Katastrophenhilfe SRK

Zwei Schritte im Voraus

Als SRK-Botschafterin will Dominique Gisin wissen, wovon sie spricht. Am Informationsnachmittag bei der Katastrophenhilfe SRK erfährt sie, wie das SRK seine Bereitschaft für die Nothilfe absichert und was es braucht für wirksame Hilfe vor Ort.

Im Logistikzentrum des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in Wabern begutachtet die ehemalige Skirennfahrerin Dominique Gisin ein Tropenzelt. Die Physikstudentin erfasst sofort dessen Vorteile: Es ist wasserdicht, lässt sich ohne Heringe aufbauen und hat zum Lüften genügend Öffnungen, die allesamt mit Mückennetzen bespannt sind. Seit drei Jahren setzt sich die Olympiasiegerin von 2014 für das SRK als Botschafterin ein. Was sie in den Projektländern Bolivien, Nepal und Kirgistan erlebt hat, bestärkt die 33-Jährige, noch mehr zu tun, um die humanitäre Arbeit des Roten Kreuzes bekannt zu machen. Sie will sich ihre eigene Meinung bilden und sich aus erster Hand informieren, wie die Katastrophenhilfe des SRK organisiert ist.

Keine Nothilfe ohne ständige Bereitschaft

In Beatrice Weber, Leiterin der Katastrophenhilfe SRK, findet Dominique Gisin eine Gesprächspartnerin, die mit ihrer raschen Auffassungsgabe mithalten kann. Beide Frauen argumentieren mit Leidenschaft und analysieren schnell die Fakten. Die Chemie stimmt. Dominique Gisin lenkt das Gespräch mit interessierten Fragen und bringt es schon bald auf den Punkt: «Es ist zwar löblich, wenn man Opfern von Katastrophen schnell mit materiellen Dingen helfen will. Aber um wirklich sinnvoll zu helfen, muss man immer zwei Schritte im Voraus denken, und es braucht viel Erfahrung.» Beatrice Weber erklärt, wie das SRK im Katastrophenfall auf genügend Fachleute aus den Bereichen Medizin und Logistik zurückgreifen kann: «Wir haben Vereinbarungen mit Arbeitgebern, zum Beispiel mit Spitälern und Logistikunternehmen. Sie sichern uns zu, dass sie die Fachleute, welche von uns für den Ernstfall geschult wurden, für einen Einsatz im Katastrophengebiet von der Arbeit im Betrieb freistellen. Die Einsätze dauern in der Regel einen Monat. In dieser Zeit werden die Fachleute durch das SRK finanziell entschädigt.» Wie gut dies funktioniert, hat sich in den letzten Monaten gezeigt. Nach den Hurrikanen in der Karibik und bei der Flüchtlingskrise in Bangladesch standen mit bis zu 30 Fachleuten so viele gleichzeitig für das SRK im Einsatz wie noch nie zuvor.

«Um wirklich sinnvoll zu helfen, muss man immer zwei Schritte im Voraus denken und es braucht viel Erfahrung.»

Wann und wo das SRK das nächste Mal gefordert ist, weiss die Leiterin der Katastrophenhilfe nicht. Aber Beatrice Weber erinnert sich sehr genau, wo sie jeweils war, als sie von der Internationalen Föderation des Roten Kreuzes und Halbmond (IFRC) alarmiert wurde. «2015 war ich gerade beim Einkaufen, als Hilfe nach dem Erdbeben in Nepal angefordert wurde.» Nach dem Aufruf zur Nothilfe hat das SRK jeweils 12 Stunden Zeit, um der IFRC mitzuteilen, wie viel Personal, Material und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden können. Die IFRC sorgt dafür, dass die Nothilfe effizient anläuft und jede Organisation eine Zuständigkeit hat. Das SRK ist spezialisiert auf die Logistik. Daher wird die Delegation des SRK von einem erfahrenen Nothilfelogistiker geleitet, wie Thomas Büeler, der seit 11 Jahren beim SRK arbeitet. Von ihm erfährt Dominique Gisin, weshalb ein fertig zusammengestelltes Hilfspaket wie das Family Kit nicht nach jeder Katastrophe verteilt wird. Praktisch sei dieses schon und sogar die Kiste an sich werde von den Familien gerne genutzt, erklärt Büeler. Aber der Inhalt müsse den Bedürfnissen angepasst werden. Zudem braucht es für eine faire Verteilung Kriterien, die regeln, wer ein Family Kit erhalten soll. Büelers Argumente, in grossen Mengen Waren vor Ort einzukaufen, sind deshalb nachvollziehbar: «Meist ist nicht das ganze Land von einer Katastrophe betroffen, und was wir brauchen ist in einer anderen Region verfügbar. Wenn ich geschickt verhandle, erhalte ich mehr für das Budget, das mir zur Verfügung steht. Ich kann den Menschen schneller helfen und der lokale Einkauf stärkt die Wirtschaft des betroffenen Landes.»

Von der Nothilfe zum besseren, nachhaltigen Wiederaufbau

Nach dem Einkauf vor Ort folgt die klassische Aufgabe eines Logistikers: Möglichst effizient die bestmögliche Menge an Hilfsgütern zu den Bedürftigen bringen. Erneute Verhandlungen sind nötig, um geeignete Transportmittel zu mieten. Die Herausforderungen dabei erahnt Dominique Gisin schon, als sie die Ausrüstung von Thomas Büeler sieht. Diese enthält alles für die Selbstversorgung in einem Katastrophengebiet: Lebensnotwendiges wie Medikamente, Wasserdesinfektionstabletten und Mückenschutz sowie Arbeitsutensilien wie beispielsweise Laptop, mobiler Drucker, Satelliten- und Smartphone, Funkgeräte. «Und enorm wichtig ist das hier», sagt Büeler zur sichtlich erstaunten Dominique Gisin. Er zeigt auf einen Leimstift sowie einen simplen Quittungsblock. «Alle Ausgaben muss ich exakt quittieren und belegen. Mit dem Leimstift klebe ich die Quittungen auf Papier.»

Nach vier Monaten sei erfahrungsgemäss die Phase der Nothilfe abgeschlossen, erläutert Beatrice Weber. Danach folge der Wiederaufbau von stabilen Gebäuden, die bei einem allfällig nächsten Erdbeben oder Sturm wirklichen Schutz bieten. «Ein grosser Teil der Katastrophenhilfe ist somit die Katastrophenvorsorge, damit beim nächsten Mal weniger Menschen leiden müssen. Folglich ist es sinnvoll zu spenden, bevor eine Katastrophe geschieht», stellt Dominique Gisin fest. Sie will sich fortan vermehrt dafür einsetzen, dass das SRK genügend Mittel hat, um nach einer Katastrophe sofort zu helfen, dass es aber auch nachhaltig das Ausmass einer Katastrophe eindämmen kann.