Syrische Flüchtlinge im Libanon

Das endlose Warten

Es ist einer der besseren Tage im Flüchtlingslager von Sahel Akkar, wenn die Hilfsgüterpakete vom Roten Kreuz geliefert werden. Die Hülsenfrüchte, Teigwaren, Konserven und das Speiseöl muss Mutter Aziza Abdallah einen Monat lang gut einteilen, damit sie ihre Familie ernähren kann. Wie Familie Abdallah leben Tausende syrische Flüchtlingsfamilien im Libanon von ihren Ersparnissen und haben kaum ein Einkommen. Ihr Alltag ist eintönig. Sie leben in einem Provisorium und hoffen seit fast zehn Jahren auf Frieden und eine sichere Existenzgrundlage in ihrem Heimatland.

SRK-Botschafterin Nubya: begeistert von den Eindrücken
«Trotz politischen und wirtschaftlichen Problemen ist Libanon ein grossartiges Land mit unglaublich grosszügigen und liebenswürdigen Menschen», erzählt SRK-Botschafterin Nubya. Die Basler Sängerin ist begeistert von ihrem fünftägigen Einsatz im Libanon mit dem SRK. «Ich war beeindruckt, mit wie viel Herzblut und Professionalität sich die Freiwilligen des Libanesischen Roten Kreuzes für Menschen in Not engagieren», vertraut sie uns an. Auf dieser Reise besuchte Nubya ein Flüchtlingslager im Nordlibanon. Auch im Dorf Mishmishlernte sie mehrere syrische Familien kennen. Die Geschichten dieser Vertriebenen gingen ihr sehr nahe. Bei der Blutspendenaktion des Libanesischen Roten Kreuzes im Hotel Hilton war die Künstlerin ebenfalls dabei. Zudem konnte sie sich bei einem Besuch des modernen Blutspendenzentrums in Beirut von den hohen Qualitätsstandards überzeugen. Nubya denkt bereits daran, irgendwann in den Libanon zurückzukehren. Unterdessen wird sie aus Überzeugung für das Engagement des SRK im Libanon einstehen.

Sie habe keine Träume, erklärt uns Inass. Mit grossen, traurigen Augen schaut sie uns dabei an. Sie hat keine Erinnerungen an Syrien. Ihre Eltern haben die Heimatstadt Hama verlassen als sie ein Jahr alt war. Seither lebt das mittlerweile zehnjährige Mädchen in einem inoffiziellen Flüchtlingslager in Sahel Akkar im Nordlibanon, wenige hundert Meter von der syrischen Grenze entfernt. Das Lager entstand ab 2011, als der Krieg ausbrach und Tausende aus Syrien in den benachbarten Libanon geflüchtet sind.

Seither ist das Libanesische Rote Kreuz gefordert. 2013 errichtete es in Quobayat im Norden Libanons ein Zentrum für Katastrophenhilfe. Unterstützte Familien werden in einem Register erfasst, um die Hilfe gerecht zu verteilen. Mittlerweile helfen im Zentrum 84 Freiwillige. Schon seit 14 Jahren engagiert sich die Lehrerin Rita Yaacoub in ihrer Freizeit für das Rote Kreuz. Auch als die 34-Jährige vor drei Jahren Mutter wurde, hat sie ihre freiwilligen Einsätze nicht aufgegeben und ist seit sechs Jahren in der Katastrophenhilfe tätig. «Das Rote Kreuz ist wie eine Droge. Hat man einmal angefangen, Menschen zu helfen, kommt man nicht mehr davon los», erzählt sie uns, während sie Hilfspakete vom Lastwagen lädt. Rita Yaacoub hat nicht viel Zeit zum Plaudern, sie ist heute für die Verteilung der Lebensmittelpakete verantwortlich im Lager, wo Inass und ihre Familie seit neun Jahren in einem Provisorium leben.

Es ist stickig heiss hier unter der Plane, die von einer Holzkonstruktion getragen wird, als wir Inass‘ Familie im Hochsommer besuchen. Im Winter weht hingegen ein eisiger Wind und das Lager wird regelmässig überflutet. In der Umgebung sieht man Landwirtschaft, soweit das Auge reicht, doch es gibt keine Märkte oder Geschäfte, wo man einkaufen könnte. Für die Eltern von Inass ist es deshalb sehr schwierig, die Familie zu versorgen. Der Vater ist Handwerker. Arbeit findet er nur auf den Feldern in der Umgebung für ein mageres Gehalt von zwei US-Dollar pro Tag. Frauen verdienen die Hälfte.

Das Libanesische Rote Kreuz unterstützt in Armut lebende Familien in dieser Region und verteilt jeden Monat 2100 Lebensmittelpakete. 1000 davon werden vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) finanziert. «Dank dieser Hilfe haben wir für 15 bis 20 Tage zu essen», erzählt uns Aziza Abdallah, die dreissigjährige Mutter von Inass. «Ich weiss nicht, was ich ohne machen würde.» Das Paket enthält Grundnahrungsmittel wie Teigwaren, Linsen, Reis, Öl oder Konserven. «Milch und frisches Fleisch ist nur schwer erhältlich», sagt Aziza Abdallah.

Trostloser Alltag

«Am liebsten esse ich Spaghetti», meint Inass mit einem Lächeln. Ansonsten ist ihr Alltag aber kaum kindgerecht. Ein Freizeitangebot oder einen Spielplatz gibt es nicht. Zum Glück kann Inass jeden Morgen in die Schule, an der Arabisch, Französisch, Naturkunde, Sport und sogar Staatskunde unterrichtet wird. Doch auch wenn der Unterricht kostenlos ist, müssen die Eltern monatlich 50 US-Dollar bezahlen, damit drei ihrer Kinder jeden Tag zur Schule fahren können. Hinzu kommen die Miete für das Land, auf dem ihre provisorische Behausung steht, sowie die Kosten für Trinkwasser und für die Heizung im Winter. Ganz zu schweigen von den medizinischen Ausgaben für den knapp anderthalbjährigen kleinen Bruder von Inass, der an Asthma leidet. Die Mutter setzt alles daran, die notwendigen finanziellen Mittel aufzubringen, damit der Kleine das Allernötigste bekommt. Ohne fremde Hilfe könnte die Familie nicht überleben.

«Natürlich möchten wir wieder nach Syrien zurück, noch immer leben Verwandte von uns dort», erklärt Aziza Abdallah. «Aber die Bomben haben unser Haus zerstört und unsere Schafe getötet. Wir haben nichts mehr.» Zudem fürchten sie, wie die meisten syrischen Flüchtlinge, um die Sicherheit. Noch sieht sie keine Perspektive im Heimatland. Denn selbst, wenn die Sicherheit gewährleistet wäre: Wie können sie sich dort mit ihrem kleinen Einkommen wieder eine Existenzgrundlage aufbauen?

Das Nötigste zum Überleben

In Mishmish erzählen uns die Familien, die wir treffen, das Gleiche. In diesem kleinen Dorf in der nord-libanesischen Region Akkar leben die syrischen Familien zwar in einfachen Wohnungen und haben Zugang zu Geschäften. Doch ihr Leben ist nicht weniger entbehrungsreich, da sie die gleichen finanziellen Mittel aufbringen müssen wie die Flüchtlingsfamilien in den Camps. Aus diesem Grund hilft auch ihnen das Rote Kreuz, jedoch mit finanzieller Unterstützung. Jeden Monat erhalten armutsbetroffene Familien175 US-Dollar auf eine Kreditkarte überwiesen. Dies ist eine menschenwürdige Form von Unterstützung, die unbürokratisch und mit wenig personellem Aufwand umgesetzt werden kann. Die Erfahrungen des Roten Kreuzes sind überaus positiv. Denn auch in Armut lebende Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse und wissen am besten, was sie am dringendsten benötigen.

Das bestätigt uns die Syrierin Safia Ahmad Jahdo, 29 Jahre, die für die Lebenskosten ihrer Familie allein sorgen muss: «Es ist schwierig, weil meine Familie von mir abhängig ist. Die Hilfe des Roten Kreuzes ist eine grosse Entlastung.» Kurz vor ihrer Flucht aus Syrien im Jahr 2013 geriet ihr Mann Abed Albaset Kadour, 39 Jahre, in einen Bombenangriff und lag danach vier Monate im Koma. Seither kann er nicht mehr wie früher arbeiten und wird sehr schnell müde. Die Eltern von drei Kindern leiden unter den Lebensbedingungen einer Flüchtlingsfamilie. Ihr jüngster Sohn, der vierjährige Rawad, ist Autist. Das ständige Weinen von Rawad ist für die ganze Familie schwer zu ertragen. Eine Unterstützung in der Betreuung von Rawad ist unerschwinglich. Safia Ahmad Jahdo hat zwar von einem Bekannten eine Nähmaschine erhalten und begonnen, Kleidungsstücke zu flicken. «Aber ich verdiene damit nur 3 US-Dollar am Tag», erklärt sie.

Auch im Interesse des Gastlandes

Der Libanon hat eine ständige Bevölkerung von 6 Millionen. Über eine Million Flüchtlinge sind in den letzten rund zehn Jahren dazu gekommen. Das Rote Kreuz beschränkt seine Hilfe im Sinne einer Gleichbehandlung von armutsbetroffenen Menschen im ganzen Land nicht auf syrische Flüchtlingsfamilien. Die Lebensmittel und auch die Hilfe in Form von Bargeldzahlungen kommen zu 70% Familien aus Syrien und zu 30% benachteiligten libanesischen Familien zugute.