Hauspflege in Armenien

«Ihr seid meine Engel des Roten Kreuzes»

Aufgrund der wirtschaftlich prekären Lage in Armenien sind Menschen in allen Bevölkerungsschichten von Armut betroffen, besonders jedoch die älteste Generation. Das Armenische Rote Kreuz setzt sich mit der Unterstützung des Schweizerischen Roten Kreuzes für notleidende alte Menschen ein.

Blauer Himmel, Sonnenschein und eine ruhige Strasse: Alles scheint friedlich zu sein in diesem Quartier von Gyumri im Norden Armeniens. Doch die zweitgrösste Stadt des Landes mit ihren 146 000 Einwohnerinnen und Einwohnern hätte es fast nicht geschafft, nach dem schrecklichen Erdbeben von 1988 wieder auf die Beine zu kommen.
Während die Infrastruktur und die Annehmlichkeiten der Millionenhauptstadt Jerewan durchaus mit den europäischen Grossstädten mithalten können, sieht es in vielen Ortschaften anders aus, unter anderem in Gyumri, wo die Menschen teilweise noch in provisorischen Unterkünften wohnen. Besonders prekär sind die Lebensbedingungen von allein und isoliert lebenden älteren Menschen, deren Angehörige ausgewandert sind.

Ein rettender Anruf

Als wir das Haus der 77-jährigen Ofik Ghazaryan betreten, empfängt sie uns mit einem breiten Lächeln. Und mit Schokolade. Sie besteht darauf, dass wir uns bedienen. Eine Grosszügigkeit, die tief berührt, wenn man weiss, dass diese Frau selber kaum genug zum Leben hat und fast an Lungenentzündung gestorben wäre. Wenn ihre Nachbarin nicht das Rote Kreuz angerufen hätte, wäre Ofik Ghazaryan zweifelsohne nicht mehr hier. Die alte Frau, die weder Kinder noch Familie hat, lebt seit dreissig Jahre alleine unter bedenklichen hygienischen Verhältnissen in einer Baracke, die nur als Übergangslösung gedacht war. Heute geht es Ofik Ghazaryan wieder besser, aber das Rote Kreuz kommt nun täglich vorbei, um ihr zu helfen.

Verlust des sozialen Netzes

In Armenien gibt es keine Altersheime, und die Altersrenten sind klein oder gar inexistent. In einem ebenso abbruchreifen Haus wie Ofik Ghazaryan lebt seit 53 Jahren auch die 77-jährige Tosya Hartuyienyan. Die Kinder der verwitweten Frau sind ausgewandert; Gesellschaft leisten ihr nur noch einige Katzen. Und das Rote Kreuz. Eine Haushaltshilfe unterstützt sie im Haushalt und bei den Mahlzeiten.Eine freiwillige Helferin besucht sie drei Mal pro Woche und bewahrt sie vor der Einsamkeit. «Ich freue mich immer sehr, wenn sie kommt und mir vorliest», sagt Tosya Hartuyienyan. Ein willkommener menschlicher Kontakt für diese Dame, die früher gerne in die Kirche ging. Heute fällt ihr das Gehen schwer, und ohne dieses soziale Netz fühlt sie sich isoliert. «Ihr seid meine Engel des Roten Kreuzes», flüstert sie uns beim Abschied zu.

Eine unerlässliche Hilfe

Das würde die 58-jährige Karine Khachatzyan sicher auch sagen, wenn sie sprechen könnte. Die schwer behinderte Frau lebt zusammen mit ihrer 80-jährigen Mutter, von der sie abhängig ist. Doch seit einigen Wochen ist ihre Mutter im Spital. Ohne die Unterstützung des Roten Kreuzes, von dem sie zweimal am Tag während zwei Stunden gepflegt wird, und ohne Haushaltshilfe könnte nicht leben. Sie drückt ihre Pflegerin fest an sich und strahlt über das ganze Gesicht. Es braucht keine Worte, um zu verstehen, dass zwischen Helferinnen und Betreuten eine enge Bindung besteht. Pflege im Alltag und authentische und grosszügige menschliche Wärme, so unterstützt das Rote Kreuz diese isolierten Menschen, damit die Sonne für sie weiter scheint.

KURZ BEFRAGT

Gabriela Zipper
Als Programmverantwortliche ist sie zuständig für Armenien, Laos und Vietnam. Sie hat einen Master für internationale Sozialwissenschaften und viel  Erfahrung im Gesundheitsbereich.

Wie hilft das SRK in Armenien?

Seit drei Jahren unterstützen wirdas lokale Rote Kreuz beim Aufbau von Hilfsprojekten für ältere Menschen. Dank langjähriger Erfahrung verfügen wir über umfassende Kenntnisse in diesem Bereich. Für das Armenische Rote Kreuz ist diese Arbeit neu. Die Zusammenarbeit mit dem SRK ermöglicht es dem Armenischen Roten Kreuz, das Angebot für ältere und verletzliche Menschen auf- und auszubauen, Arbeitsplätze zu schaffen und damit sein Ansehen zu stärken.

Was ist besonders?

Unser Programm Homebased Care: Wir bauen einen häuslichen Pflegedienst auf, der nicht nur aus der Krankenpflege besteht, sondern auch Haushaltshilfe und Besuche durch ehrenamtliche Mitarbeitende umfasst. Dieses kombinierte Angebot ist in Armenien einmalig, die reine Krankenpflege wird auch durch andere angeboten. Es ist zudem unser Ziel, das sogenannte Active Ageing zu fördern. Das bedeutet, ältere Menschen aus der sozialen Isolation herauszuführen, damit sie ihre körperliche und psychische Gesundheit behalten oder bis zu einem gewissen Grad auch wiedererlangen können.

Was unternimmt das Rote Kreuz noch gegen die Armut?

Unsere Unterstützung ermöglicht es dem Armenischen Roten Kreuz, dreimal pro Woche warme Mahlzeiten an Bedürftige auszugeben. Die Finanzierung durch das SRK wird ergänzt durch Partnerschaften mit Geschäften und Privatpersonen vor Ort, die Lebensmittel spenden. Zudem werden Online-Spendenpakete von 2 x Weihnachten für armenische Suppenküchen eingesetzt. Alle, die von Armut betroffen sind, dürfen sich verpflegen. Häufig sind es auch Einelternfamilien. Auch die Suppenküchen sollen soziale Kontakte fördern und die Menschen vor der Einsamkeit bewahren. Es hat sich eine erfreuliche Dynamik entwickelt: Die Menschen treffen sich und organisieren gemeinsam Feste.