Nationale Fachtagung SRK in Bern

Migration: Unterstützung für die Jüngsten

Die diesjährige nationale Fachtagung des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) befasst sich mit den Perspektiven geflüchteter Kinder und Jugendlicher, die Traumatisches erlebt haben. Hildegard Hungerbühler vom SRK-Departement Gesundheit und Integration erläutert, worum es geht.

Immer mehr junge Menschen gelangen nach Europa. Weshalb brauchen sie mehr Betreuung als Erwachsene?
Sie sind besonders verletzlich. Die Kindheit ist eine Phase, in der Stabilität, Unterstützung und fördernde Bedingungen für eine gesunde Entwicklung besonders wichtig sind. Oft sind sie alleine unterwegs, haben Gewalt erfahren oder mussten Gewalttaten mitansehen. Viele sind traumatisiert. Wenn sie im Aufnahmeland ankommen, sind sie zwar vorerst in Sicherheit. Doch ihre Perspektiven sind oft nicht klar. Sie wissen nicht, ob sie bleiben können. Die notwendige Stabilität für ihre Entwicklung ist nicht gegeben.

Was bedeutet das für die Aufnahmeländer?
Es mussten neue Unterbringungsstrukturen für unbegleitete Minderjährige geschaffen werden, wie zum Beispiel das Zentrum Insieme, das vom Tessiner Roten Kreuz geführt wird. Insgesamt ist die Betreuung von jungen Menschen mit mehr personellem Aufwand verbunden. Wichtig wären auch mehr Therapieplätze. Diese Kinder und Jugendlichen benötigen Unterstützung, damit sie Halt finden. Nur so können sie erfolgreich die Schule besuchen und haben eine Chance auf Integration. Es braucht also unbedingt mehr Mittel für die Betreuung dieser Gruppe. Leider geht der Trend in die andere Richtung: Im Asylbereich ist Sparen angesagt.

Was unternimmt das SRK?
Verschiedene Rotkreuz-Kantonalverbände haben Projekte für junge Flüchtlinge aufgebaut. Dabei spielen Freiwillige eine entscheidende Rolle. Auch die Geschäftsstelle SRK hat ein zweijähriges Pilotprojekt lanciert. Es umfasst eine Informationsplattform, die auf der Internetseite migesplus.ch integriert wird sowie ein Schulungsmodul für freiwillige und professionelle Mitarbeitende. Die geflüchteten Kinder und Jugendlichen  sollen zudem von einem Gruppenangebot profitieren, das ihnen psychosoziale Unterstützung gibt. Traumatisierte Menschen jeden Alters, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, erhalten nach wie vor in den Ambulatorien für Folter- und Kriegsopfer Hilfe.

Was kann von der Fachtagung erwartet werden?
Sie beschränkt sich nicht auf das Thema unbegleitete Minderjährige, sondern bezieht auch die jungen Erwachsenen ein. Denn sobald minderjährige Flüchtlinge mündig werden, verlieren sie rechtlich von einem Tag auf den anderen die Unterstützung, die sie zuvor erhalten haben. Dadurch entsteht ein enormer Druck, der - wie das Beispiel Schweden zeigt - eine Depression oder gar einen Suizid auslösen kann. Die Tagung wird gemeinsam mit dem Verbund Support for Torture Victims und der Allianz für die Rechte der Migrantenkinder durchgeführt. Sie bietet Gelegenheit, sich vertieft mit  gesundheitlicher, rechtlicher, bildungs- und integrationspolitischer Unterstützung für diese hochverletzliche Flüchtlingsgruppe auseinanderzusetzen. Fachpersonen – auch aus der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung - werden an der Tagung ihr Wissen weitergeben.

Hildegard Hungerbühler
Die Leiterin des Stabs «Grundlagen und Entwicklung» im SRK-Departement Gesundheit & Integration ist Verantwortliche  der nationalen Fachtagung des SRK vom 7.12.2017 in Bern.