Hilfe für Menschen auf der Flucht

«Wir retten im wahrsten Sinne des Wortes Leben»

Die 37-jährige SRK-Pflegefachfrau Kerstin Jantschgi arbeitet seit August an Bord der Responder, einem Such- und Rettungsschiff, das zwischen Libyen und Italien patrouilliert. Die Responder rettet Menschen aus dem Wasser, die versuchen, das Mittelmeer in völlig untauglichen Schlauch- und Holzbooten zu überqueren. An Bord leisten Kerstin und ihr Rotkreuz-Team Erste Hilfe und versorgen die Geretteten mit Essen, Wasser, trockenen Kleidern und Decken.

Kerstin, weshalb haben Sie sich entschieden, Pflegefachfrau zu werden?

Ich wollte schon immer Menschen helfen, war aber nicht sicher, in welcher Form. Deshalb schaute ich mich lange um, bis mir klar wurde, dass ich in der Pflege viel bewirken und Menschen Gutes tun kann.

Wie sind Sie zum Roten Kreuz gekommen?

Früher bin ich viel gereist. Und ich hatte schon immer den Wunsch, mich im humanitären Bereich zu engagieren. Nach meiner Pflegeausbildung übernahm ich eine Vollzeitstelle in einem Spital und suchte weiter nach dem richtigen Projekt. Als ich von der Arbeit erfuhr, die das Rote Kreuz auf der ganzen Welt leistet, wusste ich: «Das ist es! Not- und Katastrophenhilfe... Das ist genau das, was ich tun möchte.»

Wie unterscheidet sich dieser Einsatz auf dem Rettungsschiff Responder von der normalen Arbeit in der Pflege?

Mir liegt diese Art von Arbeit: rasch und unter hohem Druck. Diese Kurzeinsätze sind sehr intensiv und wir retten im wahrsten Sinn des Wortes Leben. Die Tätigkeit für das Rote Kreuz ist etwas völlig anderes als die Arbeit zuhause. In der Schweiz haben die meisten Menschen Zugang zu einem Betreuer oder einem Anwalt. Bei fast allen Menschen, die ich während eines Einsatzes für das Rote Kreuz betreue, ist das nicht der Fall.

Mit welchen Herausforderungen sind Sie bei der medizinischen Versorgung auf der Responder konfrontiert?

Alles ist etwas anstrengender. Wir müssen Sprachbarrieren überwinden und mit der eingeschränkten medizinischen Ausstattung und Ausrüstung zurechtkommen. Zudem sind viele Menschen traumatisiert.

Bildstrecke: Ein Tag auf der «Responder»

Welche medizinischen Probleme bestehen bei den Menschen, die vom Rettungsschiff geborgen werden?

Oft sind diese Menschen dehydriert und völlig erschöpft. Wir versorgen auch immer wieder kleine offene Wunden und Verbrennungen.

Hatten Sie eine Begegnung, die Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht?

Letzten Monat traf ich einen achtjährigen Jungen, der ganz allein unterwegs war. Er hatte eben versucht, das Meer zu überqueren – ohne seine Eltern. Meine Frage, ob er Freunde auf dem Schiff habe, verneinte er. Selbstverständlich sorgten wir dafür, dass er den Rest der Reise zusammen mit Frauen und Kindern und getrennt von den anderen Erwachsenen verbringen konnte. Aber es war schon sehr erstaunlich. Der Junge war ganz allein. Sein Mut hat mich beeindruckt.

Falls Sie diesen Einsatz in einem Satz zusammenfassen müssten – wie würde er lauten?

Ich denke einfach, dass wir viele Leben gerettet haben und vielen Menschen begegnet sind, die auf der Suche nach einem sicheren Ort sind, an dem sie leben können.

Was würden Sie den Menschen gerne über die Migrantinnen und Migranten erzählen, denen Sie bei Ihrer Arbeit begegnen?

Migranten sind Menschen. Und alle Menschen haben die gleichen Rechte. Ich möchte, dass sich jeder fragt: «Was würde ich tun, wenn meine Familie in Gefahr wäre? Wie weit würde ich gehen, um das Leben meines Kindes zu retten?» Bestimmt würden sich viele ebenfalls auf die gefährliche Reise über das Meer machen, um ihre Familie zu beschützen.

Was bedeutet das Rote Kreuz für Sie?

Für mich bedeutet es, Menschen in Not beizustehen – ganz gleich, woher sie kommen. Fairness war mir schon immer sehr wichtig. Bei meiner Arbeit für das Rote Kreuz kann ich diese Fairness jeden Tag leben.

Noch eine letzte Frage: Was haben Sie für diese Reise eingepackt, das Sie nicht missen möchten?

Ein kleines Kissen. Mit meinem eigenen Kissen schlafe ich einfach besser!

Interview: Jenelle Eli, IFRC

Saved at Sea : Rescuing Migrants in the Mediterranean - the fifth estate

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