Weissrussland

Für eine unabhängige Hauspflegefinanzierung

Professionelle Pflege zu Hause und mehr finanzielle Autonomie für das Weissrussische Rote Kreuz: Dies sind die Ziele des SRK in Weissrussland, wo es sich seit vielen Jahren engagiert. Das Hauspflege-Programm entspricht einem wachsenden Bedürfnis und soll durch Mittelbeschaffung im eigenen Land selbsttragend werden.

Das Rote Kreuz ist in Weissrussland wohl so bekannt wie in der Schweiz. Dies zeigt sich etwa daran, dass in der Hauptstadt Minsk eine öffentliche Statue zu Ehren von Henry Dunant steht. Bemerkenswert: Seit Sowjetzeiten ist es üblich, dass jeder Haushalt das Rote Kreuz mit einem jährlichen Mitgliederbeitrag im Wert von einem Euro unterstützt. Der Betrag ist bescheiden, doch die grosse Mitgliederzahl eine ideale Basis für den geplanten Entwicklungsschritt des Weissrussischen Roten Kreuzes (WRK). Das SRK unterstützt nämlich seine Schwestergesellschaft, damit sie in Zukunft im eigenen Land genügend Mittel beschaffen kann. «Das Rote Kreuz Weissrussland ist bereit für mehr finanzielle Unabhängigkeit», bestätigt Lukas Sallmann, Leiter Marketing und Kommunikation beim SRK.

Kompetente Rotkreuz-Pflegerinnen

Eine entscheidende Rolle spielt der Pflegedienst des Weissrussischen Roten Kreuzes. «Unsere Rotkreuz-Pflegerinnen sind landesweit bekannt und geniessen einen guten Ruf», berichtet die Programmleiterin Tatiana Svetlovich im Büro Minsk. Ein junges Team aus Gesundheits- und Kommunikationsexpertinnen ist hier am Ball, in enger Zusammenarbeit mit der SRK-Delegierten Tatyana Haplichnik. «Wir haben zwar Respekt vor der Eigenfinanzierung, fühlen uns aber gut positioniert und vom SRK professionell begleitet», sagt Svetlovich. Die staatlichen Angebote für Hauspflege sind unzureichend und im Spital sind chronischkranke sowie behinderte Menschen fehl am Platz. Der Hauspflegedienst des Roten Kreuzes füllt eine Lücke im Angebot und kann sich für Leistungsverträge mit Gemeinden bewerben. Seit 2014 wird ein solches Modell zum Beispiel in der Stadt Novopolotsk erprobt und soll auf andere Regionen übertragen werden.

Weissrussland gehört weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an alten Menschen. Viele von ihnen sind auf sich allein gestellt.

Weissrussland hat wenig Bodenschätze und ist sehr urban, erläutert die SRK-Delegierte Tatyana Haplichnik. Auf der mehrstündigen Fahrt von Minsk in die Provinzstädte Polotsk und Novopolotsk sieht man kaum Siedlungen. Polotsk und Novopolotsk im Norden des Landes könnten kaum unterschiedlicher sein, obschon sie als Zwillingsstädte bekannt sind: Polotsk ist die älteste Stadt Weissrusslands, das benachbarte Novopolotsk hingegen entstand erst in den 1950-er Jahren als Trabantenstadt um neu eröffnete Chemiefabriken. In beiden Städten bieten Rotkreuz-Sektionen Dienstleistungen für betagte und pflegebedürftige Menschen an, damit diese im vertrauten Umfeld bleiben können. Weissrussland gehört weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an alten Menschen und viele von ihnen sind auf sich gestellt, da die Kinder nach Russland oder Westeuropa emigriert sind.

Betagte auf sich allein gestellt

In einem typischen Plattenbau in Novopolotsk ist Ivan Voronov zu Hause. Als Kranführer kam der 86-Jährige früher hoch hinaus und als Busfahrer fuhr er in alle Landesteile. Nun ist er an den Rollstuhl und an die Wohnung gebunden und braucht täglich Pflege. Die Pflegefachfrau Valentina Naydenok hilft ihm jeden Morgen bei der Körperpflege und kontrolliert seinen Gesundheitszustand. Patient und Pflegerin können auf die Unterstützung des Rotkreuz-Freiwilligen Vladimir Alejev zählen. Dieser hat selbst eine leichte Behinderung. Er schätzt die Struktur und Kontakte, die ihm das Engagement beim Roten Kreuz geben. Zwei bis drei Stunden verbringt er jeweils bei seinen Schützlingen, begleitet sie beim Einkauf, erledigt Hausarbeiten oder hört ganz einfach zu.

Gespräche sind auch für Patientin Raisa Shashalevich die beste Medizin. «Manchmal putzt sie selber im Haushalt, damit ich mehr Zeit zum Reden habe», schmunzelt Valentina Tkachuk, die als freiwillige Helferin fürs Rote Kreuz Polotsk bei Shashalevich eingeteilt ist. Der Gesundheitszustand der zierlichen Patientin erlaubt aber kaum Anstrengung und sie ist auf medizinische Hilfe angewiesen. Nach einem Krankenhausaufenthalt wegen einer chronischen Magenerkrankung ist sie geschwächt und hat viel Gewicht verloren, zudem hat sie Herzprobleme. «Dank der Pflegerin, die die Medikamenteneinnahme überwacht und Therapien ausführt, bin ich zu Hause rasch wieder auf die Beine gekommen!» Mit der Freiwilligen unterhält sich die 76-Jährige über die Familie und vieles mehr: «Eben habe ich ihr einen billigeren Skype-Tarif empfohlen, da sie Abend für Abend mit ihren Kindern und Enkeln in Russland über Internet telefoniert», berichtet Valentina Tkachuk. Die geistig jung gebliebene Seniorin ist in der Nachbarschaft integriert. Als Musiklehrerin hat sie in einem Kindergarten gearbeitet und trifft sich bis heute mit Arbeitskolleginnen. Dies motiviert Raisa Shashalevich besonders, ihre wiedergewonnene Mobilität möglichst lange zu erhalten. Sie hält sich an die Anweisungen der Pflegefachfrau, die so etwas wie eine gute Freundin geworden ist: «Ich fühle mich jedes Mal besser, wenn ich von Raisa komme, da sie so herzlich ist», sagt die Pflegerin.

Spendenpotenzial vor Ort

Die Pflege zu Hause durch Rotkreuz-Fachfrauen entspricht einem wachsenden Bedürfnis  und wird kontinuierlich ausgebaut, sagt Projektleiterin Tatiana Svetlovich. Damit das Angebot finanzierbar ist, müssen neue Wege erprobt werden: Kostenpflichtige Dienstleistungen für Betagte, die finanziell besser gestellt sind, zählen dazu, ebenso Einnahmen aus Kursen in Erster Hilfe oder Kinästhetik, mit denen sich das Rote Kreuz in Weissrussland einen Namen gemacht hat. Wie noch mehr Spenden aus Weissrussland selber gewonnen werden, zeigt eine Marktstudie, die dieses Jahr vom SRK ermöglicht wurde. Der Weg in die Unabhängigkeit wird eng begleitet, versichert Lukas Sallmann. Das Engagement des SRK zahlt sich aus, da das Weissrussische Rote Kreuz dank dem Fachwissen in Zukunft selber Mittel beschaffen kann.