Rotkreuz-Geschichten aus Griechenland

Helfer auf der Flucht

Als Freiwilliger des Syrischen Roten Halbmondes engagierte sich Amer Alabboush, bis er selbst vor dem Krieg flüchten musste. Im griechischen Idomeni gestrandet, unterstützt der Sanitäter das Griechische Rote Kreuz und vermittelt dank seinen Sprachkenntnissen zwischen Flüchtlingen und Helfenden.

Caroline Haga, IFRC

«Benötigen Sie Hilfe beim Übersetzen?», erkundigt sich ein junger Mann vor einem Sanitätszelt des Roten Kreuzes in Idomeni, Griechenland. Der 24-jährige Amer Alabboush, der fliessend Englisch spricht, engagierte sich als Freiwilliger für den Syrischen Roten Halbmond. Nun ist er auf der Flucht, um sein Leben zu retten. Zusammen mit über 50 000 anderen Menschen steckt er nach der Schliessung der Grenzen in Griechenland fest.

Zurzeit hält er sich in Idomeni auf. Dort, an der Grenze zur ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien, fehlt es an allem. Sein Zelt hat Amer in einer besonders regnerischen Nacht einer Familie geschenkt. Seither schläft er unter freiem Himmel. Tagsüber arbeitet er als freiwilliger Übersetzer für die Gesundheitsklinik des Griechischen Roten Kreuzes. «Während über fünf Jahren habe ich Menschen in Syrien geholfen – das liegt mir im Blut», erklärt er.

Amer ist zusammen mit drei Freunden geflüchtet. Auch sie hatten als Freiwillige für den Syrischen Roten Halbmond gearbeitet. Unterwegs halfen sie ganz selbstverständlich Familien, die ebenfalls auf der Flucht waren.

Lebensrettende Einsätze in Syrien

Bevor sich Amer in der Hoffnung auf Sicherheit auf seine gefährliche Reise begab, hatte er in Deir ez-Zor für den Roten Halbmond gearbeitet: Zweieinhalb Jahre lang leitete er in der siebtgrössten syrischen Stadt das Erste-Hilfe-Team.

Dieser Einsatz für das Leben anderer mitten im Krieg forderte seinen Tribut. Und war letztlich der Grund, dass Amer Syrien verlassen musste. «Immer wieder fielen Bomben, immer wieder wurden Menschen erschossen. Unser fünfzigköpfiges Team rückte Tag und Nacht bei Notfällen aus. Ich sah viele sterben, auch Freunde von mir», erzählt er. «Wir wurden bedroht. Denn wir arbeiteten für den

Syrischen Roten Halbmond und standen Menschen aller Konfliktparteien bei, unparteiisch. Schliesslich blieb uns nichts anderes übrig, als zu fliehen.»

Die Welt verschliesst die Augen

Gerne würde der junge Sanitäter sein Studium als Elektroingenieur fortsetzen, um seine Familie und seinen Zwillingsbruder zu unterstützen. Doch nun wartet er zusammen mit Tausenden von Menschen unter prekären Bedingungen auf den Ausgang seines Asylverfahrens. Amer fühlt sich von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen. «Die Welt schaut zu und hat nicht wirklich versucht, Syrien zu helfen», sagt er.

Amer ist einer von 11 000 Menschen auf der Flucht, die in Idomeni gestrandet sind. Die meisten stammen wie er aus Syrien oder aus dem Irak. 40 Prozent sind Kinder. Die Zukunft dieser Menschen ist völlig ungewiss. Bereits die sechste Woche harren sie nun unter freiem Himmel im Niemandsland aus.