebildet. Sie haben einen leichteren Zugang zu den Betroffenen, insbesondere zu den vielen Frauen, die sich aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen kaum mehr getrauen, ohne Begleitung ihre Unterkünfte zu verlassen. Annemarie Huber-Hotz weiss von Gesundheitszentren in anderen Projektländern des SRK: «Durch das umfassende Hilfsangebot deckt ein Gesundheitszentrum viel mehr als nur medizinische Bedürfnisse ab.»

Komplizierte medizinische Fälle werden weitergeleitet. Eines der am besten ausgerüsteten Spitäler im Camp ist das 60-Betten-Feldspital der internationalen Rotkreuzbewegung. Unter der Leitung des Roten Halbmondes von Bangladesch kümmert sich ein internationales Team rund um die Uhr um medizinische Notfälle. Auch 27 Gesundheitsdelegierte aus dem Nothilfe-Pool des SRK leisteten bisher mehrwöchige, äusserst intensive Einsätze.

«Diese Not geht uns alle an»

Es ist eine Herkulesaufgabe, so viele Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen und zugleich zu verhindern, dass es zum Ausbruch von Epidemien oder auch von sozialen Konflikten kommt. Je länger diese Situation anhält, umso grösser sind die Herausforderungen – und ein Ende der Krise, eine politische Lösung ist nicht in Sicht. «Bangladesch kann diese Aufgabe nicht alleine bewältigen, die internationale Gemeinschaft ist gefordert,» betont SRK-Präsidentin Annemarie Huber-Hotz am Schluss ihres Besuchs. «Hier leben abertausende Menschen, denen unermessliches Leid angetan wurde. Ihr Schicksal geht uns alle an. Das Rote Kreuz wird sich langfristig dafür einsetzen, dass sie Schutz, Sicherheit und trotz schwierigsten Bedingungen ein menschenwürdiges Leben haben.»