Reportage Vietnam

Ernstfall im Mekong-Delta

In etwa fünfzig Jahren könnte das Mekong-Delta Südvietnams laut Modellrechnungen 70 Zentimeter unter Wasser stehen. Schon jetzt kämpfen viele Dörfer mit Überflutungen. Das Rote Kreuz unterstützt sie mit flutsicheren Häusern und fördert die Katastrophenvorsorge.

Es ist keine gute Nachricht, die an diesem Vormittag den Direktor der Primarschule in Dat Mui erreicht. «Ein Damm ist gebrochen! Eine Flutwelle bedroht das Schulhaus!»Der Anruf des örtlichen Volkskomitees versetzt 600 Kinder und das Lehrpersonal am südlichsten Zipfel Vietnams in Aufregung. Es geht um Menschenleben. Der Schulleiter, ausgerüstet mit einem Megafon samt eingebauter Sirene, führt lautstark Regie. Ziel:möglichst schnell ins oberste Stockwerk! Kinder rennen die Treppen hoch, Lehrer tragen Schulbücher und Trinkwasser nach oben, einer bringt «Papa Ho» in Sicherheit, die Gipsbüste des Staatsgründers Ho Chi Min. Zwar ist der Dammbruch nur eine Simulation, die Evakuation eine Übung, mit der das Schweizerische Rote Kreuz die Katastrophenbereitschaft fördert. Doch die Lage ist ernst. Das Mekong-Delta ist ein fragiler Organismus: weit verzweigte Flussarme, Tausende von Kanälen, bis zum Horizont Aquakulturen, Erdteiche, nur getrennt durch dünne Dämme, auf denen schmale Strassen und Pfade verlaufen. Die Gezeiten regulieren die Bewässerung. Aus der Vogelschau hat man den Eindruck, die ganze südvietnamesische Landschaft bestehe nur aus Wasser.

Menschen werden zu Umweltflüchtlingen

50 JAHRE IM EINSATZ FÜR DIE VERLETZLICHSTEN

In keinem anderen Land ausserhalb der Schweiz engagiert sich das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) länger als in Vietnam: 50 Jahre ohne Unterbruch. Schon während des Vietnamkrieges leistete das SRK humanitäre Nothilfe und entsandte Kriegs-Chirurgen. Nach Kriegsende 1975 baute das SRK vor allem die medizinische Grundversorgung auf dem Land wieder auf, später auch soziale Einrichtungen wie Spitäler und Waisenhäuser. Dort wurden viele Opfer des als Kriegswaffe eingesetzten Giftes «Agent Orange» betreut, das zu schweren gesundheitlichen Schäden mit Spätfolgen führte. Weil es in Vietnam immer wieder Taifune und Überschwemmungen gibt, leistet das SRK seit den 1990er-Jahren regelmässig Nothilfe. Es unterstützte z. B. Dorfgemeinschaften beim Wiederaufbau von insgesamt 3500 sturm- und flutsicheren Häusern. Immer wichtiger wurde die Katastrophenvorsorge. Zusammen mit dem Vietnamesischen Roten Kreuz vermindert das SRK Katastrophenrisiken in zwei südlichen Provinzen. Es werden Gefahrenkarten erstellt, Evakuierungspläne erarbeitet und Erste-Hilfe-Kurse durchgeführt. Durch bauliche Massnahmen werden Schulen, Kliniken und wichtige lokale Verkehrswege vor Überschwemmungen und Stürmen geschützt.

Am Ufer im Schlamm steht der Fischer und Tagelöhner Nguyen Van Cuong und zeigt aufs Wasser. Dort stand einst sein Haus, in dem er zwölf Jahre lang mit seiner Familie lebte. Er hatte es aus Holz und Palmblättern selber gebaut. «Die Flut stieg immer höher, schliesslich drang das Wasser ins Haus. Es wurde unmöglich, zu bleiben», erzählt Nguyen Van Cuong. Er und seine Familie wurden zu Umweltflüchtlingen. Hart sei es gewesen, dieses Stück Heimat aufzugeben. Beim Abschied sammelte er noch ein paar Holzpflöcke des versinkenden Hauses ein, die nun am neuen Ort seinen kleinen Schweinestall umzäunen.

Nguyen Van Cuong gehört zu jenen fast 50 Prozent der Menschen im Mekong-Delta, die unter oder nahe der Armutsgrenze leben. «Die Ärmsten sind die Verletzlichsten, wenn die Natur verrückt spielt», sagt Umweltexperte Ton That Khanh. Sie besitzen keine stabilen Häuser, deshalb sind sie besonders verwundbar gegenüber Taifunen. Die meisten sind zudem von der Fischerei abhängig und wohnen direkt am Wasser – was sie noch verletzlicher macht. In Ca Mau, der südlichsten Provinz Vietnams, gibt es während der Regenzeit von Oktober bis Januar viele tropische Stürme. Dann können die Fischer nicht aufs Meer und verdienen nichts. Viele Familien leiden deshalb an Hunger.

Das SRK fördert in Vietnam die Katastrophenbereitschaft.

Neben dem einstigen Zuhause von Nguyen Van Cuong sind im Mekong-Delta weitere Zehntausende Häuser im Wasser versunken. In den letzten zwei Jahrzehnten siedelte der Staat mit internationaler Hilfe über eine Millionen Menschen um. Auch das Schweizerische Rote Kreuz half mit. Es hat 1300 einfache, flut- und sturmresistente Häuser errichtet. Auch jenes von Nguyen Van Cuong. Er wohnt jetzt wenige Bootsminuten vom alten Ort entfernt. Der Staat schenkte jeder betroffenen Familie 270 Quadratmeter Land. Der sturmsichere Rotkreuz-Neubau misst etwa 25 Quadratmeter, die Familien können ihn durch eigene, einfache Anbauten ergänzen und so den Wohnraum erweitern.

Um Platz für die grossflächige Krevettenzucht zu schaffen, wurden in der Region riesige Flächen von Mangrovenwäldern abgeholzt – mit verheerenden Folgen. Mangroven brechen grosse Wellen und schützen vor Fluten, die Erosionen verursachen. Sie halten Sedimente auf und sorgen dafür, dass das Land meerwärts wächst. Der Umwelt- und Agrarwissenschaftler Professor Duong Van Ni von der Universität in Can Tho: «An der Südspitze Vietnams wuchs früher das Land jedes Jahr um 15 bis 20 Meter in Richtung Meer, jetzt aber geschieht das Umgekehrte: Das Festland wird durch Erosionen zerstört.» Der Staat investiert derzeit viel Geld in die Wiederaufforstung. «Ein sehr schwieriges Unterfangen», sagt Professor Ni,«denn die Bevölkerung wächst. Man müsste die Leute umsiedeln.» Der Professor schaut besorgt in die Zukunft: «In etwa fünfzig Jahren könnte laut Umweltministerium und verschiedenen Forschungsinstituten die Hälfte des Mekong-Deltas 70 Zentimeter unter Wasser stehen.» Dies entspricht fast der halben Fläche der Schweiz.

Die zerbrechliche Reisschüssel

Das Mekong-Delta ist die Reisschüssel Vietnams. Jährlich werden hier rund 42 Millionen Tonnen Reis produziert. Auch 40 weitere Länder rund um den Globus essen Reis aus dem Mekong-Delta. «Und vergessen Sie nicht: Der Anstieg des Wasserspiegels geschieht nicht nur hier», sagt der Umweltwissenschaftler. Das Mekong-Delta und vier weitere grosse Deltas liefern 80 Prozent der weltweiten Reisproduktion. Der Anstieg des Meeresspiegels beeinflusst also direkt die globale Nahrungsmittelsicherheit.» Neben der Klimaerwärmung ist laut dem Professor die Waldvernichtung der Hauptgrund für die zunehmenden Naturkatastrophen. In 20 Jahren seien fast zwei Drittel der Wälder im oberen Teil des Mekong abgeholzt worden.«Wasser, das zuvor von den Wäldern aufgehalten wurde, kann nun ungehindert von allen Seiten in den Mekong fliessen und lässt den Wasserspiegel steigen.» Zudem schwemmt der Regen in den entwaldeten Zonen die Erde weg, was grosse Mengen an Sedimenten erzeugt, die das Flussbett erhöhen. Auch der Bau vieler Strassen und unzählige Teiche und Erdwälle rundherum schränken den natürlichen Fliessraum ein.

Chinas Staudämme

Sorgen bereiten Professor Duong Van Ni auch die chinesischen Staudämme im Oberlauf des Mekongs. Während der Trockenzeit, wenn Vietnam dringend Wasser benötige, werde es gestaut und dann während der Regenzeit abgelassen, was zu Überschwemmungen beitrage. «Wenn es so weitergeht, müssen dereinst möglicherweise weitere sechs Millionen Menschen umgesiedelt werden», sagt Michael Annear, der früher Katastrophenhilfsprogramme in Asien und Afrika leitete und heute in Vietnam die Internationale Föderation der Rotkreuzgesellschaften vertritt. Es sei deshalb enorm wichtig, in Katastrophenvorsorge zu investieren. Rotkreuzgesellschaften haben die Kosten verglichen und festgestellt,«dass man mit jedem investierten Franken das Fünf bis Zehnfache an Kosten sparen konnte, wenn man in die Prävention investierte», sagt Micheal Annear. Oft seien es einfache Massnahmen, die viel bringen, wie der Bau einer Brücke, über die die Menschen bei einer Überschwemmung rechtzeitig fliehen können oder stabile Bauten als sichere Zufluchtsorte bei einem Taifun.

Es lohnt sich, in die Katastrophenprävention zu investieren.

Die Evakuationsübung in der Primarschule von Dat Mui endet mit Gesang. Fröhliches Liedersingen soll beruhigen. Die meisten Kinder, die ihren Schulweg mit dem Boot zurücklegen müssen, können nicht schwimmen. Beunruhigend auch die Aussage des ehemaligen Dorfvorstehers: «In einigen Jahren werden vielleicht auch die neu gebauten Häuser überflutet sein, weil der Wasserspiegel stetig steigt. Jedes Jahr müssen die Schutzdämme erhöht werden.» In Dat Mui und an vielen anderen Orten des Deltas ist der simulierte Dammbruch ein durchaus möglicher Ernstfall.