Pakistan

Zu Besuch im vergessenen Tal

Annette Vondeling, Länderverantwortliche beim SRK, besucht das Tal des Mondlichts im Norden Pakistans. 24 000 Menschen leben traditionsverbunden im abgeschiedenen Tal, das nur über eine einzige Brücke zu erreichen ist. Will die benachteiligte Bergbevölkerung selber für Veränderungen einstehen?

APROPOS
Das SRK in Pakistan

Seit den 1980er-Jahren engagiert sich das SRK in Pakistan. Nicht nur im Norden, sondern auch im Süden. In der Provinz Sindh half es beim Wiederaufbau nach den Überschwemmungen von 2010. Nach der Nothilfe wurde das Engagement auf die Gesundheit von schwangeren Frauen, Mütter und Kinder ausgerichtet. Aufgrund der positiven Ergebnisse wird diese Gesundheitsversorgung auf einen weiteren Distrikt ausgeweitet. Armut ist in Pakistan verbreitet. Immer wieder bedrohen Naturkatastrophen das Leben der Menschen, besonders in ländlichen Gebieten.

Nach dem steilen Aufstieg über enge Fusspfade betritt Annette Vondeling das bescheidene Schulzimmer in Manoor Bhuttan, ein hoch gelegenes Dorf im Norden Pakistans. Reges Stimmengewirr erfüllt den halbdunklen Raum. Gut ein Dutzend Männer sitzen zusammen und diskutieren angeregt. Erst lassen sie sich durch die Eindringlinge nicht stören, heissen dann aber einer nach dem anderen den Besuch aus der Schweiz herzlich willkommen. Aufmerksam hören sie der grossgewachsenen blonden SRK-Mitarbeiterin zu. «Salam aleikum», begrüsst die 49-Jährige die Runde und erklärt, wieso sie den langen Weg von Bern ins Manoor-Tal auf sich genommen hat. Als Länderverantwortliche für Pakistan ist Annette Vondeling vor Ort, um abzuklären, wie weit der Wiederaufbau fortgeschritten ist. «Ich will selber sehen, was wir bis heute zusammen erreicht haben und was nicht. Was sind die Gründe dafür und was braucht es konkret noch, damit das Projekt hier ein Erfolg wird», erklärt sie.

Hilfe zur Selbsthilfe

Der Weiterbildungskurs des Pakistanischen Roten Halbmondes (PRH) an diesem Vormittag ist Teil des SRK-Projektes. Die Vertreter einzelner Mohallas – in der Schweiz würde man sie als Weier bezeichnen – widmen sich wieder ihrer Aufgabe und diskutieren weiter über mögliche Verbesserungen im Tal. Nach einer Weile setzt sich Annette Vondeling zur ersten Runde. Sie stellt Fragen, hört aufmerksam zu, fragt nach während sie neugierig beobachtet wird und ist positiv überrascht: «Diese Männer wissen genau, was die Bevölkerung im Manoor-Tal braucht. Sie wissen ihre Anliegen klar darzulegen.» Bedürfnisse gemeinsam zu formulieren und zu präsentieren, dies lernen die Talbewohner an Kursen wie diesem, der als Hilfe zur Selbsthilfe aufgebaut ist. Die Männer erfahren, bei welcher Behörde sie ihre Anliegen vorbringen und um Unterstützung bitten können. Annette Vondeling fasst zusammen, was die Bevölkerung erreichen will: «Ihre Hauptanliegen sind die Gesundheitsversorgung, der verbesserte Zugang zu Wasser, Bildung, sichere Schulwege für ihre Kinder, Unterhalt von Strassen und Fussgängerbrücken, damit der Zugang zum Tal gewährleistet ist.»

Beeindruckt zeigt sich die Bernerin auch von der Kursleiterin Safina Bibi. Denn als Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft wie die Pakistanische, ist es eine Herausforderung, sich Respekt zu verschaffen. «Zu Beginn war es nicht einfach», erklärt Safina Bibi, «erst wollten sie nicht mit mir zusammenarbeiten. Doch mit der Zeit habe ich ihr Vertrauen gewonnen und sie realisierten, dass ich vom Pakistanischen Roten Halbmond sie darin bestärken will, das zu erreichen, was sie benötigen, um in Würde zu leben.» Als Frau hätte man es in solch einem Kontext nicht einfach, weiss auch Annette Vondeling aus Erfahrung. Es hätte aber auch sein Gutes, denn «als Frau habe ich und meine Mitarbeiterinnen Zugang zur weiblichen Bevölkerung Pakistans, die ja ebenfalls in unser Engagement eingebunden ist. Ein Mann könnte nicht mit den Frauen in den Gemeinden zusammenarbeiten, sie wären von unserem Projekt ausgeschlossen.»

Das vergessene Tal des Mondlichts

Das urchige Manoor-Tal in den Bergen des Himalayas, sechs Autostunden nördlich der Hauptstadt Islamabad entfernt, ist so schön wie sein Name – Mondlicht. Es erinnert an die Schweiz, an ein Kalenderbild des Lötschentals. Der einzige Zugang führt über die Bella-Brücke. Derzeit ein Provisorium, das dank des SRK in Zusammenarbeit mit dem Dänischen Roten Kreuz und dem PRH in kürzester Zeit errichtet werden konnte. Die jährlich wiederkehrenden Hochwasser und Sturzfluten zerstören die Brücke immer wieder. Die einzige Strasse des Tals ist stellenweise in schlechtem Zustand und oft blockiert wegen Geröll- oder Schlammlawinen. Im Winter verhindert der Schnee ein Durchkommen.

Die provisorische Bella-Brücke wird anlässlich des Schweizer Besuches offiziell eingeweiht. Als Geste der Dankbarkeit schenken die Vertreter der 18 Dörfer den Besucherinnen und Besuchern gewobene Wollschals. In Rosatönen für die Frauen, beige für die Männer. Die Wiederaufbau-Expertin ist überzeugt: «Es kommt vieles in Bewegung. Nicht eine Brücke alleine verändert die Lebensgrundlage der Menschen langfristig. Sondern wenn sich die Talbewohner besser vernetzen, sich gegenseitig unterstützen und selbst für ihre Probleme einstehen.» Die langjährige SRK-Mitarbeiterin kennt die Herausforderungen nach Naturkatastrophen. Nach dem Tsunami von 2004 betreute sie in Sri Lanka und Indonesien Wiederaufbauprojekte und seit 2013 ist sie auf den Philippinen verantwortlich für das SRK-Programm nach Taifun Haiyan.

«Die Talbewohner können viel bewegen, wenn sie sich vernetzen, gegenseitig unterstützen und für ihre Probleme einstehen.»

Dass sich etwas bewegt, zeigt sich auch im Schulzimmer von Manoor Bhuttan. «Wir müssen gemeinsam auftreten und unsere Frauen in diesen Prozess einbinden. Wir müssen wissen, was ihre Bedürfnisse sind und was sie am dringendsten brauchen», erklingt es aus der Männerrunde. Im Tal des Mondlichts, mit seinem reissenden, wilden Fluss und den steilen Hängen, an denen die Nussbäume in voller Blüte stehen, sind Traditionen tief verankert. Die pakistanische Gesellschaft ist patriarchalisch, die Frauen haben wenig Mitspracherecht.

Aus weiblicher Sicht

Später an diesem Tag trifft Annette Vondeling eine Frauengruppe einige Häuser weiter. Sie will es von den Frauen selber hören und fragt, ob sie sich mit den Männern austauschen und sich ihre Forderungen decken. Die Frauen, bejahen einstimmig. Und ergänzen: «Wir möchten Nähmaschinen!» Die Länderverantwortliche Pakistans weiss, dass es kaum Arbeit gibt im Mondlicht-Tal, aber auch, dass es nicht damit getan ist, ein paar Nähmaschinen zu liefern. «Schon allein der Transport und eine gerechte Verteilung der Nähmaschinen wäre kostenaufwändig. Wir wollen nicht das Risiko eingehen, Maschinen zu liefern, die ungenutzt bleiben», gibt sie zu bedenken. «Zuerst müsste sichergestellt werden, dass alle, die eine Nähmaschine erhalten würden, sie auch zu bedienen lernen. Ferner wären Nähmaschinen nur eine sinnvolle Investition, wenn sichergestellt wäre, wie und wo die genähten Produkte verkauft werden könnten.» Und schon landet man im wildromantischen Tal des Mondlichts auf dem Boden der harten Realität. «Entweder wir machen es gut durchdacht oder gar nicht. Das schulden wir auch den Spenderinnen und Spendern.»