El Salvador

Leben in der Gefahrenzone

El Salvador ist kein Kriegsland, und trotzdem ist das Leben statistisch gesehen überdurchschnittlich gefährlich im kleinsten Land Mittelamerikas. Warum dem so ist und wie sich das Rote Kreuz behaupten kann, ist eindrücklich.

El Salvador, das kleinste Land Mittelamerikas, ist dicht besiedelt. Auf einer Fläche, die halb so gross ist wie die Schweiz, leben 6,4 Millionen Menschen. Ständig drohen Naturkatastrophen wie Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüche. 95,4 Prozent der Bevölkerung leben in Gefahrenzonen. Die Hauptstadt San Salvador wurde in hügeligem Gelände im tropischen Regenwald erbaut. Reiche, sichere Quartiere grenzen hier an Elendsviertel, in denen extreme Gewalt herrscht. Etwas ausserhalb des Stadtzentrums sind ganze Siedlungen mit Häusern aus Wellblech und wiederverwertetem Material in die steilen Hänge gebaut. Zu den Naturgefahren kommt eine bewegte Geschichte, die von Gewalt und Unterdrückung geprägt ist. Sie hat unauslöschliche Spuren in der salvadorianischen Gesellschaft hinterlassen. Zum Glück gehören Militärregierungen und der Bürgerkrieg der Vergangenheit an. Doch abgesehen von Ländern, in denen bewaffnete Konflikte herrschen, ist El Salvador weiterhin das Land, das weltweit am stärksten von Gewalt betroffen ist: Jedes Jahr werden über 60 Tötungsdelikte pro 100 000 Einwohner begangen.

Gewaltsherrschaft brechen

Einige Viertel befinden sich ganz in der Hand der Maras, krimineller Banden, die durch die Rückwanderung salvadorianischer Emigranten aus Los Angeles entstanden sind. «In diese Quartiere wagt sich der Staat nur noch mit Kalaschnikows», erklärt Derek Spranger. Der ehemalige Delegationsleiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in El Salvador arbeitet heute als Sicherheitsbeauftragter für das Salvadorianische Rote Kreuz. Unterdessen kontrollieren die Maras in El Salvador ganze Landstriche. Das Rote Kreuz ist zurzeit die einzige Organisation, die in der Lage ist, der Zivilbevölkerung in diesen rechtsfreien Räumen beizustehen. Dank seiner langjährigen Erfahrung mit Sicherheitsfragen und Verhandlungen – nicht nur mit den Behörden, sondern mit allen Beteiligten – kann es in einem relativ sicheren Rahmen arbeiten. In diesem Umfeld ist es lebenswichtig, über Ortskenntnisse zu verfügen und genau zu wissen, wo die unsichtbaren Grenzen zwischen den Revieren der Maras verlaufen.

Das Rote Kreuz ist zurzeit die einzige Organisation, die in der Lage ist, der Zivilbevölkerung in diesen rechtsfreien Räumen beizustehen.

In San Salvador engagiert sich das Rote Kreuz für die Gewaltprävention und fördert den sozialen Zusammenhalt. Es setzt auf junge Menschen, auf die Zukunft und auf die Rückeroberung des öffentlichen Raums. Um den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen, bietet es Jugendlichen die Chance, sich eine Zukunft aufzubauen. Durch die Ermittlung von Führungspersönlichkeiten, die ihre Gemeinschaft zu Gewaltlosigkeit führen können, fördert es das Zusammenleben. Im Quartier San Fernando in San Salvador engagieren sich diese jungen Leader für die anderen Jugendlichen ihrer Gemeinschaft. Sie haben Tanz-, Musik- und Theatergruppen gegründet, über die sie ihre Anliegen gemeinsam äussern. In diesen Aufführungen und Songs verarbeiten sie ihren von Gewalt und Hoffnung geprägten Alltag. Das Rote Kreuz bietet diesen Jugendlichen dort, wo sie leben, eine Perspektive auf ein besseres Leben: Es besetzt den öffentlichen Raum und schafft Begegnungsorte wie einen Spielplatz für die Kinder, ein Gemeinschaftszentrum oder einen Skatepark.

Unterdessen arbeitet das Rote Kreuz in 9 Schulen und in 11 besonders unsicheren Quartieren in San Salvador. Mit Unterstützung des salvadorianischen Gesundheitsministeriums und unter Mitarbeit der Lehrerinnen und Lehrer organisiert es drei- bis viermal pro Jahr eine festliche Veranstaltung, mit der für Gewaltfreiheit sensibilisiert wird und die den Jugendlichen Auftrittsmöglichkeiten bietet. Bei diesen Veranstaltungen gibt es grundlegende Gesundheitsinformationen. Die Eltern können ihre Kinder impfen lassen und sie und sich selbst medizinisch sowie zahnärztlich behandeln lassen. Zusätzlich zur psychosozialen Arbeit mit den Jugendlichen unterstützt das Rote Kreuz Familien in ihrem beschwerlichen Alltag.

Ausserhalb der Hauptstadt

Weniger als zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt engagiert es sich in den Gemeinden San Vicente und Tecoluca in 14 Gemeinschaften gegen soziale Gewalt und extreme Armut. Familien leben hier unter prekären Bedingungen, ohne Perspektiven und angemessene Infrastruktur, ohne Arbeit oder teilweise gar ohne richtiges Dach über dem Kopf. Deshalb setzen die Regierung und das Rote Kreuz nun im ganzen Land das Programm «starke Familien» um.

Die unterstützten Gemeinschaften legen ihre Schwerpunkte selbst fest und arbeiten gemeinsam an der Umsetzung ihrer Projekte. In El Milagro hat die Gemeinschaft mit Hilfe des Roten Kreuzes Latrinen, ein Wasserversorgungssystem und ein Gemeinschaftszentrum gebaut.

Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) engagiert sich seit über 30 Jahren in El Salvador. Erstmals im Einsatz war es dort nach dem Erdbeben von 1986. Später hat es nach verschiedenen Naturkatastrophen Not- und Wiederaufbauhilfe geleistet, zum Beispiel 1998 nach dem Hurrikan Mitch, 2001 nach dem verheerenden Erdbeben oder auch nach den tropischen Wirbelstürmen Stan, Agata und Ida.