Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer

Das Schlimmste mit Kinderaugen sehen

Die erst vierjährige Lindita wird im Nahen Osten Zeugin eines schrecklichen Angriffs auf ihr Schwesterchen. Als sie später mit ihrer Familie in ein kantonales Durchgangszentrum in der Schweiz kommt, kann Silvan Holzer vom Ambulatorium SRK endlich eine Diagnose stellen und mit der wichtigen Therapie beginnen.

Was die kleine Lindita* und ihre Familie schon alles durchgemacht haben, ist erschütternd. Die vierköpfige Familie aus Ostafrika flüchtet in den Nahen Osten. Dort sind sie nicht willkommen und heftigen rassistischen Beschimpfungen ausgesetzt. Die Bedrohungen nehmen ein unvorstellbares Ausmass an. Lindita muss als Vierjährige auf den Schultern des Vaters zusehen, wie ein Mann auf ihre kleine Schwester einsticht, die damals erst wenige Monate alt ist. Das Baby wird lebensgefährlich am Kopf verletzt.

Später erzählt der Vater, wie er Lindita nach der Attacke von den Schultern nimmt und sie mit grossen Augen wie erstarrt dasteht. Sie beginnt zu schluchzen und zittert am ganzen Körper. Die verwundete Schwester erleidet ein lebensbedrohliches Schädel-Hirn-Trauma. Die Mutter ist so verzweifelt, dass sie sich das Leben nehmen will. Es ist zwar möglich, für das angegriffene kleine Mädchen die notwendige ärztliche Behandlung zu organisieren. Doch weil die die Eltern und ihre zwei Kinder keine anerkannten Flüchtlinge sind, bleibt der schwer traumatisierten Lindita eine ebenfalls dringende Betreuung versagt. Wie kann sich das Kind von diesem dramatischen Vorfall erholen? Durch ein Visum der Schweizer Botschaft kann die Familie schliesslich in die Schweiz ausreisen.

Der Kindertherapeut im Ambulatorium SRK, Silvan Holzer, lernt die Familie im Februar 2016 kennen: «Sie erlebte damals Orientierungslosigkeit und Ungewissheit: Im Durchganszentrum wohnte sie in beengten Verhältnissen ohne Rückzugsmöglichkeit. Es fehlten Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten für die Kinder. Und es entstanden Konflikte mit Mitbewohnern und Personal.» Das angegriffene Mädchen wird voraussichtlich im Muskel- und Knochenwachstum beeinträchtigt bleiben, während Lindita mit einschneidenden psychischen Problemen kämpft.

Die Diagnose

Die Zeichnung, die Lindita bei der ersten Begegnung im Ambulatorium SRK malt, zeigt ein Häuschen mit Blumen, lachender Sonne und blauem Himmel. Doch etwas fällt auf in ihrem Bild: Die Menschen sind alle im Haus drin. Draussen dürfe man nicht spielen. Das Gesicht des kleinen Mädchens zeigt zwei grosse, leere Kreise, sinnbildlich für die Augen und einen kurzen waagrechten Strich für den Mund. Lindita beantwortet Fragen zu diesem Mädchen mit «weiss nicht».

Der Therapeut erklärt dazu: «Generell antwortete Lindita einsilbig und vermied Blickkontakt. Gleichzeitig war sie sehr schreckhaft.» Die Eltern berichten auch von körperlichen Beschwerden wie Bettnässen, Schlafstörungen und Bauchschmerzen. Abklärungen ergeben einen eindeutigen Befund: Das traurige Mädchen leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Posttraumatische Belastungsstörung
Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis, in diesem Fall das Miterleben eines Verbrechens. Typisch für die PTBS sind die Symptome des Wiedererlebens, die sich den Betroffenen tagsüber in Form von Erinnerungen an das Trauma, Tagträumen oder Flashbacks, nachts in Angstträumen aufdrängen. Es ist wichtig, die PTBS so schnell wie möglich zu entdecken und zu therapieren.
 

Die Therapie

Jetzt kann der Therapeut mit einer gezielten Spieltherapie beginnen: «Der Aufbau von Vertrauen braucht viel Zeit und Geduld. Da Lindita in den ersten vier Lebensjahren mit vier Sprachen konfrontiert war, musste eine Dolmetscherin beigezogen werden.» Eine ganz wichtige Rolle spielt auch ein sympathischer, vertrauenserweckender Teddybär, der indirekte Dialoge ermöglicht und ein ausgesprochen guter Zuhörer ist. Welches Kind möchte nicht gerne mit ihm kuscheln?

Silvan Holzer gewährt uns einen Einblick in den Therapieverlauf. Lindita spielt das traumatische Erlebnis mit Puppen und mit Playmobil-Figuren nach. In der Mutterrolle lässt sie sich eine Babypuppe mit einem Tragtuch umbinden. Bald passieren unvorhergesehene Zwischenfälle. Entweder fällt das Baby aus dem Tragetuch oder der Kinderwagen fällt um. Dabei verletzt sich das Baby. Was dann wichtig ist: Schmerzen und Verletzungen werden versorgt und es wird Trost gespendet.

«Safe Place» für Lindita

Wie kann Lindita lernen, mit Ängsten umzugehen? In der Therapie kreiert man für das Kind einen «Safe Place» – ein kleines Häuschen, in dem Lindita mit der Familie wohnt. Im Dachstock gibt es ein Zimmer, von dem niemand weiss. Sie alleine hat den Schlüssel. Das Zimmer sei gross und hell. Es habe da viele Spielsachen. Dort gehe es ihr gut. Mama und Papa und die Schwester dürfen zu Besuch kommen.

Wird Lindita ihre schrecklichen Erlebnisse verarbeiten? Silvan Holzer ist zuversichtlich: «Es besteht Hoffnung, dass aufgrund des starken Willens der kleinen Patientin und der liebevollen Umsorgung der Eltern eine günstige Entwicklung möglich ist – und nicht zuletzt dank unserer zielgerichteten Therapie im Ambulatorium SRK.»

*Der Name des Kindes wurde geändert