Hurrikane Karibik

«Der Schock sitzt tief»

Einen Monat nach dem verheerenden Wirbelsturm auf Dominica versuchen die Menschen allmählich, zum Alltag zurückzukehren. Das SRK hat nach dem Hurrikan Maria mehrere Delegierte in ein internationales Nothilfe-Team entsandt, darunter die Bauexpertin Regina Wenk. Zurück in der Schweiz, zieht Regina Wenk Bilanz.

Regina Wenk, was haben Sie in Dominica bei Ihrer Ankunft angetroffen?
Der Hurrikan Maria hat die Insel in voller Stärke getroffen. Die Vegetation ist zerstört, Bananenbäume sind bis auf den Strunk geknickt. Die Landwirtschaft und die für die Insel wichtige Seifenproduktion wurden lahm gelegt. Die Felder sind mit Geschiebe und Baumstrünken übersät. 

Auf Bildern gewinnt man den Eindruck, dass die Menschen in Dominica auch in der Not den Lebensmut nicht verlieren. Ist das auch Ihr Eindruck? 
Anfänglich war es sehr ruhig auf den Strassen. Menschen waren zu Fuss unterwegs, um Wasser zu holen oder Essen zu finden. Der Schock sitzt tief. Nach ein paar Tagen spürte ich, wie das Leben langsam zurückkehrt und die Aufräumarbeiten begannen. Es bricht keine Hektik aus, die Menschen scheinen mit der Situation vertraut zu sein. Ja, sie haben ihren Lebensmut nicht verloren. Dass sie überlebt haben, gibt ihnen Kraft das Geschehene zu überwinden. 
 
Wie kam die Nothilfe bei den Menschen an?
Wir sind über Land gefahren, um zu sehen, wie die Menschen leben und wie die Hilfsgüter eingesetzt werden. Unterwegs haben wir die provisorische Wasserversorgung besucht, die das Rote Kreuz eingerichtet hat. Wir brachten Wasser in ein nahegelegenes Altersheim. Die Leiterinnen haben sich sehr über das Wasser gefreut. Sie waren seit dem Wirbelsturm Maria nicht mehr zu Hause gewesen, um die Bewohner nicht allein zu lassen. Es sei trotz allem eine schöne Arbeit, berichteten sie, da die älteren Menschen fröhlich und gelassen bleiben.

Sie haben als Bauingenieurin im Auftrag des SRK Abklärungen für den Wiederaufbau getroffen. Was ist dabei wichtig?
Die bestehenden Hausstrukturen sind meist gut gebaut. Alte Holzhäuser haben den Sturm recht gut überstanden, grössere Rahmenstrukturen sind unbeschädigt. Schwachstellen sind eindeutig die Dächer, die der Sturm weggerissen hat. Jetzt liegen überall Dachbleche herum. Um die Dächer sicherer wieder aufzubauen braucht es zuerst Schulungen. Starke Wellbleche, Holzträger und lange Schrauben sind Materialien, die wir den Familien zur Verfügung stellen. Die Wiederaufbauten werden eng vom Team des lokalen Roten Kreuzes und Bauspezialisten begleitet. 

Sie leisten seit 15 Jahren humanitäre Einsätze. Was bleibt Ihnen aus Dominica in Erinnerung?
Ich war nach dem Tsunami in Indonesien, dann kamen Bosnien, Libanon, Pakistan, Nepal und nun die Karibik. Der Einsatz in Dominica war eine Herausforderung. Ich war dabei, als die ersten Hilfsgüter auf Schiffen ankamen. Die Versorgung mit Essen und Wasser war stark eingeschränkt. Die Hitze hat uns zu schaffen gemacht. Unser internationales Team ist täglich gewachsen. Wir haben uns im Rotkreuz-Team sehr gut unterstützt und alle haben mit viel Engagement dazu beigetragen, dass die Nothilfe anlaufen konnte. Die gute Zusammenarbeit hat mich sehr beeindruckt.