Eine Kinderbetreuerin wie man es sich wünscht

Kinderbetreuung zu Hause SRK

Über ein Drittel der Familien, welche das Angebot Kinderbetreuung zu Hause des SRK Kanton Thurgau nutzen, brauchen Entlastung, weil die Eltern mit einer psychischen Erkrankung leben. Die Tendenz ist steigend. Wir dürfen die SRK-Kinderbetreuerin Birgit Schreiner zu einer betroffenen Familie begleiten.

Text: Katrin Schöni

Aufgeregtes Hundegebell und ein Wirrwarr aus fröhlichen Kinderstimmen. So wird Birgit Schreiner jeden Mittwochnachmittag um zwei Uhr begrüsst. Wir bahnen uns einen Weg neben dem Berg aus kleinen und grossen Schuhen die Treppe hoch. An der Wohnungstüre treffen wir auf alle Familienmitglieder: Vater Enzo Negri, Mutter Sarah Gerber, der 15-jährige Joshua, Sandrine (13), Jeremy (9), Luca (5) und die Mischlingshündin Ronnia.

«Mit Biggi ist es lustig. Wir unternehmen immer etwas Tolles!»

Die Familie hat es nicht einfach. Beide Elternteile sind seit langer Zeit psychisch erkrankt. Eine schwierige Situation für die ganze Familie. Die Eltern beschliessen, wöchentlich das Angebot Kinderbetreuung zu Hause des SRK Thurgau zu nutzen. Sie bezahlen die Kinderbetreuung durch das SRK gerne selber, weil die paar wenigen Stunden pro Woche spürbar zu einem guten Miteinander beitragen. Die Stundenansätze für die Kinderbetreuung sind einkommensabhängig, damit sich auch Familien mit kleinem Budget stundenweise Kinderbetreuung leisten können.

Sarah Gerber huscht ein Strahlen übers Gesicht, als wir auf Birgit Schreiner zu sprechen kommen. «Wenn sie übernimmt, habe ich endlich etwas Zeit für mich. Diese freie Zeit hilft mir enorm. Ich komme zur Ruhe, kann an meinem Schal stricken oder lesen.» Die  Nachmittage mit der SRK-Kinderbetreuerin sind auch für die Kinder eine wertvolle Abwechslung. «Mit Biggi ist es lustig. Wir unternehmen immer etwas Tolles!», ruft Jeremy. Und sein Vater ergänzt: «Wenn Birgit mit den Kindern unterwegs ist, können Sarah und ich über alles Mögliche miteinander sprechen. Das tut uns gut.»

Gebraucht werden

Birgit Schreiner stammt aus Deutschland, ist verheiratet und lebt seit 2002 in der Schweiz. Die gelernte Restaurationsfachfrau war in ihrem Beruf nie richtig glücklich. Wegen ihrer aufgestellten, herzlichen Art wird sie von einer Bekannten angefragt, die kranke Mutter zu pflegen. Da Birgit Schreiner die neue Aufgabe sehr gefällt und darin aufblüht, beschliesst sie, den Lehrgang Pflegehelfer/-in SRK zu machen. Darauf aufbauend folgen Weiterbildungen für die Kinderbetreuung. Seit 2010 arbeitet sie für das SRK als Betreuerin für Kinder und pflegende Angehörige. Joshua, Sandrine, Jeremy und Luca begleitet sie seit rund einem halben Jahr. Ihre blauen Augen glänzen, wenn die 56-Jährige von ihnen erzählt: «Mir bedeuten diese Kinder sehr viel. Sie sind mir ans Herz gewachsen!»

Zeit für einen kleinen Ausflug. «Wer nimmt Ronnia an die Leine?»Diese Frage löst eine Diskussion unter den Kindern aus. Schliesslich stellt sich die vernünftige Sandrine zur Verfügung. Mit in den Park kommen nur die drei älteren Kinder. Luca hat heute ein Programm mit dem Opa. Die Kinder diskutieren jeweils schon Stunden vorher, was am Nachmittag mit ihrer Biggi unternommen werden soll. Jedes Kind darf abwechslungsweise das Programm bestimmen. «Das Schönste war, als ich einmal alleine mit Biggi etwas machen durfte. Wir gingen zusammen in den Skaterpark», erzählt Jeremy voller Stolz.

Belastetes Familienleben

Auf dem Spaziergang erzählt uns Birgit Schreiner, dass sie traurig werde, wenn es der Mutter sehr schlecht gehe und sie mit ihren Depressionen zu kämpfen habe. «Ich bin dankbar, dass ich mit meiner Arbeit die Eltern entlasten kann.» Birgit Schreiner betreut noch weitere Familien, die von psychischen Erkrankungen betroffen sind. «Familien mit einer solchen gravierenden Belastung sollten unbedingt Hilfe in Anspruch nehmen», meint die Pflegehelferin. Rita Leuch, Leiterin Kinderbetreuung beim SRK Kanton Thurgau bestätigt, dass die Betreuungen für Kinder mit psychisch kranken Eltern stetig zunehmen: «Es ist wichtig, dass wir diese Dienstleitung niederschwellig anbieten können, für Familien, die sie besonders benötigen.»

«Ich bin dankbar, dass ich mit meiner Arbeit die Eltern entlaste.»

Wie schweizweit bei den meisten Rotkreuz-Kantonalverbänden ist die  Kinderbetreuung SRK stundenweise für Familien da, die eine schwere Zeit durchmachen. Sei es weil die Eltern oder ein Kind erkrankt sind. Unter einem riesigen Baum – einem amerikanischen Mammutbaum, weiss Sandrine – legt Birgit Schreiner die Picknick- Decke aus. Sie richtet darauf selbstgepflückte Kirschen, Apfelschnitze und Fruchtsaft an. Ihr Umgang mit den Kindern ist vertraut, die Stimmung fröhlich.

«Komm, Biggi – hilf uns bitte!» ruft der Älteste. Sofort eilt Birgit Schreiner trotz der drückenden Hitze zu den Kindern und hilft ihnen wo nötig beim Hochklettern auf den Baum. Die Hitze ertrage sie zwar sehr schlecht, sagt die sie. «Aber ich bin so gerne mit den Kindern zusammen, dass ich praktisch nie einen Mittwochnachmittag mit ihnen verpasse.»