Integrationsprojekt Tandem

Freundschaft verbindet

Mit seinem Tandemprojekt fördert das Jugendrotkreuz Genf Kontakte zwischen unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden und jungen Menschen, die im Kanton aufgewachsen sind. Mahamed* trifft sich zum Beispiel regelmässig mit Teo.

Im Dezember 2016 gelangte der damals knapp 16-jährige Mahamed nach einer monatelangen Flucht aus Äthiopien in die Schweiz. Ganz alleine. Ohne Familie. Zunächst wurde er im Empfangszentrum in Vallorbe untergebracht. Unterdessen lebt er im Centre de l’Etoile in Genf, zusammen mit Dutzenden anderen unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden.

Gemeinsam Zeit verbringen

Um diesen Jugendlichen das Einleben in der Schweiz zu erleichtern, hat das Jugendrotkreuz Genf im Juni 2016 ein neues Projekt lanciert. Das Prinzip ist ganz einfach: Es werden Tandems gebildet, um den geflüchteten Jugendlichen regelmässige Begegnungen mit jungen Freiwilligen zu ermöglichen, die seit ihrer Kindheit im Kanton Genf leben. Zusammen entscheidt das Tandem nach Lust und Laune, wann es sich trifft und was es unternehmen möchte. An die Freiwilligen, die 16 bis 23 Jahre alt sind, wird nur eine Anforderung gestellt: Sie müssen sich für mindestens ein Jahr verpflichten und sich für zwei Treffen pro Monat zur Verfügung stellen. Die Tandems verbringen ihre gemeinsame Zeit ganz unterschiedlich: Kinobesuche, Spaziergänge durch die Altstadt oder am See, Austauschen von Shoppingtipps, Konzerte, Schlittschuhlaufen oder Fussballspielen. Manchmal unternehmen auch mehrere Duos zusammen etwas. Ein echter Glücksfall für die jungen Asylsuchenden, für die es oft schwierig ist, Einheimische kennenzulernen.

Freundschaften schliessen

Mahameds Tandempartner heisst Teo. Die beiden haben sich im Frühjahr 2017 im Rahmen des Projekts kennengelernt. Seither sehen sie sich regelmässig. Meist treiben sie zusammen Sport. Der 20-jährige Teo studiert internationale Beziehungen. Er engagiert sich seit mehreren Jahren als Freiwilliger. Für den Genfer Rotkreuz-Kantonalverband besucht er ältere Menschen und beteiligt sich an der Aufgabenhilfe. «An diesem Projekt gefällt mir, dass ich Zeit habe, über längere Zeit eine Beziehung aufzubauen», sagt der junge Genfer. Unter den 22 Tandems, die bisher vermittelt wurden, sind echte Freundschaften entstanden. So hat eine junge Eritreerin ihre Tandempartnerin in ein eritreisches Restaurant eingeladen. Sie wollte dieser zeigen, wie in ihrer Heimat gekocht wird. «Ein Zeichen, dass die beiden Freundinnen geworden sind», sagt Elodie Vieux, die das Projekt beim Genfer Roten Kreuz koordiniert. Übrigens müssen die Tandems nicht selbst für die Aktivitäten aufkommen. «Wir verfügen über ein kleines Budget, aus dem wir die Kosten der Treffen decken – in einem vertretbaren Rahmen.»

Bessere Sprachkenntnisse

Weshalb hat sich Mahamed nur knapp sechs Monate nach seiner Einreise in die Schweiz entschlossen, an diesem Projekt teilzunehmen? «Ich wollte vor allem mein Französisch verbessern», erklärt er. Denn die gemeinsamen Unternehmungen sind eine ideale Gelegenheit, sich die Sprache ausserhalb der Schule in einem zwanglosen Rahmen anzueignen. Teo ist beeindruckt: «Mahamed hat enorme Fortschritte gemacht, seit wir uns kennen.» Der junge Äthiopier räumt ein, dass ihm die Begegnungen auch ermöglichen, den nicht immer einfachen Alltag eines jugendlichen Flüchtlings für ein paar Stunden hinter sich zu lassen: «So gibt es für mich neben der Schule und dem Austausch mit den Jugendlichen im Zentrum noch etwas anderes.» Die Tandems bringen nicht nur Abwechslung in den Alltag, sondern sind auch persönlich sehr bereichernd. Und zwar nicht nur für die minderjährigen Asylsuchenden. «Ich lerne ebenso viel wie Mahamed», lächelt Teo. «Er spricht oft von Äthiopien und von seiner Familie. Und er erzählt mir, was er unterwegs auf der Flucht erlebt hat.»

Zunehmender Erfolg

Seit der Lancierung des Projekts hat sich die Zahl der Tandems vierfacht. «Die Nachfrage ist sehr hoch, bei den Freiwilligen wie bei den UMA», hält die Koordinatorin fest. Deshalb hofft der Genfer Kantonalverband auf zusätzliche Mittel, damit die Kosten für die Koordination gedeckt werden können. Eine Knacknuss gibt es allerdings: Als Freiwillige engagieren sich hauptsächlich junge Frauen, während die meisten UMA männlich sind. Für einige sind gemischte Tandems kein Problem. Andere wünschen sich hingegen eine Person des gleichen Geschlechts. Zum Beispiel fühlte sich ein junger Afghane mit einem Mädchen unbehaglich und zog einen Jungen als Ansprechpartner vor. Elodie Vieux erklärt: «Auf solche Wünsche gehen wir natürlich ein und passen das Tandem an. Denn die Beteiligten sollen nicht nur die gleichen Interessen haben, sondern sich auch ganz ungezwungen fühlen. Kurz gesagt, sie sollen sich gut verstehen.»

*Vorname geändert