Katastrophenvorsorge

«Unspektakulär, aber umso wichtiger»

Als langjähriger Leiter der Humanitären Hilfe des Bundes stand Toni Frisch bei zahlreichen Katastrophen an vorderster Front im Einsatz. Heute ist er Rotkreuzrat. Auf einer Reise nach Honduras hat er kürzlich Dörfer besucht, die das SRK bei der Katastrophenvorsorge unterstützt – in der Fremdsprache «Disaster Risk Reduction» genannt.

Herr Frisch, Sie haben in Honduras gesehen, wie sich das Rote Kreuz für die Katastrophenvorsorge einsetzt. Was bleibt in Erinnerung?

Einmal mehr habe ich Menschen getroffen, die sich aktiv und engagiert für die Gemeinschaft einsetzen, wie beispielsweise die Lehrerin Leda Pavón und viele andere Rotkreuzfreiwillige. Diese Menschen haben meinen grossen Respekt. Sie tun etwas für eine bessere Zukunft. Nicht weil sie persönlichen Ruhm anstreben, sondern weil sie die Probleme erkennen und einen Beitrag leisten, um sie zu lösen.

Das Rote Kreuz engagiert sich vermehrt für Katastrophenvorsorge. Warum wird dies immer wichtiger?

Überall auf der Welt ist es entscheidend, dass die Menschen Risiken einschätzen können und wissen, was in einer Notsituation zu tun ist. Das gilt bei uns genauso wie anderswo auf der Welt. In Zentralamerika ist die Gefahr von Naturkatastrophen besonders gross, weil in dieser Region Wetterextreme ein häufiges und unberechenbares Phänomen sind. Durch den Klimawandel nehmen sie weiter zu. Gleichzeitig unternehmen die staatlichen Stellen oft zu wenig, um in abgelegenen Regionen die Menschen auf diese Ereignisse vorzubereiten. 

Was sind die Gefahren, wenn nichts unternommen wird?

Die Menschen leben in dauernder und berechtigter Angst vor der nächsten Katastrophe. Das ist eine schlechte Situation und verhindert, dass sie langfristig planen können. Katastrophen sind grosse Rückschläge, vor allem wenn sie eine Region unvorbereitet treffen. Der Hurrikan Mitch hat 1998 die betroffenen Gebiete in Zentralamerika in ihrer Entwicklung um 20 Jahre zurückgeworfen.

Was bedeutet das Katastrophenrisiko, das durch den Klimawandel weiter zunimmt, für die Menschen in den Dörfern?

Wer bei einer Katastrophe alles verloren hat und fürchten muss, ein anderes Mal wieder in diese Situation zu geraten, ist versucht, in die Stadt abzuwandern. Diese Landflucht führt zu enormen Problemen. In Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, zeigt sich das in aller Deutlichkeit. Armut, hohe Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven treiben immer mehr junge Menschen in die Arme krimineller Organisationen.

Toni Frisch
war bis 2011 Stellvertretender Direktor der Deza und Leiter der Humanitären Hilfe. Seit zwei Jahren ist er Mitglied des Rotkreuzrates und mit einem Mandat der Deza für die UNO tätig.

Was kann das Rote Kreuz tun, um der Landflucht entgegenzuwirken?

Es geht darum, die Menschen zu stärken, ihnen die Werkzeuge und Mittel zu geben, um in ihrer Umgebung zu überleben und sinnvolle Perspektiven zu entwickeln. Die fachgerechte Aufforstung zur Verhinderung der Erosion und zum Schutz der Quellen, die Förderung des Umweltbewusstseins schon bei Schulkindern, die Aufklärung der Bevölkerung – all das sind Massnahmen, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Sie engagieren sich bei der Sensibilisierung im Bereich Katastrophenvorsorge. Warum?

Katastrophenvorsorge ist unspektakulär – aber umso wichtiger. Die Menschen in der Schweiz spenden grosszügig, wenn es darum geht, nach Katastrophen den Opfern zu helfen. Doch immer wichtiger wird es, für die Katastrophenvorsorge zu spenden, damit es bei einem nächsten Mal gar nicht mehr so viele Opfer und Schäden gibt.