Massnahmen gegen Naturgewalten

Für Kirgistans Kinder

Im Nordwesten Kirgistans lernt jedes Schulkind, wie es sich bei einem Erdbeben schnellstens in Sicherheit bringt und wie es Erste Hilfe leisten kann. Immer wieder leidet die Bevölkerung unter Naturkatastrophen. Dieser Bach hat fast das ganze Dorf überflutet, bevor das Rote Kreuz und der Rote Halbmond ihn gebändigt haben. Nun steht die 14-jährige Nurzat mit ihrer Mutter Jamilya Shadykanova auf einer stabilen Brücke über dem kanalisierten Flussbett. Sie werden nie mehr durch tosende Wasserfluten an der Haustüre aufgeschreckt werden.

Es ist eine abenteuerliche Reise von Bischkek bis zum Haus, in dem Nurzat lebt. Sie führt zunächst über die einzige Strasse, welche die Hauptstadt mit der Provinz Talas verbindet. Dann müssen zwei über 3000 Meter hohe Pässe überwunden werden. Sie führen auf eine Hochebene, auf der sich Hirtenfamilien mit ihren Jurten und Pferdekoppeln während dem Sommer niedergelassen haben. Unterwegs werden karge Mondlandschaften und Gebiete mit ewigem Schnee durchquert. Bäche und Flüsse schlängeln sich ungehindert durch diese wunderschöne Landschaft und teilen sich in unzählige kleine Wasserläufe auf.

Die 14-jährige Nurzat Shadykanova lebt im kleinen Dorf Ozgorush im Nordwesten von Kirgistan. Trinkwasser für ihre Familie holt das Mädchen an der Wasserstelle 50 Meter vom Haus entfernt. Doch zum Bewässern des Gartens und zum Waschen der Kleider benutzt die Familie das Wasser eines kleinen Kanals, der am Haus vorbeifliesst. Weiter unten fliesst der Fluss ruhig dahin. Doch das war nicht immer so. Vor zwei Jahren sorgte dieser Wasserlauf für Angst und Schrecken im Dorf. Nurzat erinnert sich, als ob es gestern gewesen wäre: «Ich fürchtete mich so sehr. Meine beiden älteren Brüdern und ich waren zu Hause. Wir sahen, wie das Wasser im Hof höher und höher stieg. Da verschanzten wir uns im Haus.Doch das Wasser stieg immer weiter!» Während der Schneeschmelze hatte der Fluss sein metertiefes Bett verlassen und überflutete die umliegenden Häuser.

Vernichtete Ernten

Auch Nurzats Mutter Jamilya Shadykanova denkt nur ungern an jene Nacht zurück, in der das Wasser tosend gegen die Türen ihres Hauses brandete: «Besonders beängstigend war das immer lautere Rauschen des Flusses, das uns geweckt hatte.» Sie ging in den Hof, wo ihr das Wasser bis zu den Knien reichte. Erst als das Wasser nach zwei Tagen endlich wieder abfloss, erkannte Jamilya Shadykanova das ganze Ausmass der Schäden.

«Besonders beängstigend war das immer lautere Rauschen des Flusses, das uns geweckt hatte.»

Den Gemüsegarten der Familie hatte der Fluss weggespült. Auch die Erdbeerpflanzungen, eine wichtige Einnahmequelle, waren zerstört. Durch die Feuchtigkeit im ebenfalls überfluteten Stall starben fünf Schafe an Krankheiten. Der Familie blieben nur noch eine Kuh, eine Ziege und ein Esel. Die Überschwemmung hat auch das Fundament des Wohnhauses beschädigt, das aus ungebrannten Lehmziegeln gebaut ist. Im Innern des Hauses sind immer noch Risse in den Wänden erkennbar. Die Mutter hat sie mit farbigen Teppichen abgedeckt.

Teamarbeit

Noch heute haben Nurzat und ihre Mutter Angst, sobald es stärker zu regnen beginnt. Doch nun können sie hoffen, dass der Fluss nicht mehr über die Ufer treten wird. Mit Hilfe des Kirgisischen Roten Halbmonds hat die Dorfbevölkerung das Flussbett mit Hacken und Schaufeln gereinigt und die Böschungen befestigt. Zudem wurde wieder eine stabile Brücke gebaut. Dank der Unterstützung des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) und der lokalen Behörden, die schwere Geräte und Material zur Verfügung stellen, konnten in der Provinz Talas verschiedene Sicherungsarbeiten vorgenommen werden: Neben der Befestigung von Flussufern wurden Deiche gebaut und Wasserläufe kanalisiert. Viele Familien sind betroffen, denn überall führen die Flüsse und Bewässerungskanäle nahe an den Wohnhäusern vorbei. 2014 wurden bei schweren Überschwemmungen unzählige Häuser beschädigt und Felder überflutet. Für Familien mit kargem Einkommen wurde das Leben damit noch härter.

In Kara-Suu (Schwarzwasser), einige Dutzend Kilometer entfernt, schaut der 76-jährige Bayastanov Satybaldy zufrieden bei den Arbeiten zu, die Freiwillige des Kirgisischen Roten Halbmonds ausführen. Der Mann mit dem sonnengebräunten Gesicht und dem sorgfältig gestutzten, weissen Kinnbart trägt stolz den traditionellen Kirgisenhut. Er zeigt seine Freude und Dankbarkeit offen: «Danke für alles, was ihr hier macht. 15 Jahre lang habe ich mit den Füssen im Schlamm gelebt. Immer wieder habe ich alles verloren, was ich gepflanzt habe. Ihr seid für mich wie Vater und Mutter», sagt er zu Elzat Mamutalieva, der Länderkoordinatorin des in Kirgistan. Das Haus, in dem er seine zehn Kinder grossgezogen hat, liegt direkt am Fluss. Nun ist dieser auf einer Länge von 500 Metern kanalisiert und die Freiwilligen des Roten Halbmonds arbeiten an der Uferverbauung.

Notfallkomitees

In 12 Gemeinden hat das Schweizerische Rote Kreuz zusammen mit dem Kirgisischen Roten Halbmond rund 15 Freiwillige rekrutiert und für Notfallsituationen ausgebildet. Nun können diese lokalen Komitees die Dorfbevölkerung bei einer drohenden Überschwemmung warnen und den Menschen zeigen, wo sie sich in Sicherheit bringen können.

Überschwemmungen, Schlammlawinen und Erdrutsche sind nicht die einzigen Naturgefahren, mit denen Nurzat und ihre Familie leben müssen. Mit etwa 3000 Erdstössen pro Jahr ist Kirgistan das erdbebengefährdetste Land Zentralasiens. In der Schule lernen Nurzat und fast 800 weitere Schulkinder im Alter von 7 bis 16 Jahren, sich bei einem Erdbeben richtig zu verhalten. Zweimal jährlich finden in den 12 Schulen der Provinz Evakuierungsübungen statt, bei denen die der Ernstfall durchgespielt wird: Zuerst müssen  sich die Kinder blitzschnell unter ihren Pulten in Sicherheit bringen, bevor sie dann geordnet das Gebäude verlassen. Die Schulkinder lernen auch, Erste Hilfe zu leisten.

In der Provinz Talas ist der Kirgisische Rote Halbmond die einzige Nichtregierungsorganisation, die sich in der Katastrophenvorsorge engagiert. Mit den Projekten, die das SRK unterstützt, werden fast 35 000 Menschen in 12 besonders gefährdeten Gemeinden erreicht.