Reportage Wald und Wasser in Haiti

Opfer der Armut

Das SRK hat den Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 2010 in der Region Léogane abgeschlossen. Nun verbessert es die Wasserversorgung und die Katastrophenvorsorge. Die Armut leidende Bevölkerung hat in ihrer Not den Wald, der die Abhänge stabilisiert, über Jahrzehnte abgeholzt.

Als Louise Blanchard ein Kind war, gab es diesen herrlichen Wald, in dessen Schatten sie auf dem Heimweg von der Schule immer eine Pause machte. Ein laues Lüftchen brachte eine willkommene Abkühlung in der drückenden Mittagshitze, und aus der Ferne war das Rauschen einer Wasserquelle zu hören. Das Village Morin, auf halber Höhe zwischen der tiefblauen Karibik und dem imposanten Bergmassiv von La Selle, war ein kleines Paradies. Inzwischen ist Blanchard 38 Jahre alt. Der Wald und die Quelle sind verschwunden. Die Flüsse trocknen im Winter aus, und in der Regenzeit schwellen sie zu todbringenden Strömen an, die auf ihrem Weg in die Tiefe alles mit sich reissen, fruchtbare Erde genauso wie Brücken und Häuser. Vom einst üppigen Regenwald sind auf Haiti nur noch zwei Prozent übrig. Der Rest wurde gefällt, erst die edlen Hölzer für Möbel und Hausbau, dann der Rest für Holzkohle. Die Bäume wurden Opfer der Armut. Innerhalb der letzten 50 Jahre hat sich Haitis Bevölkerung verdreifacht, das Wirtschaftswachstum konnte kaum Schritt halten. Drei Viertel der Haitianer kochen noch immer mit Holz und Kohle über dem offenen Feuer.

Der Schulbeginn ist eine jährlich wiederkehrende Naturkatastrophe.

Pro Schuljahr ein Baum geopfert

Dort, wo früher der Wald stand, brennt heute die Sonne unerbittlich nieder auf Steine und das Bisschen Gras, das die Ziegen übrig gelassen haben. Der Regen hat tiefe Furchen in die kahle Erde gefressen. Es ist glühend heiss. Der Nachbarssohn gräbt mit einer alten Spitzhacke Furchen parallel zum steilen Hang, um dort Maniok anzupflanzen. Wie gerne flüchtet man ein paar hundert Meter tiefer zu Blanchards einfacher Holzhütte! Denn um die beiden Häuser der Grossfamilie stehen noch ein paar alte, grosse Bäume, die wohltuend Schatten spenden und Früchte wie Mangos und Acerolakirschen tragen. «Das ist alles, was noch übrig ist», sagt Blanchard. Auch ihre Eltern mussten Bäume fällen, um wenigstens ein paar der zehn Kinder zur Schule zu schicken. Von der Holzkohle kauften sie Schuluniformen, Stifte, Hefte. So wie sie machen es Millionen von Familien. Der Schulbeginn ist noch immer eine jährlich wiederkehrende Naturkatastrophe.

«Für jeden gefällten Baum hätten fünf neue gepflanzt werden müssen», weiss Blanchard heute. «Ohne Bäume gibt es kein Leben.» Sie will es besser machen, um ihrer erwachsenen Tochter und dem neugeborenen Sohn Gregory eine bessere Zukunft zu bieten. Was damals versäumt wurde, holt sie heute nach. Unterstützt von Agronom Stéphane de Rengervé vom Schweizerischen Roten Kreuz unterhält sie zusammen mit drei Dutzend weiterer Dorfbewohner eine Baumschule und einen Komposthaufen. In wenigen Monaten sind die Samen ausgekeimt und auf stattliche Baumbüschel angewachsen: haitianische Zedern, Eichen, Kastanien, Kokospalmen, Papaya- und Mangobäume. Demnächst werden die ersten Setzlinge angepflanzt. Zuerst rund um die Wasserquellen, danach an besonders gefährlichen Abhängen, die Stéphane de Rengervé zusammen mit der Bevölkerung ausgesucht hat. Ausserdem gibt es eine Ausbildung freiwilliger Katastrophenschutzhelfer. «Ausschlaggebend ist, dass der Impuls von der Bevölkerung ausgeht», sagt er. Deshalb musste der Agronom einige Sitzungen mit der Dorfgemeinschaft veranstalten, bis klar war, dass in Morin die Wiederaufforstung und der Schutz vor Naturkatastrophen oberste Priorität haben müssen.

Latrinen bauen unter fachlicher Anleitung

In der Nachbargemeinde Tchawa hingegen wollten die Anwohner vor allem Trinkwasser. Dort ist SRK-Ingenieur Olivier le Gall damit beschäftigt, Auffangbecken für Regenwasser zu installieren. Da die schwarzen Plastiktanks heimischer Fabrikation zu wenig Wasser fassen, fabriziert er jetzt auf dem SRK-Gelände im nahegelegenen Léogane selbst entworfene, steinerne Zisternen sowie Latrinen aus Holz und Zement.

Damit werden rund ein Dutzend Arbeitsplätze geschaffen, und die Arbeiter erhalten eine handwerkliche Grundausbildung. Das SRK stellt das Material und den Transport, bauen müssen die Empfänger selbst unter fachgerechter Anleitung der Experten. Daneben repariert das Team von Le Gall rund 150 defekte Zisternen, die nach dem Erdbeben hastig aufgestellt wurden.

Es werden Arbeitsplätze geschaffen und die Arbeiter erhalten eine handwerkliche Grundausbildung.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Hygiene. Mücken und Fliegen, die zwischen in der Natur herumliegenden Fäkalien und Nahrungsmitteln hin- und herfliegen, übertragen Krankheiten. Und wenn gar das Trinkwasser mit Fäkalien verschmutzt ist, kann – wie in Haiti 2010 geschehen – die Cholera ausbrechen. Deshalb hat das SRK mit der Herstellung und Verteilung von Latrinen begonnen. Axelain Kessner wurde vom SRK zum Gesundheitspromotor ausgebildet und ist in den Bergen unterwegs, um Chlortabletten und Seife auszuteilen und die Bevölkerung im richtigen Händewaschen zu unterweisen. Die Hände an der Luft trocknen lassen ist einer seiner Geheimtipps, denn nur selten gäbe es in den Haushalten saubere Tücher.