Bolivien

Ein Dorf in Bolivien gegen Corona

Mit einem umfassenden Gesundheitsprogramm unterstützt das SRK in der bolivianischen Provinz Chuquisaca unter anderem das Dorf Thaqos. Die Ärztin Leidy Castellón hat mit viel Engagement das Vertrauen der Quechua-Indigenen gewonnen und bessere Hygiene- und Essgewohnheiten im Dorf verbreitet.

Autorin: Sandra Weiss

Als die junge Ärztin Leidy Castellón vor fünf Jahren den Menschen in Thaqos erzählte, dass sie jeden Tag dusche, löste das zuerst grosse Verwunderung aus. Denn häufiges Duschen mache krank, glaubten die Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes in den bolivianischen Anden. Neugierig verfolgten die Quechua-Indigenen das Selbstexperiment, aber entgegen aller Erwartungen blieb die neue Ärztin aus der Stadt kerngesund. Die 32-Jährige lacht verschmitzt, als sie die Anekdote erzählt: «Gewohnheiten und Überzeugungen ändert man nur durch praktisches Widerlegen und hartnäckige Wiederholung.» Gelernt hat sie die Technik in einer Weiterbildung des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK).

Der Kurs hat ihr geholfen, als sie vor fünf Jahren an diesen entlegenen Gesundheitsposten der Provinz Chuquisaca versetzt wurde. 500 Menschen leben hier, verstreut über eine steinige, von tiefen Furchen der Erosion durchzogene Berglandschaft. Manche ihrer Patientinnen und Patienten sind fünf Stunden zu Fuss unterwegs bis zum Gesundheitsposten. Armut, Unterernährung, Analphabetismus, hohe Kindersterblichkeit und niedrige Lebenserwartung - all das prägt das Leben in Thaqos.

Grüne Fahnen

Leidy Castellón verzagte nicht. Mit Hilfe des SRK und der regionalen Gesundheitsbehörde entwarf sie einen fünfjährigen Entwicklungsplan. Hygiene stand am Anfang. Um regelmässiges Händewaschen einzuführen, tat sie sich mit dem Dorflehrer zusammen. Sie kauften Seifen, Handtücher und Zahnbürsten für die Schulkinder. Der Lehrer integrierte die Hygiene in den Schulalltag. Den Dorfvorstand überzeugte die resolute Ärztin davon, einen Wettbewerb durchzuführen: Familien, die zu Hause eine Latrine bauten, den Abfall nicht aufs Feld warfen, sondern verbrannten und regelmässig putzten, durften ihre Lehmbehausung mit einer grünen Fahne schmücken.

«Das SRK versorgte das Gesundheitspersonal in der Region mit Schutzanzügen, Masken und Desinfektionsmitteln»

Das Ehepaar Lucia Perez und Ciprian Martinez machte begeistert mit. «Früher hatten wir Mäuse in der Küche», erzählt die 55-jährige Lucia Perez. «Die sind jetzt weg. Heute ist alles ordentlich und ohne Abfall sieht es viel schöner aus.» Fliessendes Wasser hat ihr einfaches Haus zwar nicht, aber auf Vorschlag der Ärztin hängt vor dem Eingang eine umgedrehte Plastikflasche voll mit Seifenwasser. Um sich die Hände zu waschen, dreht Perez den Deckel leicht auf, wie sie stolz demonstriert. All diese Hygienemassnahmen halfen den Familien im Dorf, die Corona-Pandemie in Schach zu halten. «Ausserdem versorgte das SRK das Gesundheitspersonal in der Region mit Schutzanzügen, Masken und Desinfektionsmitteln», erzählt Leidy Castellón dankbar.

Ausgewogene Ernährung

Hinter dem Haus erntet Ciprian Martinez derweil Kohl und Karotten. Gemüsegärten und Fischteiche tragen zur Ernährungssicherheit bei. «Beides war ein Wunsch der Frauen und Männer aus den Dörfern. Wir besorgten die Fische, führten Schulungen durch, halfen bei der Planung und bei Behördengängen», erzählt der SRK-Landeskoordinator Eduardo Lambertin. Die aktive Einbindung des Dorfkomitees und die Vernetzung mit staatlichen Akteuren sind aus seiner Sicht der Schlüssel zum Erfolg. «So wird die Dorfgemeinschaft befähigt, ihre Anliegen selbst in die Hand zu nehmen.» Thaqos ist ein Beispiel dafür – eines von vielen im Projektgebiet des SRK.

In der Gesundheitsversorgung wird dank dem Programm des SRK nicht nur auf Behandlung, sondern vermehrt auch auf Prävention gesetzt. Regelmässige Hausbesuche sind im gesamten Projektgebiet üblich. Die Ärzte und Ärztinnen erstellen ein «Familienbuch» mit der Patientenakte und sozialen Indikatoren wie Schulabschluss, Wohnsituation und Zahl der Haustiere. Das SRK finanziert für die Gesundheitszentren Computer, die mit dem Gesundheitsamt vernetzt sind. «So sind die Daten schnell verfügbar und erlauben, Ressourcen da einzusetzen, wo es sie am dringendsten braucht», sagt Ricardo Miranda, Leiter des Gesundheitsamtes im zuständigen Hauptort Tarvita. Am Eingang des Gesundheitspostens von Thaqos hängt ein Styropormodell der Gemeinde. Heute ist nur noch ein Haus darauf rot markiert, Signal, dass dort eine gesundheitlich akut gefährdete Familie lebt.

Sichere Geburten

Angela Avalos einfaches Haus befindet sich eine Stunde Fussmarsch entfernt und ist auf der Karte gelb – die Familie ist also mässig gefährdet. Die zierliche 19-Jährige ist zur abschliessenden Kontrolle ihrer ersten Schwangerschaft gekommen, der Bauch wölbt sich rund. «Das Baby hat sich schon gedreht, es kann jederzeit losgehen», stellt Castellón zufrieden fest. «Sobald du etwas spürst, ruf mich an. Dann schicken wir unsere Motorradambulanz.» Die Dorfjugend vertraut der jungen Ärztin. Oft sitzen die Teenager auf den Holzbänken vor dem Gesundheitsposten und chillen. Die Ärztin nutzt die Gelegenheit für Gespräche über Sexualaufklärung und verteilt Kondome. Seither gibt es keine schwangeren Minderjährigen mehr im Dorf. Angela Avelo ist derzeit die jüngste werdende Mutter. Sie freut sich auf den Nachwuchs und weiss sich in guten Händen. «Meine Mutter hat uns alle zu Hause geboren, nur mit Hilfe eines traditionellen Heilers», erzählt sie. «Da habe ich es jetzt besser.»