Hilfe für Menschen auf der Flucht

«Den Menschen wird ein zweites Leben geschenkt»

Im ersten medizinischen Team des Roten Kreuzes an Bord des Rettungsschiffs «Responder» engagiert sich auch eine Schweizerin: Die erfahrene SRK-Pflegefachfrau Nicole Rähle hilft mit, im Mittelmeer Leben zu retten.

«Den Menschen, die wir bergen, wird ein zweites Leben geschenkt», sagt Nicole Rähle, die Gesundheitsdelegierte des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). «Angesichts der immensen Ausmasse der Migrationskrise mag unsere Arbeit wie ein Tropfen auf den heissen Stein erscheinen. Doch für jeden einzelnen Menschen, den wir retten, ist sie entscheidend.»

Hoffnung nicht aufgegeben

Nicole Rähle war in den vergangenen 16 Jahren in Kriegsgebieten auf der ganzen Welt für das Rote Kreuz im Einsatz. Auf See arbeitet sie zum ersten Mal. Schon 24 Stunden nach ihrer Abreise sah sie das erste überfüllte Schlauchboot auf den Wellen. «Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, wie viele Menschen darin zusammengepfercht waren. Wir versorgten unzählige Passagiere auf dieser Nussschale, doch die Arbeit nahm kein Ende», erklärt sie.

Sie retteten 151 erschöpfte, halb verdurstete Menschen, darunter 41 Frauen und acht Kinder. Nachdem sie acht bis neun Stunden unbeweglich ausgeharrt hatten, konnten einige der Geretteten kaum noch aufstehen. «Trotzdem lächelten sie vor Erleichterung, als sie an Bord kamen. Sie hatten die Hoffnung nicht aufgegeben.» Diese erste Bootsrettung – eine von vier an diesem Vormittag – fand bereits um sechs Uhr morgens statt. Oft sind es einfache Gummiboote oder alte Holzboote. «Es ist wichtig, dass die Abläufe bei den Rettungen stimmen, alles muss klar strukturiert sein, denn es geht Schlag auf Schlag. Es ist eng auf der Responder, jeder weiss, was er zu tun hat.»

Anforderungsreiche Arbeit auf See

Das SRK erhöht Nothilfe im Mittelmeerraum
Das SRK erhöht seine Nothilfe auf 300 000 Franken. Damit unterstützt es die Rettungsoperation im Mittelmeer und den Unterhalt der Responder – zusätzlich zum Einsatz von Gesundheitspersonal auf dem Rettungsschiff.

Zusammen mit einer spezialisierten Such- und Rettungsmannschaft der unabhängigen Hilfsorganisation Migrant Offshore Aid Station (MOAS) haben Nicole Rähle und ihr Team innerhalb von vier Tagen schon über 400 Menschen gerettet. Sie arbeitet mit einer zweiten Pflegefachfrau und einem Arzt zusammen. «Bei der Bergung kontrolliert der Arzt, in welchem Zustand die Passagiere sind, während ich die Männer, Frauen und Kinder zähle, wenn sie an Bord kommen. Sobald alle im Schiff einen Platz gefunden haben, untersuchen wir sie einzeln. Wir achten nicht nur auf Verletzungen, sondern prüfen auch den allgemeinen Gesundheitszustand», erklärt die SRK-Gesundheitsdelegierte.

Die Arbeit auf dem Schiff stellt das Team vor einige Herausforderungen: Für die Behandlung sowie für die Lagerung von Ausrüstung und medizinischem Material steht nur beschränkt Platz zur Verfügung, ganz zu schweigen vom Zusammenleben auf engstem Raum. Rähle teilt sich eine Viererkabine mit ihren drei Kolleginnen vom Italienischen Roten Kreuz. Viel Platz oder Privatsphäre hat sie nicht. Zur Kabine gehört ein Bad. «Aber wir kommen gut zurecht. Wir sind zum Glück alle sehr flexibel und unkompliziert.»

Auch wenn die Tage und Nächte an Bord lang sind: Nachdem sie die geretteten Menschen in Sizilien abgesetzt hatten, konnte es Nicole kaum erwarten, bis das Schiff wieder auslief.

Jedes Leben zählt

Innerhalb einer Woche hat die Responder 457 Menschen gerettet. Eine Frau blieb Nicole Rähle besonders in Erinnerung: «Eine schwangere Frau schien psychisch schwer angeschlagen zu sein. In ihren Augen konnte ich erkennen, dass sie Todesangst hatte», erzählt sie. «Wahrscheinlich hatte sie erst kürzlich Gewalt erlebt. Doch als ich sie in die Arme nahm, konnte sie sich entspannen und später schlief sie sogar ein.»

Die Begegnungen mit den Menschen motivieren sie, ihre Arbeit weiterzumachen: «Für mich zählt jedes einzelne Leben – ganz gleich, wer die Person ist oder woher sie kommt. Deshalb mache ich diese Arbeit.»