SRK-Botschafter Christian Stucki

Der Böse für das Gute

Christian Stucki mit den Vierlingen Anna, Lars, Jenny und Sophie. Der Schwinger macht sich als SRK-Botschafter ein Bild davon, wie das SRK eine Familie unterstützt, die täglich ausserordentlich gefordert ist. Zwei Mal hat das Leben von Familie Tschanz eine Wende genommen, die als unwahrscheinlich gilt.

Kurz Befragt: Christian Rupp
Beim SRK St. Gallen ist der Leiter vom Bereich Soziale Integration auch verantwortlich für das Angebot Kinderbetreuung zu Hause.
Unter welchen Voraussetzungen können Eltern die SRK Kinderbetreuung zu Hause beanspruchen?
Wenn eine unerwartete Notsituation eintritt. So zum Beispiel, wenn die Eltern erkranken, ver-unfallen oder in eine andere kurzfristige Notsituation geraten. Zudem auch, wenn das Kind erkrankt und die Eltern zur Arbeit müssen. Unser Angebot ist jedoch zeitlich beschränkt. Eine regelmässige Hilfe können wir nur in ausserordentlichen Härtefällen anbieten. Die SRK Kin-derbetreuung zu Hause wird bis auf wenige Ausnahmen in fast allen Kantonen angeboten.
Mit welchen Kosten müssen die Eltern rechnen und warum?
Die Finanzierung erfolgt durch einen sozialverträglichen Stundentarif, den die Eltern einkom-mensabhängig bezahlen. Aber auch durch Eigenmittel des SRK, durch Spendengelder und teilweise durch die öffentliche Hand. Keine Familie ist vor Krisensituationen geschützt, alle sollen sich aber in schwierigen Familienphasen auf die fachliche Betreuung des Roten Kreu-zes verlassen können. Wir setzen nur erfahrene, geeignete Mitarbeitende für diese Aufgabe ein, denen wir und die Eltern wirklich vertrauen. Dieser hohe Qualitätsanspruch kann nicht ohne Kostenfolge erfüllt werden.
Wie wird das SRK St. Gallen die Familie Tschanz weiter begleiten?
Wir prüfen mit der Familie fortlaufend, welche Möglichkeiten sich für ihre Situation auftun und werden sicher weiterhin Hilfe bei der Kinderbetreuung anbieten. Das tun wir in diesem ausser-gewöhnlichen Fall länger als üblich. Zudem prüfen wir, wie die Situation auch finanziell ent-schärft werden kann. Unsere Infostelle «Drehkreuz» sucht für jede Situation individuell nach Entlastungsmöglichkeiten.

Von Isabel Rutschmann

Als Schwinger gehört Christian Stucki zu den ganz Bösen. Die 20 Monate alten Vierlinge Anna, Jenny, Sophie und Lars lassen sich davon allerdings nur mässig beeindrucken. Kurz schauen sie etwas skeptisch aus ihren Bettchen, als der 1,98 Meter grosse und 140 Kilo schwere Mann mit Schuhgrösse 51 nach dem Mittagsschlaf gebückt die Tür zum Kinderzimmer öffnet. Doch als die vier ihre Mama Sabrina Tschanz (32) und ihre SRK-Betreuerin Irene Bürgi (68) hinter dem breiten Schwingerrücken erblicken, ist die Welt wieder in Ordnung.

Ein eigenes Bild machen

Christian Stucki ist natürlich kein richtig Böser. «Die Bösen», das sind im Schwingerjargon die Erfolgreichsten. Und zu denen gehört Stucki mit insgesamt 105 Kränzen, vier davon Eidgenössische. Der Böse ist heute nur in guter Absicht bei Familie Tschanz auf dem Rorschacherberg zu Besuch: Er will sich in seiner Rolle als ehrenamtlicher SRK-Botschafter für Familien in der Schweiz ein Bild machen, ob und wie die Unterstützung bei denen ankommt, die Hilfe dringend nötig haben. «Man braucht gar nicht weit zu gehen, um Menschen zu finden, die auf Unterstützung angewiesen sind. Es liegt mir am Herzen, dass diese Menschen in unserer nächsten Nachbarschaft auf die Hilfe des SRK zählen können», sagt er.

Freude und Strapazen

Der Schwinger mag nach aussen hart und unerschütterlich wirken. Doch im Kern ist er – selber Vater von zwei Kleinkindern – ein sehr mitfühlender Mensch: «Die Familie Tschanz hat es wirklich verdient, dass ihr das SRK unter die Arme greift. Ich bewundere die Eltern, wie sie mit der ganzen Situation umgehen.» Deren Situation ist in der Tat keine einfache: So gross die Freude nach dem ersten Schock war, dass aus dem geplanten Geschwisterchen für Tochter Bianca (5) gleich vier werden würden, so schwierig stellte sich bereits die Zeit der Schwangerschaft heraus. Wegen Komplikationen bekam Mutter Sabrina acht Wochen vor Geburtstermin strikte Bettruhe im Spital verordnet. Vater Roger Tschanz (37), damals noch als Lastwagenchauffeur tätig, konnte sich nicht den ganzen Tag um Bianca kümmern. Das SRK Bern-Oberland (die Familie wohnte damals noch in Steffisburg BE), bot mit der Kinderbetreuung zu Hause Hilfe an. Drei Betreuerinnen kümmerten sich abwechslungsweise um Bianca, während der Vater arbeitete. Und auch als die Mutter und die gesunden Vierlinge endlich nach Hause kamen und der turbulente Alltag mit vier Säuglingen begann, stand den Eltern die Kinderbetreuung des SRK zur Seite.

«Man braucht gar nicht weit zu gehen, um Menschen zu finden, die auf Unterstützung angewiesen sind.»

Jetzt, nach dem Umzug der Familie auf den Rorschacherberg (SG), Gemeinde Untereggen SG, kommt jeweils am Freitagnachmittag Irene Bürgi (68) vom SRK St. Gallen, um die Eltern für ein paar Stunden zu entlasten. Denn die «Quattros», wie die Eltern ihre Vierlinge nennen, werden zwar von Tag zu Tag selbstständiger, aber auch mobiler und anstrengender. Hinzu kommt ein schwerer Schicksalsschlag: Roger Tschanz leidet seit einigen Wochen an einer unheilbaren, fortschreitenden neurologischen Krankheit. Er wird zunehmend immer mehr Hilfe beanspruchen müssen. «Es ist für mich eine grosse Entlastung, wenn Irene Bürgi kommt. Dann kann ich Dinge erledigen, zu denen ich sonst nicht komme, wie einkaufen oder Holz für die Heizung spalten», sagt die Mutter. Und für Irene Bürgi ist die Arbeit mit den Kindern eine Bereicherung: «Ich wollte schon immer etwas mit Kindern machen. Jetzt, nach meiner Pensionierung, kann ich mir diesen Wunsch erfüllen - und das gleich mit Kindern im Multipack», sagt sie mit einem Lachen. Und: «Ich bin froh, meine Zeit so sinnvoll einsetzen zu können und diese Familie etwas zu entlasten.»

Christian Stucki wird immer nachdenklicher, als er die ganze Geschichte erfährt. Er sieht die einfachen Wohnverhältnisse der Familie Tschanz und kann die viele Arbeit nur erahnen, die dieser Haushalt mit sich bringt. Denn die fünffache Mutter beklagt sich mit keiner Silbe – im Gegenteil, sie betont immer wieder wie schön es sei, dass all ihre Kinder gesund seien. Spontan bietet Stucki mit seinen starken Armen Hilfe an: Er hilft beim Zvieri verteilen, liest heruntergefallene Trinkflaschen auf, sucht verlorene Socken, passt auf, dass keiner der Vierlinge unbemerkt zur Treppe entwischt. Schon bald gibt er mit einem etwas erschöpften Seufzer zu, dass er kaum noch wisse, wo ihm der Kopf stehe. «Unglaublich, was diese Eltern leisten. Toll, dass das SRK in solchen Situationen hilft», sagt er. Der Böse macht sich stark – für eine gute Sache.