Katastrophenvorsorge in Honduras

Einen Schritt voraus

Die Schülerinnen und Schüler aus dem honduranischen Dorf Jocomico tragen die zukunft in ihren Händen. Die schnell wachsenden Pflanzen sollen einen Hang stabilisieren, bevor wieder Gefahr durch starken Regenfall und Hurrikane droht. Aufforstung ist nur eine Massnahme, die das Rote Kreuz zur Katastrophenvorsorge in besonders gefährdeten Regionen umsetzt. Ebenso wichtig ist die Schulung der Bevölkerung. Leda Pavón Meléndez, die Lehrerin dieser Kinder, ist ein beispiel dafür, wie Menschen mit der Gefahr leben lernen.

«Warum ist unser Dorf in Gefahr? Weil die Bäume abgeholzt wurden. » – «Was geschieht dadurch? Die Hänge rutschen ab.» – «Was können wir dagegen tun? Wieder aufforsten.» Mit lauten Stimmen rufen die Kinder ihre Antworten auf die Fragen, die ihre Lehrerin Leda Pavón Meléndez stellt – und dazu jeweils auf ein Plakat zeigt, das ein Dorf samt Hügeln, Quellen und Bächen darstellt. Die Mädchen und Knaben in Jocomico lernen früh, dass die Sorge zur Natur absolut entscheidend ist, um in dieser gefährdeten Region zu überleben. Das honduranische Dorf liegt eingeklemmt zwischen steilen Hängen und engen Bachbetten an einer holprigen Strasse. 650 Menschen leben in der Ortschaft, die weder Elektrizität noch einen Telefonanschluss hat.

Mehr als die Hälfte der Häuser von Jocomico wurden ganz oder teilweise zerstört

Leda Pavón ist selber Mutter von drei Kindern. Sie zeigt uns nach Schulschluss ihr Zuhause. Acht Jahre ist es her, seit der Tropensturm Gamma über Honduras gefegt ist und vor allem hier, im Departement Olancho, schwere Schäden anrichtete. Acht Jahre – das scheint eine lange Zeit. Doch wer damals um sein Leben lief, wer seine Existenzgrundlage verlor und tagelang nach vermissten Angehörigen suchte, dem sitzt der Schrecken noch immer in den Knochen. Mehr als die Hälfte der Häuser von Jocomico wurden ganz oder teilweise zerstört, drei wurden vom Fluss gänzlich weggerissen. Es grenzt an ein Wunder, dass in dem Dorf niemand zu Tode kam.

Barfuss geflohen

Auch die Familie der Lehrerin war betroffen. Gleich hinter ihrem Haus verläuft ein Bach – jetzt zur Trockenzeit ist er ein harmloses Rinnsal. Dahinter erhebt sich ein steiler Hang. Dieser Hang – er war damals komplett abgeholzt – geriet durch den anhaltend heftigen Regen ins Rutschen, der Bach wurde zum reissenden Fluss. Das Haus wurde teilweise mitgerissen, ein Grossteil des Hab und Guts ging verloren. Leda Pavón legt den Arm um die Schultern ihrer achtjährigen Tochter: «Angela war damals noch ein Baby. Wir hatten grosse Angst,» sagt sie. Barfuss sei sie mit dem Kind geflohen, ohne zu wissen, wo ihr Mann war. Einen ganzen Tag war sie zu Fuss unterwegs bis zur nächst grösseren Stadt, wo sie schliesslich Hilfe fand.

Katastrophe als Wendepunkt

Die Katastrophe wurde zum Wendepunkt. Heute ist vieles anders. Nach intensiver Nothilfe hat das Schweizerische Rote Kreuz sich damals entschieden, die Bevölkerung in dieser Region langfristig bei der Katastrophenvorsorge zu unterstützen. In 75 Dörfern von Olancho wurden zusammen mit der jeweiligen Bevölkerung Gefahrenkarten erstellt, Notfallkomitees ausgebildet und Evakuierungspläne erarbeitet. Da eines der Hauptprobleme die Erosion der abgeholzten Hänge ist, wurde in jedem Dorf zur Wiederaufforstung eine Baumschule gegründet. Das Schulmaterial, mit dem Leda Pavón die Kinder sensibilisiert, wurde ebenfalls vom Roten Kreuz entwickelt und zur Verfügung gestellt.

Jocomico erweckt heute den Eindruck einer gut organisierten Gemeinschaft. Gleich neben dem Schulhaus befindet sich die Baumschule. In einem Pflanzentunnel werden junge Bäume gezogen. Die Schulkinder helfen beim Giessen, Düngen und Umtopfen. Das halbe Dorf kommt mit, um dem Besuch aus der Schweiz, zu dem auch Rotkreuzrat Toni Frisch gehört, seine Aufforstungen zu zeigen.

Aufforstung wohldurchdacht

In steilem Gelände werden die Setzlinge nach einem fixen Schema eingepflanzt: immer zwei Meter voneinander entfernt, schön auf gleicher Höhe; die nächste Reihe versetzt, zwei Meter weiter unten. Ein aus Holz gezimmertes Dreieck, auf dem eine Wasserwaage montiert ist, hilft bei der präzisen Arbeit. «Es ist wichtig, die Bäume entlang der Höhenkurve zu pflanzen. So können wir zwischen den Stämmen kleine Gräben ziehen, in denen das Wasser während der Regenzeit aufgefangen wird und versickert, statt ungebremst den Berg hinunter zu strömen», erklärt Carlos Aguilar Mejia, der Präsident des lokalen Notfallkomitees. In den letzten Jahren wurden in Jocomico Hunderte Bäume gepflanzt. Zuerst konnten damit jene Hänge stabilisiert werden, die gemäss der Gefahrenkarte besonders viele Häuser bedrohten. Jetzt auch die etwas weiter entfernten.

Um den Waldbestand zu schonen, erhielten zudem sämtliche Familien eine neue, ökologische Kochstelle: Diese braucht nur etwa halb so viel Holz wie der herkömmliche, offene Herd. Zudem leitet neu ein Rohr den Rauch aus der Küche ins Freie, wodurch die Gesundheit der Frauen und Kinder geschont wird.

Schutz in der Kirche

Ergänzend zu den baulichen und ökologischen Massnahmen wurde ein Frühwarnsystem entwickelt, damit sich die Menschen bei Gefahr rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Mit einem weitherum hörbaren Horn informiert der Notfallkomitee-Chef Carlos Aguilar Mejia die Bevölkerung, wenn sich ein Unwetter anbahnt. Die Anzahl Hornstösse gibt Auskunft über die verschiedenen Gefahrenstufen. Erklingt es zehnmal nacheinander, wissen die Menschen, dass sie in die Kirche eilen müssen – den sichersten Ort in der Umgebung.

«Seit wir gemeinsam etwas gegen die Gefahren unternehmen, fühle ich mich viel sicherer. Wir sind den Launen der Natur nicht mehr schutzlos ausgeliefert», stellt Leda Pavón fest. Stolz weist sie auf den Hang hinter ihrem Haus, der jetzt mit zahlreichen tief wurzelnden Bäumen stabilisiert ist. Als Lehrerin habe sie zudem das Privileg, einen besonders nachhaltigen Beitrag zu leis ten:«Der Unterricht in Katastrophenvorsorge ist das Sinnvollste, das ich für eine bessere Zukunft tun kann.»