Suchdienst SRK

Glückstränen einer Mutter

Als Bibigol Sarvari und ihr Sohn Ramin Ende Sommer 2018 Afghanistan verliessen, ahnten sie nicht, dass sie getrennt werden würden Bibigol Sarvari erklärte sich bereit, uns ihre Geschichte zu erzählen und zu schildern wie der Suchdienst SRK ihr während dieser Zeit des Zweifelns und der Ungewissheit geholfen hat.

Internationaler Tag der Verschwundenen
Getötet, vertrieben oder an der Front gefallen: Auf der ganzen Welt werden Hunderttausende von Menschen vermisst. Manchmal sind Angehörige jahrelang über das Schicksal ihrer Liebsten im Ungewissen. Am 30. August, dem Internationalen Tag der Verschwundenen, möchte das Schweizerische Rote Kreuz die Bevölkerung auf diese Tragödie hinweisen. Der Suchdienst SRK steht Menschen bei, die Angehörige aus den Augen verloren haben, und engagiert sich, damit Familienangehörige wieder Kontakt zueinander haben können. Betroffene erhalten beim Roten Kreuz eine persönliche Beratung.
-> redcross.ch/suchdienst

Das Smartphone von Bibigol Sarvari klingelt dreimal, dann hört man die Stimme eines jungen Mannes: «Hallo, Mama?» Ein Lächeln erhellt das Gesicht der Fünfzigjährigen: «Hallo, mein Sohn, ich bin es, die Leute vom Roten Kreuz sind bei mir.» Das Gespräch beginnt, als wäre nie etwas gewesen. Eine an sich gewöhnliche Unterhaltung zwischen Mutter und Sohn. Neuigkeiten werden ausgetauscht und beide erkundigen sich, wie es dem anderen geht. Und doch dachten die beiden monatelang, sie würden nie wieder miteinander reden können.

Tragische Trennung

An einem Herbsttag 2018 nimmt das Schicksal seinen Lauf. Bibigol Sarvari und ihr Sohn Ramin sind dabei, zum x-ten Mal einen weiteren Zug zu nehmen, der sie nach Europa bringen soll. Ihr Heimatland Afghanistan liegt bereits weit hinter ihnen. Aber als die Mutter in den Zug steigt, bleibt der junge Mann auf dem Perron zurück. Der Zug fährt ab und das Unfassbare tritt ein: Die beiden werden getrennt. Keiner von ihnen hat ein Handy. Sie sprechen nur Farsi und kennen sich in der fremden Gegend nicht aus. Für Mutter und Sohn, die noch nie zuvor gereist sind und nur noch sich selbst als Familie haben, beginnt eine schwierige und sorgenvolle Zeit.

So kommt Bibigol Sarvari am 13. Oktober 2018 allein in der Schweiz an. Sie wirkt verloren, ist verzweifelt und hat vor allem grosse Angst. Die Zürcher Polizei, die sie betreut, bringt sie in ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge. Am 28. November wechselt sie in die Asylunterkunft in Tramelan im Berner Jura. «Das war eine schreckliche Zeit. Alles war dunkel, ich war deprimiert, ich wusste nicht, wo mein Sohn war und ob er überhaupt noch lebt», erinnert sich die Mutter. Sie sorgt sich so sehr, dass sie krank wird und Medikamente nehmen muss. Aber nach mehr als zwei Monaten tiefer Traurigkeit gibt es den ersehnten Glücksmoment.

Das geliebte Gesicht

Bibigol Sarvari erfährt von einem Landsmann, der sich für sie engagiert, dass ihr der Suchdienst SRK helfen könnte und schöpft Hoffnung. Im Januar 2019 erhält sie Besuch von Laura Derighetti, einer freiwilligen Mitarbeiterin des Suchdienstes SRK. Laura Derighetti zeigt ihr, wie das Rote Kreuz mit einer Website nach Vermissten und ihren Angehörigen sucht. Zum Schutz der Personen werden keine Namen veröffentlicht. Man sieht nur ein Porträtfoto und nach welchen Angehörigen die abgebildete Person sucht.

«Als ich sein Foto sah, war ich mir ganz sicher. Eine Mutter erkennt ihren Sohn.»

Bevor die SRK-Freiwillige ein Foto von Bibigol Sarvari aufschaltet, führt sie eine Suche durch. Sie wendet verschiedene Auswahlkriterien an, um die Treffer einzugrenzen und zeigt Bibigol Sarvari die Ergebnisse auf ihrem Smartphone. Verschiedene Gesichter von jungen Afghanen wechseln sich auf dem Bildschirm ab. Ein paar Minuten vergehen, als Bibigol Sarvari plötzlich in Tränen ausbricht. Sie beginnt das Telefon zu küssen und lässt es nicht mehr los. «Als ich sein Foto sah, war ich mir ganz sicher. Eine Mutter erkennt ihren Sohn», sagt Bibigol Sarvari, mit Tränen in den Augen. Ramin, der schliesslich in Griechenland gelandet war, hatte sich glücklicherweise bereits an das Griechische Rote Kreuz gewendet. Er hat sein Foto auf «Trace the Face» online gestellt mit dem Hinweis «I am looking for my mother».

Seitdem geht es Bibigol Sarvari viel besser. «Mein Sohn ist die beste Medizin für mich», erklärt sie lächelnd. Sie hat angefangen, Französisch zu lernen, sie geht spazieren, sie besucht Weiterbildungskurse. Mehrmals während des Gesprächs beginnt sie jedoch zu weinen, überwältigt von den Emotionen zwischen Traurigkeit und Freude. Sie umarmt Laura Derighetti und wird ihr ewig dankbar sein, dass sie ihr geholfen hat, ihren Sohn zu finden. Doch nun, da sie weiss, dass ihr Sohn lebt, wäre es ihr grösster Wunsch, ihn in ihre Arme schliessen zu können. «Wenn es mir schlecht geht, habe ich wie einen Kloss im Magen, denn ich würde ihn so gerne wiedersehen.» Mutter und Sohn können vorerst nur am Telefon miteinander reden, da beide ihr Aufnahmeland nicht verlassen dürfen. Am Ende des Gesprächs meint auch Ramin: «Ich hoffe so sehr, dass meine Mutter und ich eines Tages wieder zusammen sein können.»