«White Risk»

Ein Erfahrungsbericht

Seit November 2013 steht Tiefschnee-Fanatikern die interaktive Lawinenpräventions-Plattform «White Risk» zur Verfügung. Dino Beerli, Bergsteiger und SRK-Mitarbeiter, hat das Tool getestet.

Engadin, Hochwinter. In der Region liegen fast drei Meter Schnee. Und wie bestellt fallen in regelmässigen Abständen 20-50 cm Neuschnee. Nach dem eher miesen Winter am Alpennordhang ist die Zeit endlich reif, unberührte Powderhänge zu verfahren.

Die Kardinalfrage der Tourenplanung lautet: Wie können wir unseren Tiefschneerausch ausleben und trotzdem die Risiken am Berg im Griff haben? Mit über 20 Jahren Erfahrung in Bergsteigen verlasse ich mich dabei auf meiner innere Checkliste. Doch erst «White Risk» gibt mir seit Neuestem die Möglichkeit, diese Checkliste einfach und fundiert zu überprüfen .

Der Höhepunkt unserer Tourenwoche ist ein Gipfel im Berninagebiet. Die Aufstiegsroute hat einige Schlüsselstellen, die Abfahrt viele exponierte Passagen. Dank der webbasierten Landeskarte ist unsere Tour schnell eingetragen, die heiklen Passagen erkannt, Umkehrpunkte definiert und mit dem Lawinenbulletin abgeglichen. Ein Restrisiko bleibt bei jeder Tour. Doch «White Risk» hilft mir sämtliche Faktoren zu berücksichtigen. So werden die Gefahren berechenbarer.

Es lockt die Abfahrt

Dino Beerli

Der SRK-Mitarbeiter (strategisches Projektmanagement Bereich Bildung) ist auch leidenschaftlicher Bergsteiger und Bewegungsfanatiker, Coach und Outdoor Persönlichkeitstrainer.

Am nächsten Morgen geht’s in zügigem Tempo Richtung Berg. Mithilfe der Daten auf dem App gleichen wir laufend die Planung mit den Bedingungen vor Ort ab. Nach fünf Stunden erreichen wir den Gipfel. Die Sicht ist fantastisch, der Genuss der Höhe und Weite einmalig.

Doch meine persönliche Gefahrenzone, die verlockende Abfahrt, steht erst bevor: felsdurchsetzte steile Passagen, enge Rinnen und weite Hänge. Mit dem Adrenalinspiegel steigt die Risikobereitschaft; das kennt jeder. Hinzu kommt die Regel der Selbsttäuschung: «Mir passiert schon nichts». Exakt für solche Situationen ist «White Risk» wichtig. Noch hat die App keine Warnsignal Funktion. Doch Dank der Auseinandersetzung mit den Gefahren im Rahmen der Tourenvorbereitung mit «White Risk» scheint sich eine gewisse Hemmschwelle in mein Hirn implantiert zu haben. Ich bin nicht mehr bereit, maximales Risiko einzugehen.

«White Risk» untersützt, ersetzt aber die Erfahrung nicht

Fazit: Reiner Verstand am Berg ist eine Illusion, denn Bergsteigen ist und bleibt Leidenschaft. Die Herausforderung liegt darin, Leidenschaft und Risikobewusstsein in Balance zu bringen. Dafür sind wir Bergsteiger auf professionelle Hilfsmittel wie «White Risk» angewiesen, die einfache und attraktive Tourenplanung ermöglichen und damit zur Risikoreduktion beitragen. Eines ersetzt aber auch White Risk nicht: die Erfahrung und die situative Einschätzung vor Ort durch das geschulte Auge.