Bereichernd für uns alle

Integrationsangebot «Mitten unter uns»

Ursula Santner betreut als Freiwillige des SRK Kanton Zürich den 19-jährigen Ali aus dem Tschad. Die Mutter von 14-jährigen Zwillingen will Vorurteile abbauen und zeigen, dass ein solches Engagement auch im Alltag von Berufstätigen Platz findet. Sie berichtet ehrlich von ihren Erfahrungen und wie sehr dieser Einsatz bereichert.

Ursula Santner
Die 50-Jährige arbeitet als Business Managerin und Coach. Sie lebt in der Region Zürich mit ihrem Partner und den beiden Kindern, welche abwechslungsweise auch bei ihrem Vater leben.

Vor ungefähr drei Jahren habe ich beschlossen, dass ich etwas weitergeben will. Ich suchte nach einem sinnstiftenden Engagement, das in meinen Alltag als berufstätige, damals alleinerziehende Mutter passt und meine Kinder miteinbezieht. Zudem war es mir ein Anliegen, die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen abzubauen. Damals arbeitete ich bei der Credit Suisse und erfuhr so über die Zusammenarbeit mit dem SRK. Als ich über Mitten unter uns las, war ich sofort überzeugt: Fremdsprachige Kinder oder junge Erwachsene besuchen wöchentlich eine deutschsprachige Familie oder Einzelperson. Dies, um die Sprache zu erlernen und mehr über das Leben in der Schweiz zu erfahren. Es passt wunderbar zu den Werten, die ich meinen Kindern mit auf den Weg geben möchte: weltoffen und hilfsbereit für andere da sein. Sie sollen durch andere Lebensgeschichten erkennen, wie gut es uns geht und auch etwas beitragen. Meine damals 11-jährigen Zwillinge Aela und Manolo waren einverstanden. Ich meldete mich umgehend beim SRK Kanton Zürich. Die SRK-Koordinatorin kennt die jeweiligen Jugendlichen und kann somit einschätzen, wer zu einer freiwillig tätigen Person und dessen Umfeld passt. Alles ist durchdacht. Ich fühlte mich gut durch das SRK vorbereitet.

Beim ersten Treffen war die Koordinatorin mit dabei und beantwortete unsere Fragen, was für alle wertvoll und vertrauensbildend war. Die ersten Wochen gelten als unverbindliches Kennenlernen. Sowohl wir als auch unser Gast können ohne weitere Begründung dem SRK melden, wenn wir das Engagement nicht weiterführen möchten. Obschon Ali fünf Jahre älter ist als Aela und Manolo, haben wir rasch den Zugang zueinander gefunden. Heute ist Ali 19 Jahre alt, die Zwillinge sind 14. Als wir ihn kennen lernten, war Ali seit ein paar Monaten in der Schweiz. Er wohnte in einer Einrichtung für unbegleitete Jugendliche aus Krisengebieten. Erstaunlicherweise sprach und verstand er damals schon recht gut Deutsch. Als er volljährig wurde, konnte er einen Integrationskurs besuchen, in dem Basiswissen für bildungsferne Migrantinnen und Migranten vermittelt wird. Nun beginnt Ali im August eine zweijährige Lehre zum eidgenössischen Berufsattest (EBA) als Reifenpraktiker. Das ist möglich, weil Ali von ihm wohlgesinnten Menschen ermutigt wurde. Ich meine, wir alle brauchen Menschen, die uns fördern und inspirieren.

Wenn ich nun zurückschaue, auf die letzten zweieinhalb Jahre, stelle ich fest, wie viel sich verändert hat. Ali hat zu uns ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Er bezeichnet mich liebevoll als seine zweite Mutter. Mein Sohn Manolo ist eine Art «kleiner Bruder», obwohl sie schon gleich gross sind. Auch die Verbindung mit meiner Tochter Aela ist von Herzlichkeit geprägt. Ali ist in unsere Patchwork-Familienverhältnisse integriert. Meinen Partner Tom kennt er von Anfang an, und wenn meine Kinder bei ihrem Vater Hans-Jürg sind, dann ist Ali auch dort ein gern gesehener Gast.

«Es ist mir wichtig, die Gräben zu verringern, die sich in unserer Gesellschaft auftun.»

Ali war immer schon sehr höflich, anfangs eher schüchtern. Heute begrüsst er mich wie ein Gentleman: «Hallo Uschi! Schön dich zu sehen. Wie geht es dir?» Dabei wirkt er älter als 19. Ali ist herzlich, respektvoll und sehr ordentlich. Deshalb hatte er zwischenzeitlich Mühe, sein Zimmer mit einem anderen Flüchtling zu teilen. Er fühlte sich gestört beim Lernen, konnte nicht ausreichend schlafen und er mochte es ordentlicher als sein Zimmergenosse. Ali lebt ohne Familienangehörige in der Schweiz. Er erzählt manchmal von früher und von seiner Flucht aus dem Tschad, wo er sich gegen eine Ungerechtigkeit gewehrt hat. Er beschreibt, wie es ist, wenn die Gesundheitsversorgung schlecht ist und wenn das Leben eines Einzelnen abhängig ist vom sozialen Status. Ali ist Moslem. Während des Ramadans erzählt er, wie es ihm geht und wie spannend das sogenannte Fastenbrechen ist.

Als Gast würde ich Ali längst nicht mehr bezeichnen, sondern als Familienmitglied. Die Zwillinge sind sehr wichtig für Ali, da es in seiner Situation nicht einfach ist, «echte» Freunde zu finden. Als wir umgezogen sind, hat uns Ali ganz selbstverständlich dabei geholfen. An unserem Weihnachtsfest war er dabei. Da er kaum Geld hat, um Geschenke zu kaufen, hat er jedem von uns eine Weihnachtskarte geschrieben. Ich freue mich immer über eine WhatsApp-Nachricht von ihm. Manchmal sendet er mir ein Foto von einem selbst gekochten Gericht, dass er mit uns gemeinsam gekocht hat und nun selbst probiert. Das zeigt mir, wie sehr er uns vertraut.

Es gibt Momente, in denen ich ein ernstes Gespräch mit ihm führe. Dabei geht es beispielsweise um den Umgang mit Geld. Wir sprechen darüber, wie wichtig es ist, ein Ziel zu haben und kurzfristig auf gewisse verlockende Anschaffungen zu verzichten. Das untermauere ich mit Beispielen aus meinem eigenen Alltag. Vor Kurzem haben wir über Verantwortung und seine Pflichten bezüglich der Lehre gesprochen. Wir haben gemeinsam erarbeitet, was wichtig sein wird, um das EBA erfolgreich abzuschliessen. Ali freut sich auf die physische Arbeit, aber es wird ihm voraussichtlich schwerfallen, den Schulstoff zu bewältigen. Seine schriftlichen Deutschkenntnisse sind noch nicht so gut. Darum suchen wir eine Person für den Nachhilfeunterricht. Er ist sich bewusst, welche Chance er bekommt. Wir haben die Zusage vom Lehrbetrieb gefeiert und drücken ihm nun die Daumen. Im Vorfeld habe ich Kontakt zu seinem Lehrmeister aufgenommen. Das gab ihm die Gelegenheit, mit mir über allfällige Bedenken zu sprechen.

Ich spüre, dass Ali unsere Gespräche zu schätzen weiss. Dabei geht es oft um für uns ganz banale Dinge wie Wäsche waschen, Zahlungen, Beziehungen oder welche Geschenke man wem machen darf. Manchmal bin ich überrascht, wie wenig sich die Personen und Ämter untereinander austauschen, die professionell mit der Integration von Ali beschäftigt sind. Ansonsten gibt es keinen einzigen negativen Aspekt. Ich würde mich sofort wieder für diese Art der Integration einer geflüchteten Person engagieren. Es ist mir enorm wichtig, einen Beitrag zu leisten, um die Gräben, die sich in unserer Gesellschaft auftun, zu verringern und Vorurteile abzubauen. Denn nur was man nicht kennt, macht Angst. Darum möchte ich alle ermutigen: Machen Sie mit! Engagieren Sie sich und seien Sie versichert – Sie bekommen sehr viel zurück!