Katastrophenvorsorge in Vietnam

Dem Wasser zuvorkommen

Im Süden Vietnams ist Wasser die Basis für die Aquakultur, die den Bewohnern Nahrung und Einkommen sichert. Es wird aber zur Gefahr, wenn Unwetter zu Überflutungen führen. Das SRK unterstützt betroffene Gemeinden in der Katastrophenvorsorge und beim Umweltschutz.

Dat Mui liegt am südlichen Ende des Mekong-Deltas und ist von fast allen Seiten von Wasser umgeben. Die Gemeinde am Meer besteht aus fünfzehn Weilern, die über Wasserwege und erst seit kurzem via Strassen erreichbar sind. Die einfachen Wohnhäuser sind ganz auf das Leben am Wasser ausgerichtet, denn der Mekong ist wichtiger Transportweg und Nahrungsgrundlage. Der Fluss liefert Wasser für die Reisfelder und für die Fischzucht, mit denen sich die Menschen selbst versorgen. In einem Weiler mit gut hundert Haushalten ist die 58-jährige Danh Thi Soi zu Hause.  

Bevölkerung beteiligt sich 

Die resolute Familienfrau engagiert sich für die Gemeinde und ist an Neuerungen interessiert. Natürlich ist sie an vorderster Front dabei, wenn das Rote Kreuz zur Informationsveranstaltung über den Katastrophenschutz ins neue Gemeindehaus von Dat Mui einlädt. Das auf Pfeilern gebaute Haus dient nicht nur für Versammlungen. Im Katastrophenfall könnten hier die Evakuierten zwei bis drei Tage unterkommen. Gebaut wurde es mit Unterstützung des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), das acht Gemeinden der Region in der Katastrophenvorsorge begleitet.  

Danh Thi Soi wird die Informationen der Veranstaltung an ihre Nachbarn weitergeben. Zudem setzt sie sich bei der Behörde für die Anliegen der Benachteiligten ein. «Ein Damm müsste gebaut werden, um provisorische Behausungen vor Wasser zu schützen», fordert Danh Thi Soi im Gespräch mit dem Gemeindepräsidenten.  

Die SRK-Delegierte vor Ort, Yvonne Rufibach, erklärt die Vorgehensweise: «Die Gemeinde macht Vorschläge, was sie zum Schutz vor Katastrophen am dringendsten braucht und auch mitfinanzieren kann.» Die betroffene Bevölkerung kann sich in Arbeitsgruppen einbringen, dabei wird auf ausgeglichene Vertretung von Frauen und Männern geachtet.  

Die Gemeinden am Mekong kämpfen alle mit den gleichen Problemen: Überschwemmungen, Dürre und Stürme. Die Schutzmassnahmen können aber unterschiedlich umgesetzt werden. Eine Strasse, ein Evakuierungszentrum, Schulung in Erster Hilfe, Aufklärung im Umgang mit Wasser oder eine Müllsammlung – all dies trägt direkt oder indirekt zur Katastrophenvorsorge bei und wird auf Antrag vom SRK unterstützt.  

«Die Ärmsten sind zu hundert Prozent von der Natur abhängig», erklärt Dorfbewohnerin Danh Thi Soi «und in den letzten Jahren ist die Natur immer unberechenbarer geworden.» Überschwemmungen, Erosion und Versalzung des Grundwassers bedrohen existenziell die Menschen, die von Fischzucht und Reisanbau leben. Auch die Familie von Danh Thi Soi. Ihre Söhne sind als Wanderarbeiter in der Landwirtschaft tätig. Ihnen droht der Verlust der Lebensgrundlage, sollte die Gemeinde wieder von einem Wirbelsturm heimgesucht werden. Die Erinnerung an den Taifun Linda vor zwanzig Jahren, der in Dat Mui gegen hundert Todesopfer forderte, ist noch präsent. Inzwischen ist man in der Gemeinde besser auf Katastrophen vorbereitet. 

«In den letzten Jahren ist die Natur immer unberechenbarer geworden.» 

Trotz der ernsten Thematik geht es am Informationsanlass heiter zu und her. Spiele stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Gesangseinlage des lokalen Rotkreuz-Vorsitzenden sorgt für Unterhaltung. Aber nicht nur: Mit einem neuen Text zu einem bekannten Schlager bringt der Sänger die Botschaft der Katastrophenvorsorge auch weniger Gebildeten näher: Wie verhalten wir uns vor, während und nach einer Katastrophe? Wie vermeiden wir Abfall? Wie gehen wir sparsam mit Wasser um?  

Kinder machen es vor 

Der richtige Umgang mit Wasser ist denn auch Thema im Schulunterricht. Korrektes Händewaschen, um Durchfallerkrankungen zu vermeiden, und Sensibilisierung für Umweltschutz gehören in drei Gemeinden, die das SRK unterstützt, zum Lehrplan und sind Teil der Katastrophenvorsorge. «Kinder übernehmen Verhaltensänderungen schnell und tragen sie zurück in die Familie», erklärt SRK-Vertreterin Yvonne Rufibach. 

Tatsächlich seien die Umweltprobleme, in dieser Region zu einem erheblichen Teil menschgemacht, führt Yvonne Rufibach weiter aus. Die Mangrovenwälder, die den Fluss säumten, wurden grossflächig abgeholzt. Abwasser und Plastikmüll haben den Mekong zu einem der meistverschmutzten Flüsse weltweit gemacht. Und die Gemeinden an der Küste sind vom Ansteigen des Meeresspiegels direkt betroffen.  

«Das Wetter ist extremer geworden», bestätigt Danh Thi Soi, die mit bald sechzig Jahren schon vieles gesehen hat. Die Gemeinden am Mekong sind stärker von Naturkatastrophen bedroht und zusätzlich gefordert, weil präzise Vorhersagen schwierig sind und Prognosen rasch ändern können. Motivierte Freiwillige wie Danh Thi Soi, die sich begeistert und beharrlich für die Gemeinde engagieren, sind in einer solchen Situation ebenso wichtig wie bauliche Massnahmen und Evakuierungspläne.