Wasser und Hygiene in Togo

Mütter-Power rettet Leben

Die Clubs des mères sind der Motor der Entwicklung, die dank der Unterstützung des Roten Kreuzes seit mehreren Jahren die Lebenssituation in 125 Dörfern der Région Centrale schrittweise verbessert.

Rhythmisches Klatschen und kräftiger, mehrstimmiger Gesang erwarten uns zuhinterst im Dorf Aou Mono Bidjadadé, rund 50 holprige Kilometer von der Distrikthauptstadt Sokodé entfernt. Im Schatten eines weit ausladenden Mangobaumes hat sich der Club des mères versammelt. Singen gehört dazu, wenn sich die 32 Frauen einmal pro Woche treffen, um ihre Aktionen zu koordinieren. Es ist Ausdruck der positiven Energie, mit der sie sich, unterstützt vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK), für ein besseres Leben in ihrem Dorf einsetzen. Singen ist ein Mittel, um den harten Alltag etwas besser zu ertragen. Zum zweiten Mal ist Yawa Mewezino dabei. Die 27-Jährige musste mit Töchterchen Clarissa (1) auf dem Rücken zu diesem Treffen über eine Stunde laufen. Das nimmt sie gerne in Kauf: «Ich habe so vieles gelernt vom Club des mères. Nun will ich meinen Beitrag leisten.» Vom Roten Kreuz wird sie nun geschult, um künftig andere im Dorf für Verhaltensänderungen in den Bereichen Gesundheit und Hygiene zu motivieren.

Mütter engagieren sich

An den wöchentlichen Treffen koordinieren die Frauen von Aou Mono Bidjadadé ihre Aktivitäten. Jede hat ihre Aufgabe: Aufklärung zu besserer Hygiene, der Vertrieb von Chlor zur Wasserdesinfektion, die Beratung von werdenden Müttern, der Schutz vor Malaria, Familienplanung. Häufig sprechen und singen die engagierten Mütter des Clubs unter einem grossen Baum zur Dorfbevölkerung. Auch die Männer diskutieren aktiv mit. Bei sensiblen oder persönlichen Themen gehen die Mütter zu den Familien nach Hause oder führen Beratungen im Gesundheitszentrum durch. Die aktiven Mitglieder der Clubs werden vom Roten Kreuz in 13 Themenbereichen ausgebildet und mit anschaulichem Schulungsmaterial ausgestattet.

Vertrauen von Frau zu Frau

Noch immer stirbt in Togo jedes 11. Kind, bevor es fünfjährig ist. Oft an den Folgen von Durchfallerkrankungen wegen verschmutztem Trinkwasser. Besonders wichtig sind daher Verbesserungen im Bereich Wasser und Hygiene. «Viele Veränderungen, die es braucht, liegen im Zuständigkeitsbereich der Frauen. Im Club des mères engagieren sich Frauen aus dem Dorf für ihresgleichen. Diese Nähe schafft Vertrauen», betont Hyacinthe Atobian, der Länderverantwortliche des SRK in Togo. Nach dem Treffen nimmt uns Yawa Mewezino mit zu sich nach Hause. Der Weg führt über eine Schotterpiste zur Schule, öffentlichen Verkehr gibt es hier keinen.

Viele Veränderungen, die es braucht, liegen im Zuständigkeitsbereich der Frauen.

Dann zweigt ein schmaler Fusspfad ab, dem wir rund drei Kilometer in sengender Hitze folgen. Durch offene Felder, vorbei an üppigen Palmen und Kaschubäumen, überqueren wir schliesslich den Bach und gelangen zu einer kleinen Häusergruppe. Hier lebt Yawa Mewezino mit ihrer Familie. Die umliegenden Felder und Bäume sind die Lebensgrundlage. Wenn die Ernte gut ausfällt, kann die Familie etwa Mais, Spinat oder Karitébutter auf dem lokalen Markt verkaufen.

Latrine aus lokalem Material

Der sechsjährige Gérard, Yawas jüngerer Sohn, kommt von der Schule zurück. Noch vor dem Essen zeigt er uns die Latrine hinter dem Haus. Die einfache sanitäre Anlage ist fast vollständig aus lokalem Material gebaut – kostengünstig und ökologisch. Der Latrinendeckel aus Holz stellt sicher, dass keine Fliegen ein- und ausgehen und schädliche Bakterien zum Essen transportieren. Asche, die jeweils ins Loch gestreut wird, dient dazu, Geruchsemissionen zu unterbinden. Auch beim Tippy Tap, einer einfachen, selbst gebauten Vorrichtung zum Händewaschen, hat es ein Gefäss mit Asche. Weil die Familien zu arm sind, um Seife zu kaufen, reiben sie sich die Hände mit Asche ein – eine Alternative, die auch vom Gesundheitsministerium propagiert wird. Natürlich wäscht sich auch Gérard sorgfältig die Hände – «jedes Mal vor dem Essen», wie er uns anvertraut. «Mein Mann und sein Bruder haben die Latrine und das Tippy Tap gebaut, gemäss den Instruktionen des Roten Kreuzes», berichtet Yawa Mewezino. «Meine Schwiegermutter und ich haben dafür gesorgt, dass alle in der Familie sie benutzen.» Früher hatte die Familie keine Toilette und man ging, wie die andern im Dorf auch, jeweils aufs freie Feld oder hinter einen Baum. Erst durch die Aufklärung durch das Rote Kreuz und den unermüdlichen Einsatz des Mütterclubs wurde Yawa Mewezino bewusst, dass dieses Verhalten nicht nur unhygienisch war, sondern direkt die Gesundheit ihrer Kinder gefährdete. «Meine Kinder sind jetzt viel seltener krank. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass wir ohne Latrine und Tippy Tap lebten», erklärt sie.

Wasser mit Chlor behandeln

50 Meter entfernt holen die Frauen aus einem Sodbrunnen das Wasser für den täglichen Bedarf. «Das ist sehr praktisch», sagt Yawa Mewezino. Doch dieses Wasser ist nicht unbedenklich, wie sie unterdessen weiss. Der Sodbrunnen ist nur ca. 12 Meter tief. Um an sicheres Wasser zu gelangen, müsste man hier mindestens 60 Meter tief bohren. Das SRK hat in der Region mehrere Tiefbrunnen gebaut. Doch in den weit verstreuten Siedlungen ist es nicht realistisch, dass alle direkten Zugang haben zu einem Tiefbrunnen. Umso wichtiger ist es, das Wasser zu behandeln. Auch hier hat das Rote Kreuz eine lokale Lösung gefunden. Der Club des mères betreibt eine kleine Produktionsstätte für Chlor. Dieses geben sie den Familien zum Selbstkostenpreis ab und instruieren sie bei der Dosierung. «Noch vor wenigen Jahren haben die Dorfbewohner das verunreinigte Wasser aus dem nächsten Fluss getrunken. Auch benutzte kaum jemand eine Toilette», berichtet Hyacinthe Atobian. «Es braucht sehr viel Zeit und Sensibilisierung, bis die Menschen ihr Verhalten verändern, besonders in einem so privaten Bereich wie der persönlichen Hygiene.»

Kinder lernen leichter

Während Erwachsene sich schwertun, jahrzehntelange Gewohnheiten abzulegen, fällt es den Kindern leichter, sich an hygienisches Verhalten zu gewöhnen. Um den Mentalitätswechsel noch besser zu verankern, arbeiten das SRK und das Togolesische Rote Kreuz seit einigen Jahren auch mit 30 Schulen in der Région Centrale zusammen. In Absprache mit den Erziehungsbehörden hat es Module entwickelt zu Gesundheit und Hygiene. Das Rote Kreuz stellt sicher, dass jede Schule über geeignete Latrinen verfügt, über Händewaschvorrichtungen, einen Zugang zu Wasser und zudem über einen Schulgarten. Die Mädchen und Knaben sollen auch gesunde, ausgewogene Ernährung erlernen und den achtsamen Umgang mit der Natur. Was sie an der Schule lernen, tragen die Kinder in ihre Familien und in wenigen Jahren sind sie es, die die Verantwortung übernehmen. Togo ist eine sehr junge Gesellschaft, 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt. «Das ist auch eine enorme Chance für Veränderung – wenn man die Kinder und Jugendlichen einbezieht und ihnen das nötige Wissen mitgibt, ist vieles möglich», so der Länderverantwortliche des SRK, Hyacinthe Atobian.

Unterdessen hat in Aou Mono Bidjadadé jede Familie eine Latrine. Die Felder sind frei von Exkrementen und das Dorf wurde dafür sogar vom Gesundheitsministerium ausgezeichnet.