Kirgistan

Ein Land so vielseitig wie das Leben

Kirgistan ist das kaum bekannte Land der vergessenen Katastrophen. Wenig besiedelt bieten sich wundervolle Landschaften. Das gebirgige Binnenland ähnelt der Schweiz.

Grandiose Landschaften, spektakuläre Passfahrten, wilde Bergbäche, ewiger Schnee – und im Frühjahr wird das Vieh zusammengezogen und mit den Hirten auf die «Alp» – ins Hochland - geschickt. Kommt uns das bekannt vor? Doch Kirgistan ist fast fünf Mal so gross wie die Schweiz, zählt aber nur gut zwei Drittel so viele Einwohner.

30 Prozent der Kirgisinnen und Kirgisen leben unter der Armutsgrenze.

«Unser Land wird oft als die Schweiz Zentralasiens bezeichnet, aber es gibt natürlich vieles, das anders ist und bei dem wir Nachholbedarf haben», sagt Elzat Mamutalieva, die Länderkoordinatorin des SRK, selber Kirgisin. Der junge Staat hat erst 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion die Unabhängigkeit erlangt. Danach durchlief er immer wieder Phasen politischer Turbulenzen. Hohe Arbeitslosigkeit, eine ungenügende Infrastruktur und schwache staatliche Strukturen sind Gründe dafür, weshalb mehr als 30 Prozent der Kirgisinnen und Kirgisen unter der Armutsgrenze leben. Ausserhalb der grossen Städte haben die meisten Menschen kein fliessendes Wasser. Die Strassen sind mit Schlaglöchern durchsetzt und im Winter oft unpassierbar.

Vergessene Katastrophen

Eine enorme Herausforderung sind die vielen Naturgefahren. Kirgistan liegt in einer tektonisch aktiven Zone, in der es immer wieder zu Erdbeben kommt. So auch dieses und letztes Jahr im Süden des Landes. Beide Male gab es massive Zerstörungen und mehrere Todesopfer. 2008 kamen bei einem Erdbeben der Stärke 6,6 mindestens 72 Bewohner eines Bergdorfes ums Leben.

Eine jährlich wiederkehrende Gefahr ist das Wasser. Wenn im Frühjahr der Schnee schmilzt und es gleichzeitig heftig regnet, drohen unten im Tal Überschwemmungen. Durch den Klimawandel wird diese Gefahr noch akuter. Denn in Kirgistans Gebirge gibt es rund 2200 Gletscher, die aufgrund der globalen Erwärmung im Rückzug begriffen sind.

Die staatliche Katastrophenbehörde kann die immensen Bedürfnisse nicht alle decken. Sie konzentriert sich auf jene Regionen im Süden, wo sich in der Vergangenheit die folgenschwersten Katastrophen ereignet haben – wie die grossen Erdbeben. Vernachlässigt werden dabei jene Regionen, in denen die Menschen immer wieder von Naturkatastrophen betroffen sind – doch das Ausmass jedes einzelnen Ereignisses ist zu wenig dramatisch, um die Aufmerksamkeit der grossen Medien auf sich zu ziehen. Für die betroffenen Familien sind diese Katastrophen indes existenziell. Talas ist eine solche Region der vergessenen Katastrophen. Das SRK engagiert sich deshalb zusammen mit dem Roten Halbmond in Talas und hilft den Menschen, sich vor Katastrophen zu schützen und auf Ernstfälle vorzubereiten.

Vielseitiges Länderprogramm des SRK

In einer anderen Region betreibt das SRK seit Anfang Jahr zusammen mit dem Kirgisischen Roten Halbmond ein augenmedizinisches Programm. Vorher war der nächste Augenarzt bis zu 300 km weit entfernt – unerreichbar für die Ärmsten. Nachholbedarf besteht auch beim Blutspendewesen. Hier unterstützt das SRK zusammen mit dem Gesundheitsministerium und dem Roten Halbmond Blutspendekampagnen.

In der Hauptstadt Bishkek hilft das SRK beim Aufbau eines Hauspflegedienstes und unterstützt Initiativen zur Selbsthilfe für ältere Menschen. In städtischen Gebieten, wo der traditionelle Familienzusammenhalt nicht mehr funktioniert, weil die Jungen woanders arbeiten, sind betagte Menschen oft auf sich selbst gestellt. «Wir beziehen stets auch die Behörden in unsere Planung mit ein, denn es geht darum, Lücken zu schliessen und den Verletzlichsten zu helfen», betont die Länderkoordinatorin Elzat Mamutalieva. Zwölf Jahre hat die 38-Jährige im Ausland fürs Rote Kreuz gearbeitet. Jetzt ist sie zurück in ihrer Heimat Kirgistan: «Es ist ein Privileg, für das SRK in meinem eigenen Land zu helfen. Die Menschen wollen weiterkommen und ihr Schicksal in die Hand nehmen. Es gibt nichts Schöneres, als sie dabei zu unterstützen.»